Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30 Israelitische Wochenschrift. Sette 415. deren begabteste Köpfe, eben weil sie sich anderweitig betätigen können, sich nicht ausschließlich oder vorzugsweise dem Handel zuzuwenden brauchen. Die amerikanischen Juden sind nicht wenig stolz darauf, daß einer aus ihrer Mitte, Herr Lubin, der eigentliche Urheber des Planes ist, in Rom eine Art permanenter internationaler Landwirtschaftskammer zu begründen. Es ist in der Tat seltsam, daß ein Mitglied desjenigen Volksstammes, dem man seit lange jedes Interesse und jedes Verständnis für Landwirtschaft abspricht, auf eine solche die Landwirtschaft der ganzen Welt umfassende Idee gekommen ist. Nicht minder sonderbar ist, daß ein so verdienstvoller Mann sich bescheiden im Hintergründe hält, während man doch sonst den Juden immer Vordrängen und Reklamemachen vorwirft. Lubin, ein ernster und energischer Mann, hat sich mit der Idee viele Jahre herumgetragen. Er glaubt an die Zukunft der Landwirte und er wünscht aufs eifrigste, etwas zur Besserung iherr Lage tun zu können. Mische Kolonie» in Argentinien. In dem „Westnik Jewroph" veröffentlicht N A. Krjukow auf Grund eigener Beobachtungen eine interessante Studie über die jüdischen Kolonien in Argentinien. Der Grund zu der jüdischen Kolonisation in Argentinien ist bekanntlich durch eine Spende des Barons Hirsch von 2 Millionen Pfd. Sterling gelegt, und durch Beiträge von verschiedenen jüdischen Assoziationen ist dieses Grundkapital auf 9 Mill. Pfd. Sterling gebracht. Gegenwärtig weist Argentinien vier große jüdische Kolonien auf: Clara und Lucienville in der Provinz Entre-Rios, Santa Fe, etwa 76 Werst nordwestlich von der gleichnamigen Stadt und Mauricio, 260 Werst westlich von der Stadt Buenos-Aires. Diese Kolonien nehmen einen Flächenraum von 359 758 Hektar ein, wovon 202 412 kolonisiert sind. Insgesamt sind 1394 Familien (7658 Personen) angesiedelt. In allen Kolonien gab es zum 1. Jänner 1904 — 24 Schulen, die von 776 Knaben und 627 Mädchen besucht wurden. Die Zahl der Bethäuser beträgt — 5. An Vieh besitzen die Kolonien — 53 000 Stück Hornvieh, 13 000 Pferde und 3500 Schafe. Mit Weizen sind 21 000 Hektar besät, mit Flachs 17 000, mit Mais 14 000. Die meisten Kolonisten sind aus Rußland gekommen; nur in der letzten Zeit hat anch ein Zuzug aus Rumänien und anderen sGegengenden stattgefunden. Jeder Kolonist empfängt Land, Gebäude, Inventar, mit einem Wort, alles notwendige, um seine Wirtschaft anzufangen. Er muß seine Schuld, die zu 5 Prozent verzinst wird, in 20 Jahren abzahlen. Anfänglich bekam jeder Kolonist 50 Hektar Land zugewiesen doch stellte sich bald heraus, daß dies bei den argentinischen Verhältnissen nicht ausreicht, um in die Höhe zu kommen. Vorzugsweise findet die Ansiedlung in Gruppen von 4 Höfen statt. Für je 2 Höfe wird ein gemeinsamer Brunnen anlegt. Die einzelnen Ansiedlungsgruppen sind von einander 1 Kilometer entfernt, was für die Kommunikation nicht besonders schwierig ist. Auf je 12 Gruppen entfällt eine Schule. Der weiteste Weg, den die Kinder zurückzulegen haben, beträgt mithin 3 Kilometer. Die Häuser werden aus Ziegelstein erbaut und mit verzinktem Blecheisen bedeckt. Das Haus, 8 mal 4 Meter im Umfang, mit 3 Fenstern in der Fassade, hat 2 Zimmer und kostet etwa 750 Mark Der Kolonist empfängt das fertige Haus, eine eingefriedete Fläche von 25 Hektar und eine uneingefriedete von 125 Hektar. In der eingefriedeten Fläche kann er Gemüse bauen, Bäume pflanzen, Luzernen bauen, aus der uneingefriedeten Felder anlegen. Außer Gut und Land erhält er acht Ochsen zur Arbeit, 12 Kühe, 4 Pferde, einen Wagen, 2 Pflüge, 1 Egge usw. Die Gesamtschuld des Kolonisten beträgt im Dmchschnitt 7000 Pesas, wovon 4000 auf das Land, 3000 auf alles übrige entfallen. Jede Kolonie hat zur Leitung ihrer Angelegenheiten folgende Administration: einen Verwalter, einen Gehilfen, einen Buchhalter, 2 Schreiber. Die ärztliche Hilfe wird in den Kolonien gut bezahlt. So bezieht ein Arzt etwa 10 000 Mk. Ernste Feinde der Wirtschaft sind die Ameisen, zu deren Bekämpfung sogar ein besonderer Apparat erfunden ist. Die Weizenernte in der Kolonie Clara beträgt 85 bis 107 kg pro Hektar, doch kommen auch ungünstigere Jahre vor. Die Einerntung kostet etwa 2,70 Mk. pro Hektar, die Arbeit und die Pferde nicht gerechnet. Schafe kommen in den Kolonien gut fort, doch ist die Zucht derselben für viele Kolonisten noch schwierig, da der Weideraum der Schafe eingehegt werden muß und außerdem gedeckte Stallungen für sie aufgeführt werden müssen, in denen die Schafe in der schweren Regenzeit Schutz finden können. Aeltere Kolonisten beschäftigen sich aber mit Erfolg auch schon mit der Schafzucht. Unter den Kolonisten, die sich in Rußland mit Kramhandel und Handwerken beschäftigt haben, haben sich nicht wenige als gute, energische Landwirte gezeigt. Ein gewisser Friedland z. B. verfügt schon über 150 Stück Hornvieh, darunter 24 Milchkühe und 50 Pferde. Auf seiner Farm von 300 Hektar hält er zwei Jahresarbeiter, die einen Monatslohn von 70 Mk. bei freier Wohnung erhalten. Um die Erntezeit steigt dieser Lohn noch um weitere zwei Drittel. Zur Ernte nimmt er außerdem noch 10 Arbeiter an, welche bei freier Verpflegung durchschnittlich 3 Mk. täglich verdienen, während der Meister, welcher die Getreidehaufen zusammenlegt, 9 Mk. pro Tag erhält. Die argentinischen Gerichte gefallen den jüdischen Kolonisten wenig. Die Verhandlungen werden in spanischer Sprache geführt, Dolmetscher gibt es nicht, bei Streitigkeiten zwischen einem Argentinier und Europäer hat immer der Argentinier Recht, während, wenn zwei Europäer vor dem Gericht ihr Recht suchen, dasselbe in salomonischer Weisheit gewöhnlich beide Seiten mit Strafe belegt. Da nun aber bei den Juden die Leidenschaft zum Prozessieren doch mehr entwickelt ist als bei den anderen Nationen, so hat man z. B. in der Kolonie Lucienville den Ausweg gefunden, ein „Komitee der Vermittler" zu organisieren. Die Mitglieder des Komitees (5) werden von den Kolonisten gewählt, darauf wählt das Komitee aus seiner Mitte den Vorsitzenden. Jede rechtsuchende Seite hat beim Komitee 41 Kopeken zugunsten der landwirtschaftlichen Gesellschaft einzuzahlen. Diese 1900 gegründete „kriruera JSociedad Agricola Israelita“ besitzt schon 60 Mitglieder. Die landwirtschaftliche Saison in Lucienville beginnt mit Ende Mai. Zuerst wird Weizen gesät. Mais wird Ende September, im Oktober, ja selbst im Dezember gesät. Die Fröste sind für Weizen im Juli und August gefährlich, für Mais im April und Mai. — Viele Kolonisten in Lucienville haben begonnen, sich mit der Geflügelzucht zu beschäftigen. Die Hühner vermehren sich erfolgreich und finden überall genügend Futter. Eier finden unbeschränkten Absatz, und zwar zu guten Preisen, während Milch z. B. sehr billig ist. Die wichtigste Bedingung für den Wohlstand des Uebersiedlers nach Argentinien liegt in seiner Familie. Erfolgreich arbeiten nur diejenigen Kolonisten, welche eine große Familie haben. Der Durchschnittskolonist erarbeitet im Jahr an Geld für den Verkauf von Getreide und anderen Produkten etwa 1300 Mk. An die Administration sind etwa 500 Mk. an Abzahlungen zu machen, so daß ihm noch 800 Mk. bleiben. In den günstigsten Verhältnissen befindet sich die Kolonie Mauricio, weil sie einem guten Absatzmarkt, der Stadt Buenos- Aires, nahe liegt und auch nicht durch Heuschrecken, Dürre oder allzuviel Regen zu leiden hat. Diese Kolonie hat eine Bevölkerung von 1128 Seelen (164 Kolonisten-Familien) und hatte Anfang 1904 schon 18 267 Hektar Land bepellt. Hornvieh gibt es hier 5611 Stück, darunter 2555 Milchkühe, ferner 3500 Pferde. Auch die Schafzucht hat hier schon einen ziemlich beträchtlichen Umfang — 3000 Schafe. Die Fahrt durch die Kolonien, sagt Krjukow, hat auf mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Immer hat man mich herzlich ausgenommen. Rußlands erinnern sich die Kolonisten sehr gern, Nirgends habe ich Erbitterung oder Haß bemerkt; alle ihre Erklärungen hierüber kann man mit den Worten eines Kolonisten ausdrücken: „Rußland ist ein gutes Land; kein Argentinien hält ihm den Vergleich; nur uns ist es zu leben unmöglich. Man zwingt uns in der Enge zu leben; deshalb ist auch Schmutz und Armut, da sich keinerlei Erwerb finden läßt, und des Volkes immer mehr wird. Wenn man es erlaubte, würde ich an einen anderen