Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 446 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606798--9483-9606808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 446. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Was bleibt nun von Babel in der Bibel? Am Sonntag, den 20. August 587 (kein anderes Datum!) vor Christi Geburt hatten die Babylonier den salomonischen Tempel von Jerusalem verbrannt; ein großer Teil der Juden wurde nach Babel übergeführt, wo sie bis zur Freigabe dnrch Cyrus (538 vor Christo) blieben. Was nun von den alten Schriftwerken Israels noch gerettet war, wurde nach der Rückkehr gesammelt, zu einem Ganzen bearbeitet, und so entstand der heutige Pentan tench und die übrigen vorexilischen Bücher des Alten Testaments in ihrer jetzigen Form. Vieles in diesen Büchern ist sehr alt; es ist abgeschmackt, behaupten zu wollen, daß nichts von alledem, was wir besitzen, hinaufgehen könne bis in die Zeit von Moses, der lesen und schreiben konnte und der um die Mitte des vierten Jahrtausends nach dem braven Pyramiden-Cheops, der auch hatte lesen und schreiben können, ernsten Studien in Aegypten obgelegen war. Vor dem Exil mußte der ägyptische Einfluß den chaldäischen aufwiegen; nach der Rückkehr aus Babylon überwog der Persiens und Babels, bis auf die neuere Zeit hinab, wo der babylonische Talmud entstand und gerade in dieser Gegend die jüdischen Hochschulen blühten. Nun tritt genau das entgegengesetzte ein: einen großen Teil der technischen Ausdrücke in den juristischen Keilinschriften können wir nur aus dem Talmud erklären, der sie den Chaldäern entlehnt hatte. Das aber, was im Pentateuch entlehnt und wirklich und allein babylonisch ist, hat Herr Delitzsch nicht berührt. Es ist die sogenannte gemachte Chronologie der Genesis, und dieses chaldäische Geschenk vom Alter der Welt, das die Juden auf sechstausend Jahre reduzierten, ist die schlimmste Gabe, die Chaldäa unserer Zeit geben konnte. Von der Bibel-Babel oder Babel-Bibel bleibt also sehr wenig übrig." Jln 'Jerusalem. Wie geht bas zu, baß bie heilige Stabt zur Buhlerin geworben ist? Iesaia 2\. 3i) schüttle ab den Staub von nieinen Schuhen Und pilgre fort aus der Verheißung Land, Vom Boden fort, in dem Propheten ruhen, In Dpferglut Jehovas Altar ftand. „wer weilen dürfte an den Heilgen Stellen!" U)ar meiner Jugend Munsch und früher Traum; Ls sehnt der pirsch nach frischen Masserquellen, U)ie nach Jerusalem mein Herz, sich kaum! (D hätt ich niemals deinen Grund betreten Und dich geschaut nur mit der Sehnsucht Blick! Mas führte, günftger mir als dem Propheten, Mich in das Land der Väter das Geschick! Gebälk von Ledern sah ich stolz sich heben, Musik der Psalmen tönte wunderbar, Und schöner als es jemals war im Leben, In Glorien stellte sich dein Bild mir dar! Ich kam, o nur die Berge sind geblieben, Zu Gräbern ausgehöhlt, bis hoch empor, Drin ruhn, vom Zorn Jehovas aufgerieben, Sein Volk, die Aönige, der Priester Thor. Mo sind die Psalmen, wo die dustgen Blumen? Und der so lang um Zions Fall geweint, Und Spiegel war von seinen heiligtumen, Der Aidron selbst, er ist versiegt, versteint. Unsterblicher Genoß! dein muß ich denken, Den auch hierher geführt der Sehnsucht Pein, Mit Tränen diesen Heilgen Staub zu tränken, Ans Herz zu drücken selbst den toten Stein. U)ie eine Harfe in des Sängers Händen, In Sehnsucht zitterte, wie mir, dein Herz. Menn Aönigskronen sich ums Haupt dir wänden, Du würdest sie Hinschleudern hier im Schmerz. Und als du sahst die Hunde hier zerfleischen Dein Volk, den edlen, königlichen Leun, Als du gehört die Brut der Baben kreischen, Die Adler zu verzehren sich nicht scheun; Da haben Zorn und Gram dein Herz bezwungen. Und aus Ruinen weinend vor dem Tor, ast du dein schönstes, ewges Lied gesungen, s brach wie Masier aus dem Fels, hervor. Lin Beiter sprengte da von Zion nieder Und warf die Lanze funkelnd dir ins Herz, Und auf den Lippen noch das Lied der Lieder, Verging dein Geist in wehem Doppelschmerz. Gleicht auch mein Lied nicht deiner Zionide Juda halevi hieß inein Vater auch, Und Zions Untergang im Alageliede Besing auch ich, umweht vom Gräberhauch. Doch meinen Namen nennet ein Jahrhundert Dem andern nicht, wie deinem stolzen Ruhm. Marum traf mich, wenn nicht gleich dir bewundert, Aus Zions Schutt ein größres Martyrium? Lin Lanzenstoß hat dir das Herz durchstochen, Mir gingen lausend durch die Seele hier; Lin fremder Feind hat dir das Herz gebrochen, Der Stammgenosse und der Bruder mir! Du Glücklicher! vom Feind sahst du getreten Dein Volk, ich aber, wie es selbst sich schlägt Und in der Stadt des Herrn und des Propheten Zur Schau die geistigen Ruinen trägt. Zerbrochne Säulen und geborstne Quadern, Mas sind sie wert noch, denen Gott gegrollt, Menn dem, der um sie weint, nicht in den Adern Der warme Strom der echten Liebe rollt! Sie kommen in Jerusalem zu sterben Und auszuruhn im Tale Josaphat — Ls starb auch mein Herz, als ich diesen Lrben Von Gottes heilgem Aönigreich genaht. Ich sah auch sie, die neuen Zionswächter, Den Reigen tanzen um das goldne Aalb, Von Israel verachtete Verächter, Sind halb des Glaubens sie, des Mahnes halb. Jehovas Mitwe feit uralten Tagen, Legt sie den Schleier ab, getröstet schon? Seh ich das heiligste zu Markt sie tragen, Scheint sie das Meib von Babylon! Und wenn es noch nicht in Ruinen läge, Das dreimal heilige Jerusalem, Jetzt müßten es zerschmettern Gottes Schläge, Zerbrechen ihm das Strahlendiadem. Mohl leben zehn Gerechte unter ihnen — Von welchem Volk? zu sagen wär es schwer! Mie stürzte sonst sich über die Ruinen Vertilgend nicht ein neues, totes Meer!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.