Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 444 Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. der Höhe ist der Ewige" (Ps. 53). Wie die Spuren der Wellen sich nur zart und leise auf den Wogen des Meeres einzeichnen, so sind es gar feine Striche, die den Weg Gottes in der Geschichte bekunden: „Auf dem Meere ist dein Weg und dein Pfad auf weiten Wassern, deine Spuren merkt man kaum" (Ps. 77, 20). Wenn Welle jagt die Welle und die Wogen einander überstürzen, dann denkt der Dichter an den Flutenschwall und an das Wogengebrause eines feindseligen Geschickes und ruft in tiefer Wehmut, „alle deine Wellen und und Brandungen kamen über mich" (Ps. 42, 8). Sturm und Stille! Auf dem Meere und im Leben. Im Schicksal und im Herzen. Der Prophet sieht einen Meeres, sturm. Wolken türmen sich, Wellen drängen sich, Winde jagen! Ueber wallender Flut ein düsterer Himmel! Doch bald dringt Sonnenglanz durch Wolkendunkel. Licht wird's. Die Stürme schweigen. Die Wellen glätten sich. Freundlich glänzt die See und spiegelt den heiteren Himmel. So ists mit dem Zornwetter der göttlichen Strafgerechtigkeit. Nur eine kleine Weile entzieht er uns sein leuchtend Liebesantlitz, doch bald wieder umfaßt er uns mit seiner weltenerlösenden Gnade (Jes. 54, 8). Oder Jesaias sieht ein Schifflein, sturmgepeitscht, wellenumdräut, ein willenloses Spielzeug ists dem Wind und den Wellen. An Israels Geschick gemahnt es das sinnende Auge des Propheten (Jes. 54, 11). Dann merkt er, wie die Wogen Schlamm und Morast aufspritzen. Zeigt nicht auch der Sturm der Leidenschaften den Schmutz auf dem Grunde des Menschenherzens? „Die Frevler sind wie das aufgeregte Meer, das nicht schweigen kann, dessen Wellen Schlamm und Lehm auswirbeln" (Jes. 57, 11). Die ruhige See, die im stillen Frieden des Himmels Bild in sich trägt, ist dem Psalmisten ein gewaltiges Symbol des in Gott zufriedenen Herzens (Ps. 131, 2). Was der Prophet gepredigt, was der Psalmist gesungen, klingt weiter durch die Ferne der Zeiten und hallt noch wieder bei ihren späten Enkeln: „Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Ebbe, Sturm und Flut Und manche schöne Perle Auf seinem Grunde ruht." Gedanke» und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Iudentnni. I. Professor Dr. Krnll Gurtiris in Berlin war nicht nur einer der erlauchten, fruchtbarsten Vertreter seiner Wissenschaft, sondern auch einer der mutigsten, redegewaltigsten Wortführer der Glaubensduldung und Bürgereintracht. Als zu Beginn der antisemitischen Bewegung hervorragende Männer aus allen Berufsschichten mahnend ihre Stimme erhoben, fehlte Ernst Curtius nicht, und als dann ein Jahrzehnt später ein gleich illustrer Kreis das öffentliche Gewissen zur Abwehr wachrief, schloß sich der greise Historiker, an dessen Gesinnungslauterkeit auch die wüsteste Schmähsucht sich nicht heranwagte, willigst ihnen an. In der Festrede, welche er in der Akademie der Wissenschaften bei der Feier des Geburtstags weiland Kaiser Wilhelms I. am 22. März 1876 gehalten und dann gedruckt herausgegeben hat, behandelte er die Beziehungen zwischen Juden und Hellenen, zunächst die beiden gemeinsame Eigentümlichkeit, sich gegen Fremdes abzuschließen, und fährt hierauf fort: „Bei beiden Völkern war es ein geistiger Besitz, der ihnen das stolze Selbstgefühl gab; beide waren kleine Völker, verschwindende Minoritäten unter der Masse der umwohnenden Nationen. Beiden war das spröde und vornehme Verhalten gegen das Ausland notwendig, weil sie in der Abwehr des Fremden und der Verteidigung ihrer Eigenart sich ihrer selbst bewußt und stark geworden sind. Beide haben in ihrer Absonderung etwas zustande gebracht, das an innerer Bedeutung über ihre nationale Selbständigkeit weit hinausreicht; beide haben uns ein Erbe hinterlassen von solchem Wert, daß sich noch heute die Völker darnach unterscheiden, wie weit es ihnen gelungen ist, dasselbe sich anzueignen, einen Schatz für die Menschheit, welcher verschüttet, vergessen, als abgetan weggeworfen, aber immer wieder hervorgezogen ist und immer neue Lebens- und Segenskraft bewährt hat". Auf die Hellenen mit ihrer künstlerischen Vielseitigkeit übergehend, findet Curtius, daß bei ihnen die reine Gottesidee wie eine verblaßte Erinnerung aus dem Vaterhause, eine inhaltsleere Vorstellung gewesen sei, und bemerkt alsdann: „Dies wendet unfern Blick auf das andere der beiden Völker, das einzige neben den Hellenen berechtigte, sich mit stolzem Selbstgefühl der Menschenwelt gegenüber zu stellen, das geschichtliche Gegenbild der Hellenen. Was diesen fehlt, ist hier der Kern des Volkstums, das allein Sichere und Unbedingte. Hier ist kein Umherlasten und Suchen nach dem unbekannten Gott, sondern ein Erfassen der Menschen durch die Gottheit; hier sind keine nebelhaften Ahnungen, sondern Tatsachen, kräftige Zeugniffe, und zwar nicht einzelne Lichtblitze, die wie Wetterleuchten die Nacht durchkreuzen, sondern ein in großem Zusammenhang aus einfachen Grundlagen immer voller und mhaltsreicher sich gestaltender Bund zwischen Gott und den Menschen mit persönlicher Gegenseitigkeit, in welchem das ganze Leben des Volkes aufgeht. . . . Was hier vorliegt, ist etwas so Eigenartiges, daß es sich aus dem Entwicklungsprozeß eines sich selbst überlaffenen Volks nicht erklären läßt, und je weitere Umschau der Wissenschaft gestattet ist, um so mehr Analogien finden wir zwar, aber nichts, was als eine genügende Vorstufe angesehen werden könnte. Zweitens: Was hier zustande gekommen ist, erst als ausschließlicher Besitz eines Volks, dann, wie die Bildung von Hellas, das enge Gefäß sprengend und vereinigt und vervollkommt, wie ein Lebensstrom in alle Welt hinausflutend — das ist die Grundlage aller höheren Gotteserkenntnis, die noch heute aus Erden zu finden ist; das ist neben Wissenschaft und Kunst, in denen wir den Hellenen folgen, die zweite weltbewegende Macht, und die ganze Entwicklung menschlicher Bildung hängt davon ab, wie sich die beiden Mächte zu einander verhalten." M Indem er die Schlüsse aus diesen geschichtlichen Beobachtungen zieht, spricht der gefeierte Historiker mit einer Glut von der Macht des Glaubens, welche die religiös empfindenden aller Konfessionen wohltuend berühren muß und von den Skeptikern und Stürmern beherzigt werden sollte: „Dem Menschenherzen ist das Bedürfnis eingepflanzt, seines Gottes gewiß zu sein, und es ist eine Kraft vorhanden, ihn persönlich zu ergreifen. Es ist eine Kraft, durch welche die höchsten Leistungen, deren das menschliche Wesen fähig ist, zustande gekommen sind, die vollständige Ueberwindung der materiellen Welt, die freudigste Hingabe von Gut und Blut, der höchste Triumph des freien Menschengeistes; es ist die Kraft, in welcher Gefühl, Erkenntnis und Tat am vollkommensten sich durchdringen, die Kraft des Glaubens. Wie arm wäre die Menschengeschichte, wenn ihr das Heldentum fehlte, das in dieser Kraft wurzelt! Jeder Forscher geht ihren Spuren emsig nach, die Kunst kennt keine höhere Aufgabe, als ihr Wirken darzustellen; sie ist die Quelle der reinsten Poesie, und für unser Leben sollte sie etwas Gleichgiltiges sein, in uns