Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 428 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 428. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Zionismus nun hinter sich hat, keine Aenderung erfahren. Die Entwicklung der Dinge ist selbst für Zionisten nichts weniger als ermutigend und der ideal denkende und tieffühlende Begründer dieser neuesten Geistesbcwegung unter den in der Zerstreuung lebenden Volks- und Glaubensgenossen Israels, Theodor Herzl, ist um seines frühen Todes willen nicht zu beklagen. Wer diesem trefflichen Mann Interesse und Verständnis entgegengebracht hat, muß heute sagen: Wohl ihm, daß er diese Wendung der Dinge, diesen Kongreß nicht mehr erlebt hat! Und das Traurige dabei ist, daß auch Herzl selbst nicht mehr hätte nach eigenem Ermessen lenken können. Zwischen zwei Extremen hin- und hergeworfen, hat sich der VII. Zionistenkongreß der äußersten Rechten verschrieben, um der äußersten Linken nicht folgen zu müssen. Man hat es bedauern können, daß der Zionismus nicht von Anfang an eine aus den Tiefen des jüdischen Volks, wenn von einem solchen noch gesprochen werden kann, hervorgegangene Hilfsaktion gewesen ist, bei der der arme russische Schnorrer und der Berliner Bankier, der Talmudtüftler im dunkelsten Galizien und der assimilierte Freidenker des Westens seinen „Schekel" spendet, um den Emigranten eine neue Heimstätte zu bereiten; man hat es begreifen können, wenn aus dem Zionismus eine nationale Bewegung hervorgegangen ist, die in der Aufrichtung eines eigentlichen Judenstaats gipfeln sollte; man war sogar geneigt, sich in seiner Skepsis, ob das erreichbar wäre, erschüttern zu lassen, als Herzl von der britischen Regierung Uganda angeboten erhielt, denn damit war doch wenigstens eine reale Basis für dieses utopistische Experiment geschaffen, aber man wird es dann nicht mehr verstehen können, wenn man sieht, wie der Zionismus, respektive die Vertretung desselben auf dem VII. Kongreß, die philantropische Aktion in engste Grenzen spannt, der britischen Negierung mit einem kühlen ablehnenden Dankeschön lohnt und so den Versuch, das politische Ideal zu verwirklichen, von der Schwelle weist. Man hat das Ei ausgeblasen, eine leere Schale sorgfältig verklebt, damit die unverletzte Hülle einen entwicklungsfähigen Inhalt vortäusche, das ist alles, was nach unserem U teil vom Zionismus Theodor Herzls geblieben ist. Doch es hat so kommen müssen. Die Führer, Herzl vor allem, sie haben gleich dem Zauberlehrling Goethes de Geister gerufen, um sie nicht mehr los zu werden. Die ganze Rückständigkeit und Unreife der unter dem Druck von Jahrhunderten leidenden Judenheit des europäischen Ostens, die die Hauptmasse des Volkes und der Zionisten stellt, hat sich offenbart: die extremen Palästinenser, die mit der Besiedelung und Wiederaufrichtung Palästinas die philantropische wie die politische Aktion des Zionismus erschöpfen, bildeten die Majorität gegenüber der Minorität, die das Anerbieten Englands annehmen wollte. Ursprünglich war diese Minderheit ziemlich bedeutend, aber man merkte bald, daß sich viele westeuropäische Juden abschieden. Das revolutionär-sozialistische Gebaren jener russischen Volksgenossen, die Uganda oder irgend ein anderes Territorium ersehnten, um vor allem ihre sozialen Ideale zu verwirklichen, hatte sie erschreckt. So ist es wohl zu erklären, daß bis in die Spitzen des Aktionskomitees ein Abfall von einer weitherzigen Auffassung des sogenannten Baseler Programms eintrat; und wie es in Versammlungen zu gehen pflegt, wo keine Mittelpartei existiert, wo die von rechts und lrnks Abbröckelnden aber nicht den Mut haben, sich zu organisieren angesichts des terroristischen Auftretens der Extremen, so ging es auch auf dem VII. Zionistenkongreß: Der tiefe Wassertrichter der Zionszionisten schlürfte alles in sich hinein und warf die konsequent widerstrebende Minderheit als unverdaulich aus. Damit hat der Zionismus das Andenken Herzls verleugnet, das Aktionskomitee hat in seiner übergroßen Mehrheit Kotau gemacht, Herr Rordau an der Spitze. Z)er politische Zionismus ist vorderhand tot. und gerade die haben ihn getötet, die seine eifrigsten Vertreter waren, die Palästinenser. Run wollen sie es mit einer „Penetration paeifieque" Palästinas versuchen. Nach berühmten Mustern. Sie haben dabei mit der Verödung eines Landes zu rechnen, das längst seiner immergrünen Eichenhaine beraubt worden ist, in dem der Türke sitzt und alles verkommen läßt. Sie haben mit dem Mißtrauen des Sultans zu rechnen, der an Bulgaren, Armeniern, Griechen und Albanesen gerade genug hat und sich für eine geschlossene jüdische Bevölkerung schönstens bedanken wird, sie hätten vielleicht auch mit anderen Mächten zu rechnen, denen eine kompakte jüdische Besiedlung des heiligen Landes mit politischer Unabhängigkeit als Endziel nicht angenehm sein könnte. Aber wie dem auch sei, wir wünschen auch dem Zionismus, der nur noch den Ziveck hat, die jüdische Emigration nach Palästina zu fördern, alles gute. Zum Schluß möchten wir noch unsere Sympathie ausdrücken für Zangwill, den englischen Delegierten und Befürworter eines Zionismus, der, wenn er denn nun einmal ein nationales Ziel verfolgen soll (wohlgemerkt haben die siegreichen Palästinenser ja darauf nicht Verzicht leisten wollen!), auch die Mittel und die Mühe dazu nicht scheute. Zangwill ist für einen autonomen Judenstaat in Ostafrika oder auf einem anderen erhältlichen Territorium unter britischer Flagge eingetreten. Zangwill war es auch, der auf diesem Kongreß die parlamentarischen Sitten hochhielt. Die wüsten Auftritte, deren Schauplatz das Stadtkasino zeitweilig am Tage und mitten in der Nacht gewesen ist, waren eine bedauerliche Begleiterscheinung des VII. und wie wir annehmen letzten Zionistenkongresses. Für den weitern Ausbau des revidierten Zionismus bedarf es ja eines so großen Apparates, eines „jüdischen Parlamentes" eigentlich nicht mehr. Vas JHrnioinuiritm der jüdischen Intellektuellen in Woskan an die Vertreter der Zeniltwos. Die Vertreter der jüdischen Intelligenz in Moskau haben bekanntlich ein ausführliches Memorandum an die sich dort versammelnden Vertreter der Semstwos gerichtet, worin unter Bezugnahme auf die bevorstehende Einberufung einer Volksvertretung mit anerkennenswertem Mut eingehend die Rechtlosigkeit dargelegt wird, unter welcher die Juden im Reich am meisten leiden, und entschieden verlangt wird, daß ihnen die Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern gewährt werde. Nach einer Aufzählung der Forderungen, welche vom allgemeinen liberalen Gesichtspunkt in formeller Beziehung an die zu berufende Volksvertretung gestellt werden müssen, fährt das interessante Schriftstück folgendermaßen fort: „Von all den Beschränkungen, welche auf den russischen Juden lasten, ist die schrecklichste die Beschränkung des Wohnrechtes auf dem sogenannten Ansiedlungsrayon. Von 78 Gouvernements und Provinzen Rußlands (ohne Finland und Polen) sind für uns Juden nur 15 offen, und selbst innerhalb dieser wenigen Gouvernements nur die Städte, nicht aber die Dörfer und Landgebiete. Bei all der in Rußland herrschenden Rechtlosigkeit ist einer ähnlichen Beschränkung kein anderer Stamm, keine andere Konfession, keine andere Klasse der Bevölkerung unterworfen. Sogar die schwersten Verbrecher verlieren nicht für immer das Recht, sich den Wohnort zu wählen, den Juden aber wird ohne die geringste Schuld, nur deshalb weil er Jude ist, genauer gesagt, weil er den jüdischen Glauben bekennt, d. h. einen einzigen Gott verehrt, von der Geburt an