Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 423 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 423 auf die Sederschüssel legte, darauf ein Stück gebratenen Fleisches, bittere Kräuter, Salzwasser, Petersilie, ein Ei; wie sie auch eine Flasche Wein hervorholte und wie, se mehr sie sich dannt beschäftigte, ein heiliger Gottesfrieden ihr Gesicht verklärte. Dann wurden weißüberzogene Kissen auf den Lehnstuhl des Hausherrn gelegt, die nämliche Stube sah so festlich aus, als durchwehe sie der Hauch der Gottheit; und nun trat ein alter Mann, auf seinem Silberhaupt ein schwarzes Sammtkäppchen tragend, herein; er umarmte seine Frau, und die Kinder kamen. Groß und Klein, alle festlich gekleidet, um sich von den Ellern noch vor dem Tempelbesuche segnen zu lassen; der alte Mann legte betend seine Hände auf das Haupt der ältesten Tochter, die ungefähr in Esthers Alter war. Da — was war das? Esther brach in ein konvulsivisches Weinen aus; sie vergaß, wo sie war, und Clara hatte Mühe, die aufgeregte Freundin bis nach dem nahegelegenen elterlichen Hause zu bringen. „Laß mich fort!" bat Esther endlich, „ich muß nach Hause; der nächste Zug geht in einer Viertelstunde ab. Tue mir den Gefallen und begleite mich zum Bahnhofe." Clara wollte sie bis nach Prag begleiten, Esther lehnte ab. „Du weißt, ich bin stark", sagte sie; „was ich mit mir auszukämpfen habe, muß ich allein bewerkstelligen; ich sehe, man kann mit dem Verstände sehr weit gehen und bleibt mit dem Herzen doch den überkommenen Traditionen treu." Die Freundinnen trennten sich nach inniger Umarmung von einander. Esther hatte während der Fahrt die nötige Ruhe gefunden, sich die Ereignisse des Tages klarzulegen; doch da trat wieder die Schreckgestalt des zürnenden Vaters, der ihr, wie Lea gesagt hatte, nie verzeihenden Mutter entgegen, der Mut fehlte ihr, bittend vor sie hinzutreten, wie sie es eben gewollt. Da plötzlich funkelten ihre Augen, als ob sie einen rettenden Ausweg entdeckt hätte. Ihr Jugendfreund Moritz Anschl sollte zu den Eltern gehen und für sie sprechen; ja, er hatte die Gabe, ihnen klarzulegen, daß Esther nicht sündigen gewollt und nicht gesündigt habe, und sie wußte es, ihr zu Liebe würde er sich diesem peinlichen Geschäfte unterziehen. Diese Hoffnung beruhigte ihr heftig klopfendes Herz. Jetzt erst hatte sie erkannt, welchen Zauber das Elternhaus und die väterliche Religion ausüben. Es wurde dunkel; da, zum ersten Male, überkam sie der Gedanke: Was werden die Eltern über dein langes Ausbleiben denken? Wo werden sie dich vermuten? O, sie sah vor ihrem geistigen Auge die arme Mutter, die wohl ihre Heftigkeit längst bereut, in Tränen, sah den Vater im stummen Gebet vor Gott stehen, in jener altersgrauen Synagoge, die schon so manche Seufzer gehört, manch heiße Bitte, auch manch unverstandene in hebräischer Sprache hergesagte Danksagung. Jetzt hielt der Zug. Eiligen Schrittes ging Esther der Stadt zu; die Gemeinde kam eben aus dem Tempel. Da mußte auch ihr Vater kommen; sie wartete einige Augenblicke, und in der Tat, David Lewy erschien; sie glaubte von ihm gesehen worden zu sein, ehe er in die Nebengasse einbog; er hatte den Blick abgewendet und wollte sie nicht kennen. Ein unnennbares Weh überkam ihre Brust. Wie von den Furien verfolgt, eilte sie in die entlegensten Straßen auf und ab; sie war endlich oben auf der Bastei angelangt und setzte sich ermüdet auf eine Bank. Wie lange sie da gesessen? Die Sterne standen schon am Himmel, als sie sich sagte, daß sie hier nicht bleiben könne. Sie strich sich mit der Hand über die Stirne, hinter der jetzt tausend Gedanken von Gott und Unsterblichkeit, von Nechtgläubigkeit und F> eidenkertuni auf- und abwogten. Sie erinnerte sich, daß sie ja zu Dr. Anschls gehen wollte. Doch ehe sie dahin ging, mußte sie all der elterlichen Wohnung vorüber. Bald stand sie am Hause ihres Vaters. Das gute Zimmer war festlich erleuchtet, es lag zu ebener Erde; der Glanz des Kronleuchters strahlte weit hinaus, da man vergesserr hatte, die Fensterladen zu schließen. Schon Halle Esther die Türklinke ersaßt, da überkam sie ein Gefühl, als sei sie nicht würdig, an der Feier teilzunehmen. Sie zog die Hand zurück. Doch sehen wollte sie wenigstens, was sich dort zutrug. Sie erhob sich auf die Fußspitzen. Der Vater gab eben jedem der Tischgenossen von dem „bitteren Kraut", das zum Andenken an die Leiden der Wüste genossen wird. Ihr fiel auf, ein wie großes Stück er davon aß, wußte sie doch, daß er sonst nur einen Bissen zu nehmen pflegte; dabei sah sein Gesicht aus, als hätte er nicht nur bitteres Kraut, sondern auch viel bitteres Leid zu verschlucken. Nun betete man wieder, der Vater, die Mutter, an die sich Lea fest angeschmiegt; die vier Studenten, denen die Mutter Freitische zu geben pflegte, sangen die Psalmen. Sonst intonierte sie der Vater, heute schien kein Ton aus seinem Munde zu dringen. Bei der „Broche" über den Wein berührte er kaum das Glas, das er sonst bis auf den Grund ausgetrunken; der Mutter Glas wurde auch nicht leerer. Wieder betete man und nun reichte der Vater Jedem ein Stück Mazze; eines legte er hinter sich in die Kissen; Esther dachte zurück an jene fröhlichen Jugendtage, da sie ihr Glück darin gefunden, dem Vater nun gerade dieses Stück zu nehmen; er hatte es dann auslösen müssen und sie konnte nach alter Sttte fordern, was sie wollte, es mußte gewährt werden. Da hatte sie sich in einem Jahre ein neues Kleid, im anderen ein Klavier, dann einen Atlas, ein Album gewünscht, der Vater hatte für die „Asikomo" jeden Wunsch erfüllt. Doch heute stand sie draußen, eine Ausgestoßene. Sie wollte davoneilen, aber wie festgebannt hielt sie vor der Schwelle, als nun der Tisch gedeckt unb die dampfende Suppe aufgetragen wurde. (Schluß folgt.) tbo Soolliail Harzburg <> Pension Parkhaus vornehmes Etablissement, 56 Salons. Prospekte gratis. Geöffnet 1. Mai bis 1. Oktober. Max Hecht. Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro »/> Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzlgerstr. 83 und Spittelmarkt 8—10.