Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 430 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 430. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Autorität, keine Macht als Schätzerin der Gesetze über die Sicherheit eines jeden Einwohners, jener Gesetze, wie sie selbst in den Paragraphen 153 und 270 unserer bürgerlichen Gesetzessammlung enthalten sind. Ties muß nach den Ereignissen von Melitopol und Schilomir, nach dem Armenier-Gemetzel von Nachitschewau, nach den offiziellen und offiziösen Proklamationen, welche geradezu zur Abschlachtung ganzer Bevölkerungsklassen auffordern, als unverkennbares Faktum erachtet werden. Die erste, bedeutsamste, nicht aufschiebbare Pflicht der Vertreter der Semstwos wird es nun sein, für den Schutz des Gesetzes und des Rechtes einzutreten, wodurch allein das Land von dem Schrecken der Anarchie gerettet werden kann. Es ist dies sogar durch die bestehenden Gesetze zur Pflicht gemacht, welche unter außerordentlichen Verhältnissen Amtspersonen die Ermächtigung erteilen, besondere Maßregeln zu treffen, die im Interesse der staatlichen Ordnung unerläßlich sind." Persien. Die Juden in Schiras hatten in den letzten Wochen unter heftigen Ausbrüchen des muhammedanischen Glaubensfanatismus zu leiden. Aus ganz unbedeutendem Anlaß entfesselten mehrere Mollas (Geistliche) eine arge Hetze gegen sie und versuchten, sie durch Einschüchterung jeder Art und offene Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden Kleidertracht zu zwingen. Nach einem Bericht des Herrn Schouker, des Direktors der Allianceschulen in Schiras, vom 10. Juni, erfolgte am Sonntag Morgen, den 4. Juni, ein Ueberfall auf die friedlich im Bazar ihrer Beschäftigung nachgehenden jüdischen Händler. Ein Teil von ihnen wurde verwundet, vielen wurden die Hüte zerschnitten, die Kleider zerfetzt. Trotz des sofortigen Eingreifens des englischen Konsuls, der sich, begleitet von seinen sechs bewaffneten Indern, mit Herrn Schouker in das Judenquartier begab und trotz des Versprechens des Gouverneurs, die Schuldigen zu bestrafen, kam es an den folgenden Tagen zu noch schlimmeren Aufruhrszenen. Am 6. Juni gegen 3 Uhr nachmittags wurden die Läden der Muhammedaner auf Geheiß des Großmolla Agha Mirza Jbrahinr geschlossen. Den Gläubigen wurden alle Arbeiten untersagt, sie sollten also nur an die angefangene heilige Sache denken. Das war zugleich eine Art Absage an den prinzlichcn Gouverneur, denn in Persien liebt der Klerus die Läden schließen zu lassen, wenn er aus irgend einem Grunde eine Volkserhebung plant. Herr Schouker sandte an diesem Tage eine Depesche an das Central-Comite der Alliance und begab sich mit seinem Gehilfen und einigen Söldnern ins Judenquartier, wo er auch die Nacht zubrachte, um den Unglücklichen Acut einzuflößen. Schon bestürmten Tausende den Großmolla, das Zeichen zum Glaubenskrieg gegen die Juden zu geben, da schickte Se Kais. Hoheit, der Gouverneur, der für sich selbst ärgerliche Folgen fürchtete, den einflußreichsten Würdentiägcr, Kauwum El Mulk, nach dem Bazar und ließ zur Oesfnung der Läden auffordern. Neue Gerüchte wurden verbreitet: Man lehre in den neuen jüdischen Schulen den Koran. Um diese Lüge zu widerlegen, mußte der Gouverneur durch seinen Chefsekretär, obwohl dieser erst zehn Tage vorher dem gesamten Unterricht beigewohnt und ihm einen genauen Bericht darüber erstattet hatte, die Schulen nach Koranexemplaren durchsuchen lassen, natürlich vergebens. Die Verfolgungen ließen jedoch nicht nach. Am Abend vor dem Wochenfest ließ Agha Mirza Ibrahim im Judenquartier durch Anschlag bekannt machen, daß die Juden anstatt der Hüte von schwarzem Filz türkische Feze oder eine Art Mützen, die denen der Clowns ganz ähnlich sind, tragen sollten. Zugleich erhielt Herr Schouker den Besuch eines der fanatischsten Geistlichen, der ihn aufforderte, seinen Glaubensgenossen die Aenderung der Hüte zu befehlen. Auch redete der Besucher von dem angeblichen Koranunterricht und hatte es überhaupt darauf abgesehen, auf der Stelle Händel anzufangen, wurde aber so höflich behandelt, daß er sich unverrichteter Sache zurückziehcn mußte. Der Direktor sandte eine Abschrift der Bekanntmachung an den Gouverneur und an den englischen Konsul. Unter solchen Verhältnissen stockte jegliche Erwerbstätigkeit der Juden, die vielfach aus geschäftlichen Gründen die Umgegend aufzusuchen pflegen, sich aber aus ihren Wohnungen nicht zu entfernen wagten. Not und Elend nahmen zu. Soweit der Bericht. Das Central-Comite der Alliance ließ auf die erwähnte Depesche hin eine Unterstützungssumme von 1000 Frs. nach Schiras telegraphisch anweisen und wandte sich an das französische Ministerium des Aeußeren mit der Bitte, durch Vermittelung des Vertreters in Teheran bei der persischen Regierung vorstellig zu werden, was auch telegraphisch geschah. Die Antwort des französischen Botschafters in Teheran wurde in diesen Tagen dem Central Comite mitgeteilt. Sie lautet: Die Juden in Schiras hätten unter der Roheit der Fanatiker viel zu leiden gehabt, nun aber sei die Ordnung wiederhergestellt. Der Botschafter äußert seine Sympathie gegenüber den dortigen Juden und gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß sie so ungerechterweise der Wut eines unwissenden und gegen sie aufgehetzten Pöbels anheimgefallen waren. Er gibt sich der Hoffnung hin, daß dank seiner Intervention und derjenigen der andern europäischen Bevollmächtigten, die sich ihm anschlossen (u. a. der englische und der italienische Botschafter), derartige Ausschreitungen nicht mehr stattfinden würden. verein jüdischer veligionslehrer Oüpreukens. Versammlung in Tilsit (Bürger-Halle), l. Tag. Am 2. Juli cr. abends 'Z8 Uhr eröffnete der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Herr Peritz, die General-Versammlung mit dem Ausdruck der Freude darüber, daß in Anbetracht der ungünstigen Zeit die Teilnahme an der Versammlung dennoch eine so zahlreiche sei. Gleichzeitig bedauert er aber die Abwesenheit zweier Vorstandsmitglieder, die durch Krankheit ans Haus gefesselt seien, des Vorsitzenden Herrn Prediger Sturmann-Osterode, der gerade heute aus Anlaß seiner 40jährigen Amtstätigkeit in seiner Gemeinde und seiner stets mit vornehmer Würde und zur außerordentlichen Zufriedenheit aller Mitglieder seit Bestehen des Vereins geübten Führung des Vorsitzes Sympathiekundgebungen erfahren sollte; ferner des durch eine rege Tätigkeit für den Verein ausgezeichneten Herrn Kantor Caro-Allenstein, der bislang noch nie an den Vereinsversammlungen gefehlt hat. — Bon dem Ableben des Herrn Kantor Rosenkranz nimmt die Versammlung mit lebhaftem Bedauern Kenntnis und ehrt dessen Andenken durch Erheben von den Sitzen. Auch Freudiges sei im verflossenen Jahre zu verzeichnen gewesen: zwei Mitglieder, die Herren Katz-Wartenburg und Schnler- Guttstadt, haben Amtsjubiläen gefeiert und seien ihnen durch entsandte Deputationen namens des Vereins herzliche Glückwünsche zu dem Tage ausgesprochen worden. — In seinem Ueberblick über die 10jährige Tätigkeit des Vereins weist Herr Peritz auf die praktischen Leistungen hin, die von unserm Verein zu Nutz und Frommen unserer Lehrerschaft, insbesondere der ostpreußischen, geschaffen worden: vorerst auf die Pensionskasse, die nun vier Jahre bestehe und deren Grundlagen bereits voll gesichert seien, so daß wir durchaus zu der Hoffnung berechtigt seien, daß sie die sich gesteckten Ziele nicht nur erreichen, sondern bald auch werde erweitern können; ferner auf den Normalkontrakt, der den Beamten in Ostpreußen einen gesicherten Rechtsboden verschaffe, wenn er manche Wünsche habe unberücksichtigt lassen müssen; auf die Einrichtung der Äuskunftsstelle bei