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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 15. (1905) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 15. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Satze Samuels des Jüngeren erkennt man, daß Sätze wandern; nicht nur Sätze, sondern ganze Abschnitte, ja Traktate. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, wie man sogar imstande ist, die ursprüngliche Ordnung zu finden. Doch zu unserem Verfasser zurück: Zu Aboth 14 konnte ich es nie begreifen, warum Maimuni will, daß unser Haus den Weisen offen stehe בבתי כשיות יבבתי מדרשות• Sollen wir dort mit ihnen Zusammenkommen? Es soll ja gerade in unserem Hause sein, so daß die Weisen sich gewohnheitsmäßig und unwillkürlich dort zusammenfinden sollen. Ein Blick in die Banethsche Ausgabe belehrt mich eines Besseren. Es heißt dort מתל בתי בנסיות וכת' מדר׳• im Hebräischen der Talmudausgaben muß es also heißen כבתי כנסיות וככ״ט• Möge der Verfasser das Judentum noch durch viele Arbeiten ähnlicher Art bereichern, aber in der Erinnerung an Freudiges und unter dem Eindruck nicht vernichteteter, sondern erfüllter Hoffnungen. (Fortsetzung folgt.) Jesus und die Rabbinen. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. (Jesus und die Rabbinen; Jesu Bergpredigt und ״Himmelreich“ in ihrer Unabhängigkeit vom Rabbinismus, dargestellt von Dr. Erich Bisclxoff. Leipzig. Hinrichs. 1905 114 Stitan. 2,30 Mk., gebunden B Mk. [Zu den ״Schriften der Institutum Judaicum in Berlin“ (No. 33) gehörig]). (Schluß.) So betete Isratl an seinen Fasttagen, so an seinem Roschhaschanah, und die Anfangsstücke ייבב[ תן פחדך die Malchijoth des Jochanan ben Nuri (s. R. H. 32a), hat sich das Volk auch in den anderen Tefilloth des Roschhaschanah und des Jom Kippur nicht nehmen lassen. Die mittel alterliehen Piutdichter haben diese Gedanken vom Gottesreiche mit besonderer Vorliebe behandelt (s. das Machsor von Roschhaschanah und die Selichoth des Rüsttages zu demselben), und die Vorbeter wissen, daß der Vortrag des עלינו (selbst am Jomkippur) zu den weihevollsten Teilen des Festgottesdienstes gehört. Bischoff spricht gelegentlich von ״langen Gebeten der Pharisäer“ (s. 70), von ihren ״Plappern beim Gebete“. Wer ״es reichlich macht mit seinem Gebete“, übersetzt Bischoff המאריך בתפלתו, Während es heißt: ״Wer sich beim Gebete lange aufhäli“, d. h. es nicht plappernd und gedankenlos durchjagt, höchstens ״ מפיש ברחמיvermehrt das Anflehen der Barmherzigkeit“, seine besonderen Sorgen an geeigneter Stelle Gott vorträgt und überläßt. Das tat z. B. Akiba, wenn er allein war; da kam seine innere Erregtheit zum Vorschein. Betete er mit andern, so war von alledem nichts zu merken. Elieser unterbrach einen zu wortreichen Beter mit den Worten; ״Willst du Gottes Lob ganz verkünden?“ Und als er selbst beim Fastengottesdienst die vorgeschriebenen 24 Bitten mit Selbstbewußtsein vortrug, da trat Akiba vor die Lade und rief: ״Unserer Vater und König, wir haben gesündigt! Wir haben keinen König außer Dir! (Er meinte wohl Helfer oder מלך Rater). Tu es um deines Namens willen (nicht um unser Würdigkeit willen)!“ Und er wurde erhört, weil er sich ge demütigt hatte, wie die Gottesstimme rief. Die ״langen Stoßgebete“ der Talmudisten sind in Wirklichkeit kurz, wie sich aus Bischoffs eigenen Anführungen ergibt, und sie können sich ihres Inhalts wegen wohl sehen lassen. Das Fastengebet war ein gemeinsames Gemeindegebet bei gemeinsamen Leiden, da ist nichts von einem prahlerischen Beten an den Straßenecken gesagt. Wer hätte sich übrigens damals, wo jeder betete, bei der Arbeit, in seinem Berufe, über das Gebet eines Mannes auf dem Markte gewundert? Und gerade schreiben die Weisen vor, man solle nicht beten, wo man durch die Anwesenheit anderer gehindert wird. Von den Fasten weiß Bischoff folgendes: ״Man sperrte das Vieh für sich und seine Jungen für sich ein und sprach (wenn beides nach einander schrie): ״Herr der Welt, wenn du dich nicht über uns erbarmst, so erbarmen wir uns auch , nicht über diese.“ Das ist Taanith 16 über die Bewohner von Ninive gesagt,und zwar zur Erklärung von Schrift Worten, die ich in ״Bibel trotz Babel“ mit dem Hinweis auf diese Agada gegen Delitzsch verteidigen mußte. Denkt der Leser nicht dabei, daß der Schulchan Aruch dem Juden dies vorschreibt, oder daß es mindestens eine alte jüdische Volkssitte betrifft? Das ist schmerzlich! Und welche merkwürdigen Gegensätze Bischoff zwischen den Worten des neuen Testaments und der Rabbinen entdeckt! Sehr schwer läßt er sich dazu herbei, auch nur ein ״so schön dies gesagt ist,“ ״immerhin eine interessante Parallele“ auszusprechen, um dann irgend eine abschwächende Bemerkung zu machen, die zu Ungunsten des Talmuds durchaus ausfallen soll. S. 36, 37 wird aus der Bergpredigt angeführt ״wer auf den anderen schimpfe, komme in die Hölle.“ Dazu: Ein Tannaite lehrt vor Nachman bar Jizchak: Wer seinen Nächsten öffentlich beschimpft, ist, als hätte er Blut vergossen.“ Aber, meint Bischoff, öffentlich beschimpfen ist noch nicht schimpfen. Ich dagegen sage, wer das Eine tut, tut das Andere, und wTer den öffentlichen Schimpf verbietet, wird auch keinen ins Himmelreich senden, der unter vier Augen schimpft. Nun hat Nachman bar Jizchak nicht im 3. Jahrhundert, sondern Mitte des vierten gelebt. Sie sehen, wieviel ich zugebe. Dieser Amoräer hat sich aber zumeist mit dem Ordnen des vorhandenen Stoffes und mit alten Ueberlieferungen befaßt. Ein Tannaite ist im Besitze solcher. Daß dieser Satz älter ist, daß er mit der angeblich abschwächenden Bemerkung gar nicht angeführt zu werden brauchte, beweist folgender von Bischoff gebrachte Satz des Chanina: Drei fahren zur Hölle und kommen nicht wieder herauf: Wer eines anderen Weibe beiwohnt, werseinen Nächsten öffentlich beschämt und wer seinem Nächsten einen schimpflichen Beinamen gibt.“ Zum Beweise, meint B'schoff, daß öffentlich beschämen und schimpfen zweierlei bedeutet. Ich meine, zum Beweise, daß dieser Satz dem der Bergpredigt gleicht! Aber auch Chanina lebte im 3. Jahrhundert. Woher weiß Bischoff aber, daß dieser Satz nicht älter ist? Aboth III sagt Elieser aus Modin, (ein Mann, den Jochanan ben Sakkai, der Zeitgenosse Jesu, wohl gekonnt hat (s. Baba bathra 10b und Bischoff, Talmudkatechismus, S. 66) u. A.: ״Wer den anderen öffentlich beschimpft, und wären in seinen Händen Thora und gute Werke, der hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt.“ Und wären in seinenHänden Thora und gute Werke!“ Die sollen doch wohl alles zudecken! Man sieht aber, die sittliehe Seite steht obenan! Will man es als einen Unterschied betrachten, daß der Modiite niett gleich mit der Hölle droht? Nun, von Eleasar aus Modin bis zu Jesus ist nur ein Schritt־ Oder Bischoff setzt, wie oben bei Monabaz, das Wort der Bergpredigt auf Woche und Tag fest! Ein anderes Beispiel merkwürdigen Unterschiedmachens: , Perlen vor die Säue werfen“ (ein Wort, das übrigens an eine heidenfeindliche Erzählung aus dem Leben Jesu erinnert,) kommt in sofern vor, als die Rabbinen einen bedeutenden Ausspruch eine ,.Perle“ nennen. Aber das Schwein kommt nur als wirkliches Schwein, ohne Beziehung auf ״geistig unempfängliche“ vor. So mancher dürfte darin weder einen Vorzug der Bergpredigt, noch einen Mangel des Talmuds sehen. Man kann das Schwein entbehren. Das Beste an dieser sehr wenig wichtigen Sache ist, daß es gerade doch in einer Weise vorkommt, die sehr an diesen Satz der Bergpredigt erinnert. Aboth VI. sagt eine Baraitha: ״Wer sich nicht mit der Thora beschäftigt, wird בלוף Gebannter genannt, denn es heißt: Ein goldner Ring im Rüssel eines Schweins ist die schöne Frau (Sinn: die Schönheit der Frau), der das Gefühl mangelt.“ נןוף ist nach der Lautdeutung נום והב באף• Die schöne Gestalt ohne Seele, ohne geistiges Aufstreben gleicht dem Schweine, das mit dem goldenen Ringe nun doch im Kothe wühlen wird. Hier ist das Schwein gerade im Sinne der Unempfänglichkeit genannt. Sollen wir aber ernsthaft um solche Winzigkeiten streiten? Aber selbst größere Unterschiede lassen die Waage nicht zu Ungunsten des Rabbinismus sich neigen, selbst wenn Bischoff Recht hätte. Dafür, daß Verleumdet werden ohne Grund eine Veranlassung ist, wie am Anfang der Bergpredigt, selig gepriesen zu werden —, dafür gibt es nach Bischoff schlechterdings keine rabbinische Parallele, ״oder doch, wie er vorsichtig

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