Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 429 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31. Israelitische Wochenschrift. Seite 429. und für das ganze Leben das elementare Menschenrecht geraubt, das Recht des Menschen, in seinem Vaterland zu wohnen und in dem für ihn notwendigen Ort zu leben und zu arbeiten. Die Ausnahmen in dieser Hinsicht sind sehr wenige und werden nur als besondere Privilegien für diejenigen zugelassen, die eine Hochschule absolviert haben, ferner für Kaufleule erster Gilde, für Personen, die sich auf dem Gebiet des Großhandels durch eine Reihe von Jahren Verdienste erworben, im beschränkten Maß auch für die als Meister anerkannten Handwerker (nicht aber für Gehilfen und Arbeiter); auch gilt diese Vergünstigung mehr in der Theorie als in der Praxis und gelangt nicht überall zur Anwendung. Diese Rechlsbeschränknng macht die Juden in den Augen der anderen Bevölkerung zu einer außerhalb des Gesetzes stehenden Klasse, der gegenüber alles erlaubt erscheint. In der Tat, wie kann man anders auf die Leute sehen, deren bloße Anwesenheit in einem Ort schon als Verbrechen angesehen wird, wenn man glauben muß, daß das Gesetz niemanden ohne Schuld bestraft, und wenn man das Gesetz respektieren soll. Diese Rechtsbeschränkung brachte die Juden, die außerhalb des Andsiedlungsrayons leben, in die Lage von Individuen, die unter polizeilicher Aufsicht stehen, da die gesamte lokale Administration bis herab zu den Dworniks (den im Dienst der Polizei stehenden Hausbesorgern) auf die zuziehenden und abreisenden Juden zu achten und deren Wohnrecht zu prüfen verpflichtet ist. Häufig werden sogar zu diesem Zweck umfassende nächtliche Hausdurchsuchungen vorgenommen. Wie sich diese Internierung von 6 000 000 Menschen innerhalb weniger Gouvernements in der ökonomischen Lage dieser Bevölkerungsklasse wiederspiegelt, wurde bereits hervorgehoben: Sie machte die jüdischen Arbeiter zu den am meisten ausgebeuteten Individuen, da sie des Rechtes beraubt sind, sich dort Arbeit zu suchen, wo sie besser bezahlt werden. Ein Pauperismus wurde geschaffen, der in seinen Dimensionen ohne Beispiel ist, eine Bettelarmut, wie man sie nirgends sonst gesehen. Daneben hat die Vorenthaltung der grundlegenden Bürgerrechte und der Umstand, daß der Jude nie als Sohn seines Vaterlandes anerkannt wird, den Boden geschaffen, auf welchem im Lauf von Jahrzehnten ungehindert und unbestraft, wie von selbst, immer neue Beschränkungen erblühen, die in ihrer Gesamtheit das Leben aller Klassen der jüdischen Bevölkerung in Rußland zu einer unerträglichen Qual gestalten. Der Ansiedlungsrayon, dieser Ueberrest mittelalterliche* Feudaleinrichtungen, blieb für die Juden bestehen, auch nach' dem die Leibeigenschaft der Bauern beseitigt und für alle anderen Einwohner die freie Bewegung gewährt worden war. Nur einige Erleichterungen wurden für die obenerwähnten Kategorien gewährt. Die Juden glaubten, es sei der Lichtstrahl eines neuen Lebens. Sie glaubten, daß jene der Vernunft, dem Gewissen und dem allgemeinen Nutzen der Bevölkerung widersprechende Beschränkung des Wohnrechtes sich nicht lange werde halten lassen; sie hofften, daß die demokratisch gesinnte russische Intelligenz den Juden ebenso wie allen Bedrückten ihre Aufmerksamkeit zuwenden und auf das schreiende Unrecht der Ausnahmegesetze Hinweisen werde. Aber wir haben uns getäuscht, und unser Vertrauen, unser ruhiges Verhalten wurde als Zeichen der Ohnmacht und knechtischer Unterwürfigkeit gedeutet. Dann kam die Reaktion, und die Isolierung der Juden, welche durch ihre Rechtlosigkeit geschaffen war, machte sie zu einem besonders geeigneten Objekt für jede Willkür, für die Zurücksetzung und Unterdrückung aller Menschenwürde. Die Judenverfolgungen der achtziger Jahre, welche ganz plötzlich ausgebrochen sind, ohne daß man ähnliche Exzesse im Laufe der Jahrhunderte in Rußland gesehen hätte, diese Verfolgungen, die von einem bestimmten Plan geleitet waren (es ist wohl kein Zufall, daß damals der Direktor der Departements der Staatspolizei W. K. Plehwe war), machten es für uns bald klar, daß angesichts der sich vorbereitenden sozialen Revolution die Juden von der Administration dazu ausersehen werden, die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes auf sie abzulenken und das Volk dadurch über die wirklichen Ursachen seines Elends zu täuschen. Aus das Flehen der jüdischen Bevölkerung um Hilfe und Schutz antwortete die Regierung mit einer Reihe neuer grausamer Beschränkungen der Rechte. Es wurde den Juden verboten, selbst innerhalb des Ansiedlungsrayons in den Dörfern sich aufzuhalten; die Gebiete am Don und am Kaukasus wurden durch eine willkürliche Auslegung der bestehenden Gesetze den Juden verschlossen. Dann folgte die Vertreibung von Tausenden > jüdischer Handwerker aus Moskau — eine Maßregel, welche offenkundig ungesetzlich war — die Entziehung des Rechtes, in die Kommunalverwaltungen selbst innerhalb des Ansiedlungsrayons Vertreter zu wählen, die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Schüler in mittlere und höhere Lehranstalten, die Ausschließung der Juden von der Advokatur re re. Aeußerlich wurden diese grausamen Verfolgungen und Bedrückungen mit der patriotischen Absicht motiviert, „die Bevölkerung vor der Ausbeutung durch die Juden zu schützen", während selbst eine oberflächliche Bekanntschaft mit der Lage der jüdischen Masse klar zeigte, daß sie nicht nur der umgebenden Bevölkerung keinen Schaden zufügt, sondern von ihr geradezu ausgebeutet wird. Die außerordentliche Billigkeit der Arbeit in den Gegenden, wo den Juden der Aufenthalt gestattet wurde, war die Folge der Entwertung der jüdischen Arbeitskraft durch den Mangel an Freizügigkeit. Wir sahen ein, daß wir weder auf die Regierung, noch auf die Gesellschaft rechnen können, und daß wir uns selbst helfen müssen. Zuerst erkannte dies der jüdische Arbeiterstand (organisiert im „Bund"). Die Bewegung in den jüdischen Arbeiterkreisen wurde bald so mächtig, daß die Regierung ihr mit allen Strafmaßregeln, Verschickung usw. nicht beikommen konnte. Da wurde das alte Mittel der achtziger Jahre wieder hervorgeholt, die Veranstaltung von Exzessen. Es kamen die Massakres von Kischinew, und damit diese von den Juden nur recht deutlich verstanden würden, wurde der jüdischen Deputation in St Petersburg damals mit einer Offenheit, die eines wirklichen Genies würdig gewesen wäre, erklärt: „Haltet Eure Jugend zurück! Liefert uns Eure Demokraten aus! Sonst werden wir für Euch das Leben in Rußland unerträglich machen." Der Zweck wurde jedoch durch die aufeinanderfolgenden Exzesse nicht erreicht. Eine Beunruhigung wurde nicht erzielt, selbst nachdem auch in Hömel Krawalle veranstaltet waren; im Gegenteil, die Bewegung verbreitete sich in ungeahnter Weise, erfaßte das gesamte Proletariat und einen bedeutenden Teil der Intelligenz, gewann die Sympathien fast aller Kreise der jüdischen Bevölkerung, und die Selbsthilfe, die Selbstverteidigung des Lebens, der Ehre und der Menschenwürde wurde zur allgemeinen Losung unter den Juden. Die Drohung der Regierung war unwirksam gewesen, da unsere Lage schlimmer nicht mehr gestaltet werden konnte. Es ist entsetzlich, zu beobachten, wie jeden Tag neue Exzesse entstehen können, wie ununterbrochen und überall die Vorbereitungen zu Kravallen betrieben werden und Agitationen ungehindert stattfinden. Wir haben daraus nur die Schlußfolgerung gezogen, daß wir überall zur Selbstverteidigung bereit sein müssen. In Melitopol und in Schitomir kam es zu einem offenen Kampf der jüdischen Selbstwehrorganisation mit den auf die Juden gehetzten Raubmördern. Bon jeher eine friedliche Bevölkerung, haben wir durch die Not lernen müssen, Ehre und Leben mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, und wenn es uns bestimmt sein sollte, noch weitere Exzesse über uns ergehen zu lassen, so werden wir auch siegen lernen. Aber die in Aussicht stehende Einberufung der ersten Volksvertretung soll ja den allgemeinen inneren Frieden bringen. Damit dieser Friede erreicht werde, ist es unerläßlich, daß alle in der Versammlung eine wirkliche Vertretung der gesamten Bevölkerung, aller Klassen und aller Völkerschaften sehen, proportioniert nach der Zahl Es ist notwendig, daß vorher alle Völkerschaften und alle Klassen gleiche Rechte erhalten, daß die Gleichheit aller vor dem Gesetze anerkannt und zur Bedingung gemacht werde, um dadurch die Freiheit der Wahl zu sichern, sowie die Unverletzlichkeit der Person, welche gleichzeitig mit der Freiheit des Wortes und dem Versammlungs- und Vereinsrecht gewährleistet werden muß. Sonst bleibt in den Händen der Administration eine mächtige Waffe, um die Stimme des Volkes zu fälschen, indem sie einerseits durch Versprechungen und Drohungen, andererseits durch künstlich geschürten Haß zwischen den Völkerschaften einen Druck ausübt und die Einigung aller Volkskreise verhindert. Groß wird die Verantwortung derjenigen sein, welche am Tage der Erneuerung unseres Vaterlandes die Gleichheit aller vor dem Gesetze erst als Gegenstand besonderer Erwägungen hinstellen und nicht ohne weiteres anerkennen wollen, welche teilnahmslose Zuschauer der brudermörderischen Kämpfe geblieben sind, die die Administration in letzter Zeit zwischen verschiedenen Völkerschaften provoziert hat. In Rußland besteht augenblicklich keine