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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 442

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 442 (sequence 6)
Language
German
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Seite 442. Israelitische Wochenschrift. 'Ar. 32. Herrn auch nach Juda hineinströmte. Also Sabbat und Neumond waren ursprünglich Feiertage und werden dadurch naturgemäß auch zu Ruhetagen für Herren wie Knecht und Vieh, ohne daß diese Ruhe als von Jahve geboten erwähnt wäre. Nach ihrer Beseitigung mußte sich — namentlich in der Zeit des Erntens und Pflügens - das Bedürfnis nach Einführung anderer Ruhetage geltend machen. Nun spielt bei den Hebräern gerade wie bei den Babyloniern die heilige Sieben eine große Rolle, ohne daß man mit Sicherheit den Grund angeben konnte. Diese heilige Sieben tritt uns auch bei Zeitteilungen im Alten Testament häufig entgegen. Man denke nur an die alle sieben Jahre eintretende Brache des Feldes (2. Mos. 23, 10 f.), an die nach sechs Jahren verordnete Freilassung der hebräischen Sklaven im siebenten Jahre (2. Mos. 21. 1 ff.). Ebenso ist ein siebentägiger Zeitraum beliebt, wie denn eine siebentägige Woche für den Eintritt in die Arche des Noah, 2 (oder 3) siebentägige Abschnitte für den Heraustritt bestimmt sind (1. Mos. 7, 4. 8, 6 ff.). Auch das ursprünglich eintägige Herbsterntefest erweitert sich zu einer siebentägigen Festwoche' (5. Mos. 16, 13 ff.). Nach alledem ist es zu verstehen, daß, wie dem Acker alle sieben Jahre ein Brachjahr, so dem Ackerknecht von je sieben Tagen ein Ruhetag vergönnt ward. Die Erntezeit dauert etwa 50 Tage, so haben wir 7 Wochen von je sieben Tagen, die durch je sieben Ruhetage von einander getrennt sind und am Schluß ein Abschlußfest der Frühjahrsernte bieten. Ein solches Fest fand im Winter nach dem Pflügen nicht statt, so hören wir auch nur von der Ruhe am siebenten Tage, so lange die Arbeit dauert, ohne daß da eine bestimmte Zeitdauer vermerkt wäre (2. Mos. 34, 21.). Natürlich haben sich diese Ruhetage nicht durch das ganze Jahr hingezogen, denn außer diesen Zeiten war es nicht nötig, daß sich der Knecht und das Vieh „verschnauften" (2. Mos. 23, 12), da eben Arbeit, von der eine Erholung nötig war, nicht vorlag. So haben wir hier zwar einen Ruhetag, aber er zieht sich nicht durch das ganze Jahr hin; weiter ist dieser Ruhetag in Ernte- und Pflügezeit kein „Tag Jahves" und führt auch nicht den Namen Sabbat. Erst die Verschmelzung des das ganze Jahr durchlaufenden alten Vollmondtages, der doch nach Auffassung des israelitischen Volkes ein Jahve geltender Feiertag war, mit diesem je siebenten Ruhetag hat dazu geführt, daß Israel jetzt einen durch das ganze Jahr laufenden, Sabbat benannten Tag erhielt, und daß dieser Tag als „Tag Jahves" und damit die Ruhe an ihm als Gebot Jahves galt. Der Zusammenschluß der zwei Reihen ist aber erst im Exil (586—36) erfolgt, und zwar durch das Eingreifen des Propheten Ezechiel (593—71), den man mit Recht als den Vater des Judentums bezeichnet hat. Es galt ihm, nicht nur für die Zukunft im heiligen Lande, wofür die Verordnungen in Kap. 40—48 bestimmt waren, sondern schon für seine Gegenwart Einrichtungen zu treffen, die ein aufgesogenwerden der jüdischen Gemeinde in der Fremde verhindern konnten. Zu diesem Zwecke waren religiöse Feste besonders geeignet, da sie in Israel das Bewußtsein seiner religiösen Eigenart wachhielten. Die Erntefeste mit ihrem Opfer konnten und durften nur im Lande Jahves, in Palästina gefeiert werden. So faßt Ezechiel sie für die Zeit nach der Heimkehr auch ins Auge, für die Gegenwart, für die Zeit in der Fremde konnte er sie nicht gebrauchen. So schuf er den jüdischen Sabbat. Den alten Sabbat hat Ezechiel wohl nur noch dem Namen nach gekannt, dagegen wird ihm die Sitte des Rühens nach sechs Arbeitstagen aus seiner Jugendzeit in seiner jüdischen Heimat ganz vertraut gewesen sein. Der Name Sabbat, der nach Absterben der alten sabbatlichen Vollmondfeiern zur Verfügung stand, bot sich von selbst für diese Ruhetage. Denn man verstand ihn nach der Bedeutungsentwicklung, die das Wort schabat von dem Sinn „fertig sein" zur Bedeutung „ruhen" genommen hatte, jetzt leicht als „Ruhetag". Das, was dem Juden seine Eigenart erhält ist die Treue zu Jahve, seinem Gott. Diese aber äußert sich nach Ezechiel in alleiniger Verehrung Jahves, in Befolgung seiner sittlichen Gebote und in der Feier des Sabbats, die ja, da jedes Opfern in dem fremden, daher „unreinen Lande" von selbst fortfiel, nur in der Enthaltung von der Arbeit bestand. So wird denn die Ruhe selbst Gottesdienst. ' Auf diese Weise war der Sabbat geeignet, ein Kennzeichen desJuden zu werden. Es versteht sich von selbst, daß er das werden konnte, wenn die Babylonier einen solchen Sabbat oder auch nur etwas ihm ziemlich Aehnliches nicht hatten. Nun vermag man auch die bisher ungelöste Frage zu beantworten, wie es denn gekommen ist, daß der Sabbat und zwar als der je siebente Ruhetag, als zu feiernder Tag Jahves, Aufnahme in das Summarium der religiösen Pflichten jedes Jsreliten, in den Dekalog (die Zehn Gebote) gefunden hat. Es ist doch zu merkwürdig, daß hier überhaupt die Feier eines Tages als religiöses Gebot eingeführt wird und noch merkwürdiger, daß dem Sabbat vor allen andern Festen allein diese Ehre zu teil ward. Weder die Annahme mosaischer Herkunft des Dekalogs, die ja mit Recht von den meisten Forschern aufgegeben ist, da der Dekalog nicht mit Nomaden, sondern mit ansässigen Leuten rechnet, was doch die Israeliten des Moses nicht waren, noch auch die von den meisten kritischen Vertretern des alttestamentlichen Faches bevorzugte Ansicht, daß die zehn Gebote die kürzeste Fassung der prophetischen Forderungen bieten und zur Zeit des Manaffe, etwa um 650, entstanden seien, wird dieser Schwierigkeit gerecht. Die Schüler der Propheten, nach denen Jahve jegliche Feier, auch die des Sabbats, zurückstößt (Hos. 2, 13. Jes. 1, 13), sollten das Sabbatsgebot in den Dekalog gebracht haben! Unglaublich! Vielmehr, unter der Einwirkung Ezechielischer Gedanken ist unser Dekalog entstanden, wie er denn auch tätsächlich in der ganzen vorexilischen Literatur nicht bekannt ist und innerhalb der fünf Bücher Moses den exilischen oder nachexilischen Teilen angehört. (Ex 2. Mos. 20; 5 Mose 5.) So entstand also die Idee des jüdischen Sabbats. Es fragt sich, wann und wie diese Idee zur Wirklichkeit geworden ist. Denn ein anderes ist es, eine solche Forderung aufstellen, und ein anderes mit ihrer sehr schwierigen Durchführung Ernst machen. In der Tat ist dieser Gedanke Ezechiels, den er, wie viele andere, in Babel ersonnen, mit dessen praktischer Anwendung man dort in seinen Kreisen auch wohl einen Anfang gemacht haben wird, nach der Rückkehr zunächst unwirksam geblieben, wie viele andere Gedanken dieses Mannes. Der in Juda verbliebenen jüdischen Volksmasse war ja ein solcher Sabbat ganz unbekannt, und die Zurückkehrenden hätten es kaum vermocht, eine so tief ins Privatleben eingreifende Maßregel durchzuführen, selbst wenn sie gewollt hätten. Aber auch das ist ihnen offenbar nicht in den Sinn gekommen. Nirgends finden wir in den Schriften der um jene Zeit wirkenden Propheten (Haggai, Sacharja, Maleachi) die Forderung der Sabbatruhe, nirgends einen Tadel wegen der Sabbatentheiligung, die doch gewiß nicht ausgeblieben wäre. Ja, einer von ihnen (Sacharja Kap. 7) weist den Gedanken eines „Jahve geweihten Tages" als ungehörig und töricht sehr energisch zurück. Aber unter den in Babylonien verbliebenen Juden lebten Erben des Ezechrelschen Geistes. In ihrem Kreise entstand der sogenannte Priesterkodex, d. h. die dar-

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