Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 432 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 432 Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. die deutschsoziale Partei unter Liebermann von Sonnenberg und eine Parteigruppe unter dem alten Namen deutschsoziale Reformpartei, in der die Verleger der „Deutschen Wacht" in Dresden, Zimmcrmann, und der „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin, Bruhn, den Ton angaben. Inzwischen hat die deutschsoziale Reformpartei sich schon wieder in eine deutsche Reformpartei umgcwandelt. Unabhängig von diesen Parteigruppen stand früher der „Deutsche Volksbund" da, dessen „Großmeister" die durch einen Rütli-Schwur verbundenen Triumvirn Böckel, Paul Förster und v. Mosch waren. Außerhalb der engeren Parteiorganisationen hielten sich auch die beiden antisemitischen Heroen Ahlwardt und Graf Pückler. Bei Beginn der Legislaturperiode suchten die antisemitischen Abgeordneten im Reichstag zum Zweck der Besetzung der Kommissionen mit bündlerischen Wilden einen Kartellverband herzustellen, der sich „Wirtschaftliche Vereinigung" nannte. Aber nicht alle antisemitischen Abgeordneten traten dieser Wirt» schastlichen Vereinigung bei. Bei den Auseinandersetzungen unter den Antisemiten spielt das Verhältnis zum Bund der Landwirte eine große Rolle. Liebermann von Sonnenberg suchte engsten Anschluß an den Bund der Landwirte, so daß es heute manchem schwer sein dürfte zu entscheiden, ob Liebermann von Sonnenberg sich mehr als Führer der Antisemiten oder des Bundes der Landwirte fühlt. Die Deutschsoziale Reformpartei unter Bruhn erblickte dagegen in dem Bund der Landwirte einen unbequemen Konkurrenten, dessen Agitationen der Arbeit der Antisemiten gefährlich zu werden drohten, besonders in Handwcrkerkreiscn. In den mannigfachen „Mittelslandsgründungen" der letzten Zeit kommt dieser Futterneid deutlich zum Ausdruck. In den jüngsten Tagen ist nun noch ein Zwist zum Ausbruch gekommen zwischen zwei bisher aufs engste verbündeten Freunden, zwischen der Redaktion der „Deutschen Wacht" in Dresden und deren früheren Verleger, dem Reichstagsabgeordneten Oswald Zimmermann. Das antisemitische Organ macht seinem allerbesten Freund, den Abgeordneten Zimmermann, öffentlich zum Vorwurf, daß er „in frevelhaftem Uebermut" Differenzen persönlicher Natur vor das Parteiforum gezogen , habe unv häusliche Zwistigkeiten zu einer Skandalaffäre aufgebauscht habe, „die schwer schädigend auf die ganze Partei einwirken muß". Zimmermann rächt sich dafür durch die Mitteilung, daß noch vor acht Tagen die Geschäftsinhaber der „Deutschen Wacht" und deren Redakteur auf dem Parteitage der sächsischen Antisemiten einem Vertrauensvotum für Zimmermann zugestimmt haben. Diese und ähnliche Vorkommnisse lassen erkennen, daß gegenwärtig die Konfusion im Lager der Antisemiten größer ist, als je zuvor. Bezeichnend ist es auch, daß die Nachricht von dem Ankauf des Berliner Antisemitenorgans, der „Staatsbürger-Zeitung", durch den österreichischen Antisemitenführer Lueger auftauchen konnte. Der Uebergang eines Berliner Organs der Antisemiten in den Besitz eines Ausländers fehlte noch gerade zur Vervollständigung einer Charakteristik der antisemitischen Parteien, deren Führer einmal der frühere antisemitische Abgeordnete Böckel vorwarf, keiner gönne dem anderem einen Brocken, jeder einzelne wolle ein Herrscher sein ohne Untertanen. * * * Eine merkwürdige H>rokfama1ion. Der Generalgouverneur von Odessa hat eine Proklamation erlassen, in der bemerkt wird: Er, der Generalgouverneur, habe in der letzten Zeit eine große Anzahl anonymer Briefe erhalten, durch die gewisse Personen als Sozialisten und Revolutionäre bezeichnet werden. Derartigen Briefen lege er keinerlei Bedeutung bei, sondern lasse sie vollständig unbeachtet, da sie seines Erachtens in den meisten Fällen von Leuten herrühren, die aus persönlichen Rachemotiven diese Anklagen erheben. Er habe aber auch eine Anzahl Briefe erhalten, die von Juden geschrieben seien und durch die die Polizei beschuldigt werde, einen Angriff auf die Juden vorzubereiten. Dies sei nach seiner Ansicht vollständig unmöglich, und er verspreche, daß die Regierung jedenfalls nichts derartiges dulden werde. Er, der Generalgouverneur, sei aber erstaunt, daß die Juden es wagen, derartige Briefe an ihn zu schreiben, da die Juden selbst alle Unruhen in Odessa hervorgerufen hätten und da man nur in jüdischen Häusern bei den Haussuchungen Revolver, Bomben und verbotene Literatur finde. Die Proklamation schließt mit den Worten: Ohne die Juden würde kein Belagerungszustand, keine Beunruhigungen, keine „Knjas Potemkin" - Affäre vorgekommen sein, und trotzdem haben die Juden nunmehr die Frechheit, Anklagen gegen die Polizei zu erheben! Es ist nicht unmöglich, daß diese Proklamation in gewissen Kreisen Odessas als eine.Ermutigung zu Angriffen gegen die Juden aufgefaßt wird. Dom „Wnrid". Der „Jüdische Arbeiterbund", kurzweg der „Bund" genannt, der ausschließlich aus Arbeitern besteht, spielt bekanntlich eine hervorragende Rolle im Kampfe gegen die russische Regierung. Bei der verzweifelten Jagd der Polizei auf den „Bund" fehlts mitunter auch nicht an heiteren Vorfällen. So erhielt der Chef der Geheimpolizei von Lodz, Herr Kowalek, von „bestunterrichteter Seite" die Mitteilung, daß es nun den Agenten gelungen sei, die Redaktion der „Lodzer Freiheitsglocke" zu entdecken. Freudig rüstete sich der Chef der Geheimpolizei in höchsteigener Person unverzüglich, die sehnsüchtig erwarteten Redakteure zu empfangen. Nach 20 Minuten war das kleine Salzmannsgäßchen, wo sich die geheimnisvolle Redaktion befinden sollte, von einer polizeilichen Eskorte förmlich belagert. Die Straße wurde abgesperrt und Herr Kowalek begann nun jedem Hause der Reihe nach „gründliche Visiten" zu erstatten. Tatsächlich befand sich die Bundistische Redaktion an der Arbeit in einer Bäckerei des Salzmannsgäßchens. Einen Augenblick waren die Redakteure verzweifelt, doch guter Rat schafft Hilfe. In einem Augenblick waren die Herren Redakteure in vorzügliche Soldatenuniformen gekleidet, Druckerei und sämtliche Druckerzeugnisse wurden in den Brotwagen geschleudert und so konnte der „soldatische Speisewagen" die gesperrte Straße ruhig passieren, wobei der kutschierende „Soldat" und Chefredakteur mit dem wachthabenden Kosaken noch einige freundliche Worte wechselte. — Erst vor kurzem erlebte Herr Kowalek eine andere bittere Enttäuschung. Wird er da eines schönes Abends benachrichtigt, drei gefährliche Hauptagitatoren seien „momentan" mit „Proklamationendrucken" beschäftigt und zwar im Raume der jüdischen Leichenhalle. Schnell begab sich der rührige Chef der Geheimpolizei nach dem jüdischen Friedhof. Die umzingelten Agitatoren bemerkten die gefährliche Lage, kamen jedoch auf eine gute Idee. Als die Polizeieskorte die Leichenhalle betrat, war sie ganz bestürzt. Statt der gesuchten lebendigen Agitatoren lagen drei nackte, unbewegliche Leichen vor ihren Augen. Sie mußten unverrichteter Sache zurückkehren, empört wegen der wiederholten „Nasführung". Nachdem die Polizei sich entfernt hatte,