Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 15. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 hinzusetzt, wenigstens nicht vor der zu Jesu Zeit“. Diese geschichtlichen Zeitansetzungen kennen wir schon von oben. Wozu denn aber dies Seliggepriesenwerden? Wozu dieser stete Bezug auf das Jenseits? Auf Lohn oder Strafe? Das bleibt doch immer ein Sichberufen auf die menschliche Ich■ sucht. Ist das Rechnen auf den jenseitigen Lohn edler, als das auf den diesseitigen? Wer gut rechnen kann, wird den ewigen Lohn im Jenseits gerade deswegen vorziehen; jedenfalls wird er sich vor den Höllenstrafen scheuen. Soll das aber eine Anbequemung an die menschlichen Triebe sein? So etwas kennt doch nach Bischoff nur der Rabbinismus. Größer, als alles das, ist der Satz des ״mythischen Antigonos“ (Aboth 1), daß man Gott nicht als LohndDner verehren soll. Größer, als alle Jenseitsverheißungen, ist folgender Satz des Elieser ben Jakob (Aboth IV): ״Diese Welt gleicht der Vorhalle zur zukünftigen Welt. Bereite Dich in der Vorhalle recht vor, daß du ins Innere gelangest! Besser eine Stunde des Seelenlabsals im Jenseits, als das ganze diesseitige Leben!“ Höheren Wert kann man dem Jenseits nicht zusprechen. Und nun höre man: ״Besser eine Stunde der Buße und der guten Werke in dieser Welt, als —; das ganze jenseitige Leben!“ Ist das nicht eines der größten in der Geschichte gesprochenen Worte? Ist es zur Sache nun nicht höchst gleichgiltig, ob das ״Besitznehmen des Jenseits als eines Landes“*) Sanh. X und Kidduschin I vorkommt? Bischoff b zweifelt es. Trotzdem läßt sich nachweisen, daß es so ist. Was streiten wir aber da immor um die Belohnung des Edeln? Um den Begriff des Edeln handdt es sich. Wer der Größte und wer der Kleinste im Himmelreiche ist, scheint dem Talmud so wenig ein wichtiger Streitpunkt zu sein, daß nach Menachoth 29 b die Frommen im Jenseits demütig das Haupt neigen, wTeil ihre Taten nicht einander gleich sind. Jeder hält sich für den Kleinsten im Himmelreich und den andern für den Größeren. Nur sagt der Talmud dort, daß es wenige solcher Frommen gibt. Es soll also keine Parallele dafür im Talmud geben, daß Jesus diejenigen glücklich preist, die für ihn leiden (S. 18). Menachoth 29 b bedauert vielmehr Moses den R. Akiba wegen seines um der Thora willen zu erleidenden Martyriums, und Gott muß ihn erst zurechtweisen, daß dies sein heiliger Wille sei“. Das kann Gott wohl sagen. Moses, der an die Zukunft der Seinen denkt, hat dagegen völlig Recht, auszurufen: Das ist die Thora und das ihr Lohn? Hätten nur alle Gesetzgeber mit solchem Mitleid im Voraus an die Märtyrer gedacht, hätten die Inquisitoren öfter solche schwachen Stimmungen gehabt, — es wären weniger Ketzer gefallen! Aber so wenig dieser Umstand einen Gegensatz beider Sehrifttümer zu Ungunsten des Talmuds hervorrufen kann, so gewiß ist das Gegenteil wahr. Gewiß wird Akiba glücklieh gepriesen. Berakhoth 60 b findet ein weltlich denkender Genosse Akiba im Kerker und ruft: ״Glücklicher Akiba, der Du wegen der ThorawT0rte gefaßt worden bist!“ Aber ein Gefesselter ist vielleicht nach Bisch׳>ffs Ansicht kein Märtyrer? Nur Geduld! Akiba wird zur Zeit des Schemagebetes zum Tode geführt und qualvoll, langsam zerfleischt. Er, der w׳erkheilige, satzungsgläubige Pharisäer, hat nur eine Sorge, halachagemäß das Schema zu beten. Immer die Halacha! Auch die Schüler w undern sich darüber. Aber Akiba hat ja jetzt erst das Schema verstehen gelernt. Jetzt weiß er erst, was es heißt, Gott mit ganzer Seele lieben — jetzt sollte er sich diesen Trost versagen, die heiligen Worte zu sprechen? Den Mann braucht m. E. n. niemand mehr glücklich zu preisen, ist das nicht □קיבול עול מלכות שמי? Aber das von Bischoff vermißte Glücklichpreisen — es kommt doch! Das Bath Kol ruft: Glücklicher Akiba, der Du mit dem Worte אחד auf den Lippen gestorben bist!“ Nicht also, weil er das Himmelreich erbt oder der Erste im Himmelreich ist (s. Pes. 50a, wo das von den Märtyrern tatsächlich gesagt wird), sondern wegen des abschließenden i אחף• Ein Gott, eine einheitliche Gesinnung, keine Zwiej spältigkeit zwischen Lehre und Tat!! So könnte ich das ganze Bischoff’sche Buch durchgehen, . und es käme immer ähnliches heraus. Und dabei habe ich i kaum in einem Buche von nichtjüdischer Seite soviel Tal- .*) S. die weitere Schlußerörterung. mudwissen, solche Belesenheit, soviel Geduld, selbst im kleinen, gefunden. Den Mann können und dürfen wir als Gegner ernst nehmen. Er glaubt uns nicht und forscht uns bis ins Kleinste nach. Er läßt sich keine Wahrnehmung entgehen und verwertet sie nach sechs Seiten hin. Solche Leute können wir wenigstens beim Worte nehmen, und man sieht, was dabei herauskommt. Ein solches Buch totschweigen, das wäre eine Kränkung für den Verfasser gewesen. Und so gern ich wollte, zugeben konnte ich ihm nichts, kaum an einer Stelle. Er hat zuviel, er hat alles gewollt. Daran krankt die Arbeit. Männer seiner Art, die, wie ich wT6iß, selbst so viel zu sagen haben, können sich äussern, ohne daß der andere es bitter empfindet. Wissenschaftliche Erörterung tut uns not, und ich bin in weitestem Sinne dazu bereit. Aber sine ira et studio! Haß und Liebe verrücken den Standpunkt, und man sieht zuviel oder zuwenig; und das in bester Absicht. Und wie winzig ist schließlich das Ergebnis! Sagt er am Schluß, daß die Welt nicht untergehe, selbst wenn die Rabbinen nicht die Quelle für Jesu Worte sind, und daß die Rabbinen, die nach seiner Ansicht Jesu Worte benutzt haben, trotzdem alle Achtung verdienten, so drehe ich die Sache um und sage: Die Bergpredigt behält ihren Wert, wenn auch jüdische Quellen in ihr benutzt oder ihre Worte, wie die des Talmuds, auf dem gleichen Boden gewachsen sind. Vivat sequens! rufe ich dem Verfasser zu; aber es ist ohne diese Nebenfragen soviel bezüglich beider Sehrifttümer zu tun, daß seine Kraft sich viel heilsamer verwerten läßt. Biete er doch den Beweis der Echtheit des neuen Testaments einem Harnack und anderen gegenüber — das wäre eine Aufgäbe. Wenn die glücklich gelöst wäre, könnten wir über obige Fragen noch einmal verhandeln. * * * Schlußbemerkung. ונוחל את הארץ bedeutet sicher das Jenseits. Wie das nachgewiesen w,ird? Durch eine Betrachtungsweise, die bei der Untersuchung alter Sehrifttümer allgemein gang und gäbe ist, bei den talmudischen Forschungen sich aber erst das Bürgerrecht erw־erben muß. Man sucht aus fernen Ecken das Gleiche zusammen, und das bietet schon selbst die Erklärung für die zu beleuchtenden Stellen. Kidd. 110 heißt es: כל העושה מצוח אחת מטיבין לו ומאריכי׳ לו ונוחל את הארץ בו׳• Voraus ging 19 כל מצלה שהיא תלויה בארץ אינה נוהגת אלא בארץ וכל מצוה שאינה תלויה בארץ נוהגת בארץ ובחוצה לארץ Daß hier 110 nicht etwa das irdische Palästina behandelt, wie 19, sondern das ewige, das höhere, das boweist das לעולם יירשו ארץ vom Endabschnitt Sanh., selbst wenn der Satz nur einer Baraitha entstammte. Aber מאריכי[ לו ומטיבין לן könnte sich vielleicht nur auf langes Leben und Glück, nicht aufs Jenseits beziehen? Da blicken wir aufs Ende von Chullin, wo von שילוח ף,קן die Rede ist: ומה אם מצוה קלה שהיא כאיסור אמרה תירה לסען ייטב לך והארכת ימים קל וחומר על מצות חמורות בתורה• und aus der Gemara ergibt sich, daß hierunter ״die Welt, in der alles gut ist, in der das lange Leben die Ewigkeit ausmacht“, verstanden wird. Die Geschichte von Acher findet sich in den beiderseitigen Gemaras Kidduschin uni Chullin (bei Raschi s. Ende Chullin nur in Kidduschin). Ja, noch mehr! So gut hier in Kidd. das נוהג בארץ ובחוצה לארץ mit solchem Satze verbunden war, so gut steh^׳ hier in