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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · p. Seite 422

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 422 (sequence 14)
Language
German
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Seite 422. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. mein Mann beim Seder einen Wunsch ausgesprochen: Leschono habo be Jeruscholajim heißt es in der Hagada! Er hat gesagt: Leschono habo möchte ich ein Haus haben! Und Gott hat Masel und Broche gegeben, und das Geschäft ist gut gegangen, er hat sich gekonnt ein Haus kaufen. Jittelleben, hat er zu mir gesagt, als Gott der Allgütige mir wieder in dieser Stunde sein gnädig Obr leiht, werde ich heute beim Seder sagen: Leschono habo soll unsere Esther Moritz Anschl's Weib sein!" Sie hielt inne; dicke Tränen entströmten ihren Augen. „Nun ist sie fort", begann' sie dann mit gepreßter Stimme wieder, „und mir drückt es das Herz ab, daß wir gerade heute ohne sie sein müssen." „Sie tun meinem Sohne zu viel Ehre an, Madame Lewy", entgegnete Dr. Anschl, „daß Sie ihn, einen armen Privatgelehrten, Ihrer Tochter würdig halten; doch, wenn Einer sie wieder auf den Weg des Glaubens zurückführen kann, so ist er es. Sie hält viel von ihm, und ich bin überzeugt, wäre er vorhin zu Hause gewesen, er hätte es dahin gebracht, daß sie jetzt als reuige Tochter in Ihren Armen läge." „O, er ist ein vortrefflicher Mensch!" rief Frau Lewy, sich selbst vergessend. „Wahrlich, er wird so gescheidt sein, wie jener Goi, von dem sie sich die Worte niederschreibt," fuhr sie fort. „Was unterhielt sie sich nicht mit ihm, was doch ihr Jugendfreund und bester Umgang ist!" David Lewy trat ein; die beiden Männer drückten einander stumm die Hand. Dr. Anschl wollte ihm nach alter Sitte „Gut Jontof!" wünschen, es blieb ihm in der Kehle stecken. „Esther hat mir erzählt", sagte er nach langer Pause, „was Sie ihr zunr Vorwurf machen." David Lewy wandte sich ab; ihm war das Herz zu voll, um sich in ein Wortgefecht mit dem stets disputirlustigen Arzte einzulassen. „Guter Freund!" fuhr der Doktor fort, „Sie sind zu weit gegangen! Esther ist ein denkendes Mädchen; sie will hören, in sich aufnehmen, vergleicht und braucht deshalb dem Glauben ihrer Väter noch nicht abtrünnig zu werden. Mein Moritz hat lange und mit Eifer das „Neue Testament" studiert, er hat in Wien und Berlin Redner und Prediger der verschiedensten Religionsgemeinschaften gehört und ist doch ein so guter Jude geblieben, wie ich es bin und er wird heute abend seine Psalmen mit derselben Andacht singen, wie Einer, der ..." „Ihr Moritz ist ein Gelehrter!" unterbrach David Lewy. „Er muß alles lernen und verstehen, und wenn echinesische Gotteslehre wäre; aber meine Esther soll einst eine gute fromme Hausfrau werden, und darum paßt es sich nicht, daß sie, statt Erev-Peßach der Mutter zu helfen, in die freie Gemeinde läuft, weil Charfreitag ist." „Lieber Freund! So beschränkte Grundsätze haben Sie nicht immer gehabt", erwiderte der Doktor, „sonst hätten Sie Ihrer Esther nicht eine so umfassende Bildung gegeben. Lassen Sie es sich sagen, das sind überwundene Standpunkte, daß die jüdische Frau nur zum Lichteranzünden und für die koschere Küche erzogen werden soll. Nimmt heute ein gebildeter Mann ein Weib, so fragt er sich, ob jenes Weib ihm und seiner Stellung auch in der bürgerlichen Gesellschaft Ehre machen, ob sie ihn in se.nem Berufsleben fördern, seinen Freunden und Kollegen Achtung abgewinnen wird, ob sie dereinst seinen Kindern einen Halt für das Leben geben, sie für die großen Aufgaben vorbereiten kann, die sie als Bürger der Zukunft zu erfüllen haben." David Lewy hatte den Kopf, der ihm fieberhaft brannte, in die Hand gestützt. „Ja, was tun?" seufzte er. „Der Zeit, in der wir leben, Rechnung tragen, alter Freund!" sagte Dr. Anschl. Aus dem Laden wurde wiederholt geklingelt; David Lewy mußte hinunter. Dr. Anschl blieb noch einige Zeit bei der bekümmerten Frau, die in den Klagen über das zerstörte Fest nicht Nachlassen wollte. * * Wohin hatte sich Esther gewendet? — Ihre Freundin Clara, die in dem drei Meilen von Prag entfernten Kollin wohnte, sollte ihrem schwer bedrückten Herzen Mut zusprechen. Clara hatte mit ihr dieselbe Schule besucht, sie hatten sich für gleiche Ideale begeistert, mit einander geschwärmt, Luftschlösser gebaut; Clara würde sie verstehen, zu ihr lenkte sie ihre Schritte, nachdem Vater und Mutter sie von sich gewiesen. In jungen Jahren umgibt die Freundschaft noch ein idealer Hauch; wir können, ohne zu fürchten, mißverstanden zu werden, uns an dem Herzen des Freundes, der Freundin ausweinen, wir schenken ihrem Zuspruch Glauben, schütteln die uns bedrückende Last ab und werden wieder froh und frei. Esther fand zwar sobald nicht ihre Ruhe wieder. Es war gerade Mittagszeit, als sie dort eintraf, doch konnte sie keinen Bissen genießen. Nach Tisch machte sie mit der Freundin eine Promenade auf den bewaldeten Höhen; hier, in freier Gotteswelt, im Anblick der wiedererwachenden Natur wurde ihr leichter; sie teilte der Freundin den Inhalt der verhängnisvollen Predigt mit, wie Dr. Wils sich klar darüber ausgesprochen, daß der denkende Mensch eine übernatürliche Auferstehung verwerfen müsse, daß aber dennoch das Auferstehungsfest eine weitgehende Bedeutung habe; jeder, selbst der sündigste, unvollkommenste Mensch kann eine Auferstehung im Geiste feiern; er solle sich losmachen von seinen Fehlern und Jrrtümern, und im Streben nach Vervollkommnung, nach Gottähnlichkeit erreicht er endlich eine Stufe, die auch für ihn, also für jeden Einzelnen, eine Auferstehung, ein Osterfest in des Wortes heiligster Bedeutung sei. Er sprach begeistert über die ewigen Naturgesetze, über Wald und Flur und Feld, die nun auch nach langer Nacht ihre Auferstehung feiern. Nur dem Menschen gebräche es oft an Tatkraft, um es der einzigsten Pflanze gleich zu tun; sie blüht und er welkt, sie duftet, während seinen Handlungen ein Modergeruch, der verpestend auf die Umgebung wirkt, entströmt. „Ich sage Dir, Clara", schloß Esther begeistert, „man muß. kein Streben in seiner Brust haben, wenn man nicht durch die Worte dieses Mannes für alles Gute und Edle begeistert wird. — Und das schilt mein Vater gottlos", setzte sie tieftraurig hinzu. „Du solltest doch den religiösen Gebräuchen, an denen Dein Vater hängt, eine gewisse Pietät entgegenbringen", antwortete die Freundin, die um Alles eine Versöhnung bewerkstelligen wollte. Esther schwieg. Die Mädchen hatten sich jetzt dem Städtchen genähert; man konnte von der Straße in die niedrig gelegenen Wohnungen sehen und Esthers Blick haftete starr an einem Fenster, vor dem eben eine alte Frau, eine Jüdin, mit goldbrokatener Mütze stand und einem in der Fensternische stehenden Schrank die Gebetbücher entnahm. Die Frau küßte ein jedes, legte es dann auf den Tisch, auf dem zwei Kerzen in armseligen Glasleuchtern brannten. „Laß uns einen Augenblick verweilen", bat Esther, an dem gegenüberliegenden Hause stehen bleibend. Sie sah, wie die alte Frau ein langes Leintuch aus dem Wäscheschrank nahm, darin drei Mazzes einwickelte, sie

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