Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 445

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 445 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606798--9482-9606807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Israelitische Wochenschrift. Seite 445. Vir. 32. sollte sie fehlen können, ohne daß ein Mangel an humaner Ausbildung fühlbar würde, eine Schwäche ein wesentliches Unvermögens Das kann ich nicht glauben, so gern man auch die Sache umkehrt, so häufig es auch Vorkommen mag, daß, um in einem Gleichnis zu reden, ein Adler, dem die Schwungfeder erlahmt ist, seine Genossen zu überreden sucht, daß es das allein Vernünftige sei, Schritt für Schritt auf festem Boden einherzugehen, anstatt mit keckem Selbstvertrauen in die Höhe zu fliegen." * * * II. Kurt Ureysig, Urofestor der Geschichte an der Berliner Universität in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit (Vergleichende Entwicklungsgeschichte der führenden Völker Europas und ihres sozialen und geistigen Lebens, Berlin, G. Bondi, 1900/1901) kommt er auch auf den jüdischen Kern des Christentums zu sprechen und wir entnehmen ihm folgende Stellen (Band II, Seite 678 ff.): „Das Christentum ist aus dem Geiste des jüdischen Volkes heraus geboren, ist sein Erzeugnis, seine größte Leistung. Jesus ist so ganz erfüllt gewesen von den letzten und tiefsten Gedanken seines Volkes, daß er uns Nachgeborenen erscheint wie der fleischgewordene Genius des Judentums. Alles, aber auch alles, was den Christenglauben hinaushebt über die anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs, so vor allem andern die unerhörte Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen einen Gottes. Beides war Jahrtausende alter Besitz der jüdischen Nationalreligion, und Jesus hat an ihm nichts geändert, hat nichts dazu getan, noch etwas davon entfremdet. Nicht Griechen, nicht Römer, nicht Germanen haben je den Gedanken eines einzigen, höchsten und doch persönlichen Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern der Weltgeschichte es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demütigen, wie dieser grüblerische Hirten- und Bauernstamm schon in seinem frühen Mittelaller getan hat. Neben den großen Besitztümern des Christentums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigentümliche Gedanke eines zur Erde niedersinkenden Gottesreichcs und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittlers zwischen dem Gott und den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charakterzug der äußeren Form von der alten auf die neue Religion über. Weder Griechen, noch Römer, noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur gemacht wie die Juden, deren gesamte geistige Tätigkeit sich von jeher auf diesen einen Punkt konzentriert hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs; kein Europäervolk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält, wie die Juden, und keines anderen Volkes Sittenlehre war so ganz auf dem Grundsatz der Nächstenliebe aufgebaut wie diese. Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stück am meisten gesteigert und aufgehöht, was er vorfand. Aber wieviel ist nicht damit schon gesagt, daß dieser Verkünder aller Selbstentäußerung und Hilfsbereitschaft eine Sittenlehre vorfand, die er nur zu potenzieren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen. Das historische Ergebnis all solcher Betrachtungen bleibt, daß das Christentum in all seinen charakteristischen Eigenschaften, in seinem unbedingten Ein-Gottesglauben, in seinen altruistischen Konsequenzen und in seinen gewalttätig-egoistischen Inkonsequenzen den Stempel jüdischen Geistes trägt. Es war das schicksalsreiche Geschenk des Orients an den Westen, und nacheinander haben es sich die Griechen, die bis dahin so wenig fremde Kulturgüter angenommen hatten, die Römer und schließlich auch die Germanen zu eigen gemacht." * * * III. Der Senior der Assyriologen, Urofesior Autius Hppert in Paris, der kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert, hat zurzeit auch seine Ansicht über die bekannten Vorträge des Professors Friedrich Delitzsch abgegeben. Er hat das in einer Form getan, die zuweilen scharf polemisch, deren Geschlossenheit aber doch Eindruck macht, zumal, wenn man bedenkt, daß diese wissenschaftlichen Ausführungen von einem Mann kommen, der selbst an der Grundlage der von Delitzsch verkündeten Entdeckungen, an der Entzifferung der Keilschriften in hervorragendem Maße mitgearbeitet hat. So schreibt Julius Oppert u. a.: „Gegen alle die, welche die Bibel in ihrer heutigen Form für ein Diktat des lieben Herrgotts halten, hat Herr Friedrich Delitzsch leichtes Spiel. Er geht von dem irrigen Satz aus, daß alles, was wir in der Bibel lesen, alle Sagen, alle Gebräuche, alle sittlichen Vorschriften chaldäischen Ursprungs seien. Aber was wirklich aus Mesopotamien stammt, verschweigt er mit scharfsinniger Klugheit Allerdings sind die Juden, wie die Griechen, ein junges Volk, „Kinder", wie die ägyptischen Priester zu Plato sagten, und die chaldäische Kultur ist um einige Jahrtausende älter als die Israels. Moses steht ja gerade in der Mitte zwischen dem Pyramidenzeitalter (5000 vor Christi Geburt) und dem unsrigen Die chaldäische Kultur war die Schöpfung eines aus Zentralasien stammenden turanischen Volksstammes, der in grauer Vorzeit in die Ebene Mesopotamiens hinabstieg, der die Keilschrift als eine ursprüngliche Bilderschrift erfand, ein Schriftsystem, über das Herr Delitzsch selbst ein treffliches Buch geschrieben hat. Seit dem sechsten Jahrtausend kamen semitische Einwanderer in die Euphrat- und Tigrisländer, und die Vereinigung dieser zuerst getrennt lebenden Stämme ergab, was Herr Delitzsch die babylonische Zivilisation nennt. Gegen das Ende des dritten Jahrtausends zog nach dem Westen aus Ur in Chaldäa eine große Persönlichkeit, die nach dem babylonischen Geschichtsschreiber Berosus auch bei den Chaldäern ein geachtetes Andenken hinterlassen hatte: Abraham, der zuerst, wie wir wissen, den Glauben an ein höchstes Wesen aussprach. Ob er diese Idee von früheren entlehnt, wissen wir nicht. Wenn die Mohammedaner Abraham als den ersten Muslin bezeichnen, so haben sie recht; auf jeden Fall ragt er hervor durch seinen Monotheismus, während die Babylonier stets Polytheisten waren und geblieben sind. Die roheste Naturgötterei und Vielgötzendienst waren bis auf die römische Zeit hinab die Religion der Assyro-Babylonier. Ganz absonderlich muß es jedem Vorkommen, daß Delitzsch aus Pauva-El, daß vielleicht gar nicht so gelesen wird, auf Jehova und dessen babylonischen Ursprung schließen will. Es mag ja einen elamitischen Gott Parma gegeben haben, aber dieser Name ist wie Bel-El, Marduk-El einer der vielen Namen, die wir in den babylonischen Eigennamen finden, und die „Bel oder Merodach oder Pau ist Gott" zu übersetzen sind. Der schöne Name El-ittya, „Gott mit uns", findet sich vielfach auch in der polytheistischen Zeit; er beweist so wenig für den Monotheismus der Chaldäer wie die Namen Thukydides, Timotheus für den Monotheismus der Griechen .... Schließlich kommt der ganze Nachweis von dem sogenannten babylonischen Ursprung der jüdischen Kultur auf folgendes hinaus: wir können beweisen, daß die Chaldäer die Nase mitten im Gesicht hatten, die Juden auch; also stammen die Nasen der Juden aus Babylon. Was aber den himmelweiten Abstand der babylonischen und der jüdischen Kultur kennzeichnet, ist die Kluft, die sich in den Werken der Zivilisation beider Gesittungen kundgibt. Mit Recht bemerkt ein protestantischer Schüler des Herrn Delitzsch, es genügen, um diesen Abstand zu kennzeichnen, einige in der lutherischen Bibel fettgedruckte Stellen des Alten Testaments ....

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.