Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606764--9449-9606770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 414. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30 das Judentum nicht wie der Protestantismus eine proselytisierende Religion und daß daher die jüdische Religion weniger störend sein und weniger mit den katholischen Interessen in Konflikt geraten werde. Gewiß — so etwa schließt das Schreiben — ist ein großer Teil der Geistlichkeit noch unversöhnlich, aber man kann das nicht von der gesamten sagen, denn hervorragende Bischöfe und Geistliche zollen meiner Kampagne Beifall. Es ist wahr, daß es hier religiöse oder fanatische Geister gibt, die das Vorhandensein anderer Religionen mit Furcht konstatieren und mit Entrüstung tadeln; aber wo gibt es ein Land, in dem nicht Aehnliches vorkäme. Dafür gibt es hier, wo wenigstens tausend Juden wohnen und prosperieren, gar keinen Antisemitismus, und man kann nicht ein einziges Journal nennen, das die Bestimmung hätte, die Juden persönlich oder deren Interessen zu bekämpfen und zu beschimpfen wie es in Frankreich der Fall ist. Die Tatsache, daß ich einen öffentlichen Feldzug zu Gunsten der Juden seit zwei Jahren im Parlament, in der Presse und in Schriften führe, und daß man mir daraus keinen Vorwurf gemacht hat, beweist unwiderleglich, daß Spanien nicht ein fanatisches und zurückgebliebenes Land ist, wie man zu behaupten beliebt. Anmilmischkr Kries. Im Hinblick auf das bereits in früheren Briefen erwähnte zweihundertundfünfzigjährige Jubiläum der jüdischen Einwanderung in den Vereinigten Staaten, das im Herbst feierlich begangen werden soll, schwelgt die amerikanische Judenschaft in Reminiszenzen, und cs ist nicht zu leugnen, daß manches Interessante dabei zutage gefördert wird. Die Einwanderung in den Weststaaten begann erst viel später und im März 1817 ließ sich der erste Jude, ein Uhrmacher, in Cincinnati nieder. Bezeichnend und interessant ist, was dieser erste jüdische Einwanderer über seine Aufnahme berichtet hat. Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Einwanderung selbst damals noch rT t so bedeutend war wie in späteren Zeilen des neunzehnten Iahi Hunderts, und daß die christlichen Einwanderer meist noch aiN Ländern stammten, in welchen es nur sehr wenige Juden gab. So erst wird man das folgende verstehen und glauben. Als Joseph Jonas — so hieß der erste jüdische Ansiedler im Ohio.Gebiet — in Cincinnati ankam, wurde er als eine Kuriosität angestaunt. Viele hatten niemals zuvor einen Juden gesehen und sie hatten ganz sonderbare Vorstellungen von Juden. Aus verschiedenen Teilen des Landes kamen sie eigens, um ihn zu sehen, und eine alte Quäkersrau fragte ihn: „Bist Du ein Jude? Du bist also einer aus dem von Gott erwählten Volke. Willst Du mir gestalten. Dich einmal ordentlich anzusehen?" Sie drehte ihn hierauf hin und her und rief schließlich: „Well, Du bist nicht anders wie andere Leute." Wie aus dem Adreßkalender von Cincinnaü aus dem Jahre 1818 hervorgeht, war Joseph Jonas bereits in jenem Jahre, also zwei Jahre nach seiner Ankunft, Freimaurer und zwar hatte er bereits einen höheren Grad. In einer hinterlassencn Denkschrift aus dem Jahre 1842 schreibt Jonas: Von der Ankunft des ersten Juden in Cincinnati bis zu diesem Tage waren die Juden sehr geschätzt und standen in hoher Achtung bei ihren Mitbürgern; es fand ein Austausch von Höflichkeiten zwischen ihnen statt, und auch Freundschaften wurden zwischen Juden und Christen geschlossen. Viele Personen christlichen Glaubens, die fünfzig bis hundert (englische) Meilen von Cincinnati entfernt wohnten, kamen in die Stadt mit der ausgesprochenen Absicht, einige Kinder Israels, „das heilige Volk Gottes", wie sie uns nannten, zu sehen und mit ihnen sich zu unterhalten. Weiter wird in der Schrift bemerkt, daß von christlicher Seite zugestanden wurde, daß unter den Juden in der Stadt wie auf dem Lande die wenigsten Trunkenbolde, Stromer oder sonst den Gesetzen Zuwiderhandelnde Personen im Verhältnis zu deren Zahl gebe. Daß das Verhältnis zwischen Juden und Christen im großen und ganzen sich seit nahezu einem Jahrhundert nicht verändert hat — die kolossale Zusammenhäufung von russischen und rumänischen Juden in New Pork hat nur hier und da einige Ausnahmecrschcinungen gezeitigt — das ersieht man aus einer Zuschrift an den „American Jsraelite". „Ich glaube — so lautet das aus Clarion, Pa, datierte Schreiben —, daß Juden, gleichviel woher sie kommen, wenn sie sich niederlassen, einen Handel anfangen oder sonst ehrlich sich ihren Lebensunterhalt verdienen und anständig sich verhalten, von den Massen geachtet werden. Meine Erfahrung hat mich das 'gelehrt. Ich bin an diesen Ort gekommen im Jahre 1853, als ich zwanzig Jahre alt war. Ich war kurz vorher aus Deutschland herübergekommen, heiratete und bekam Familie. Fast die ganze Zeit war ich geschäftlich tätig, habe Söhne im Geschäft, hatte verschiedene Ehrenämter, wurde Mitglied verschiedener Gesellschaften usw. Hier gibt es Presbyterianer, Methodisten, Baptisten, Lutheraner und Katholiken, ich und meine Familie sind die einzigen Juden. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich in dieser ganzen Zeit, ob es mir gut oder schlecht ging, in Freude und in Not stets Freunde und Helfer gefunden habe. Wir verkehren gesellschaftlich mit der Elite der Stadt; sie besuchen uns und wir besuchen sie und wir leben in Frieden und Eintracht. Ich bin beständig seit 1854 Leser des „Jsraelite" und gebe ihn oft Nachbarn und Freunden zu lesen." Es ist sehr bemerkenswert und ist bereits mehrfach ausgefallen, daß die Juden, denen doch nichts mit so großer Bestimmtheit nachgesagt wird, als daß sie eine besondere Begabung für den Handel haben, in Amerika im Wettbewerb nicht die höchsten Preise erlangt haben, obgleich ihnen hier keinerlei Schranken im Wege stehen. Kein einziges der großen Vermögen, deren es in den Vereinigten Staaten so viele gibt, ist n* von einemJudenerworbenoder zusammengescharrt worden oder, um auch das gleich hinzuzufügen, von Juden Abstammenden. Die Astors, Carnegies, Vanderbilts, Goulds, Rockfeller, Morgan und noch viele andere mehr unter den Reichsten der Reichen Amerikas sind ohne Ausnahme Christen. Dabei stehen Juden an der Spitze großer Bankhäuser, Eisenbahnen, Trusts und anderer Geschäftsunternehmungen. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß entweder die Juden nicht das alle anderen überragende Handelsvolk par excellence sind — in Wirklichkeit können Engländer, Armenier, Griechen und noch andere in geschäftlicher Beziehung mindestens ebensoviel leisten wie die Juden, und auch in den fortgeschritteneren Teilen Deutschlands stehen die Urgermanen ihnen in kommerziellen und industriellen Unternehmungen nicht im geringsten nach — oder der Umstand, daß in weniger freien Ländern mit noch von mittelalterlichen Schlacken nicht ganz freier aparter Judenpolitik die intelligentesten Kräfte bei den Juden dadurch, daß ihnen viele Wege zur Betätigung künstlich versperrt werden, in die eigentlich gelderwerbenden Geschäfte und Berufe hingedrängt werden, wo sie dann natürlich bessere Chancen in der Jagd nach dem Geld haben, als ihre Mitbürger, denen alle Wege öffentlichen und