Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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V" Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 413. verzieh, jedoch zugunsten der Armen eine Geldstrafe von hundert Napoleons auferlegte. Interessant ist es zu sehen, wenn die spanischen Juden am Samstag ihre Rosenkränze Herabfingern. Diesen Gebrauch haben sie von den Mohammedanern übernommen, den sie jedoch nur Samstag beobachten, wenn das Tabakrauchen verboten ist. D'e ans Zigarettendrehen gewöhnten Finger spielen, wie mechanisch mit den meist aus Bernstein verfertigten Kügelchen des Rosenkranzes, vielleicht ohne zu ahnen, welche Bedeutung der Rosenkranz für den Katholiken hat. Am Samstag treffen wenig Schiffe im Hafen ein, weil die Mehrzahl der Hamals Juden sind, die um keinen Preis der Welt sich gegen das Arbeitverbot vergehen würden. Diese jüdischen Hamals sind von einer erstaunlichen Körperkraft, fleißig und verläßlich. Ein spanischer Schiffskapitän hat mir erklärt, daß er seine Ladung bloß unter der Bedingung dem Spediteur übergibt, wenn alle seine Taglöhner Juden sind, denn nur dann kann er sich im voraus pünktlich berechnen, wann die Arbeit beendet sein würde. Jeder Ausländer ist von der Tatsache überrascht, daß in ^Malonichi die finanziellen Geschäfte nicht von den spanischen Juden, sondern von Griechen und Armeniern versehen werden. Unter den Großhändlern gibt es jedoch einige spanische Juden, deren Firmen in der ganzen Levante bekannt sind. Solche Firmen sind die der Allatini, Misrachi, Fernandez usw., welche, vom Vater auf den Sohn übernommen, in punkto Solidität und Vertrauenswürdigkeit sich auch in Westeuropa des besten Rufes erfreuen. Der überwiegende Teil der Judenschaft besteht aus Industriellen und Taglöhnern. Aus ihren Reihen kommen die besten Schmiede, Spengler, Tischler und sonstigen Industriellen hervor. Es gibt keine harte Taglöhnerarbeit, vor der der arme spanische Jude sich drücken würde, um die paar Groschen zu verdienen, mit welchen er seine Familie erhält. Die spanischen Juden von Salonichi besitzen ein ungewöhnliches Sprachentalent. Türkisch versteht ein jeder; zuhause, sowie im Tempel bedienen sie sich der spanischen Sprache, außerdem erlernen sie auch die griechische und die bulgarische Sprache. In der intelligenten Klasse gibt es Tausende, die überdies noch das Italienische, Englische und Französische sprechen. Ueberraschend ist es, daß es deutschsprechende unter ihnen kaum einen gibt, obwohl die Deutschen besonders in der letzteren ^^it sich bestreben, mit Salonichi in enge Handelsbeziehungen zu treten und sich an den Gestaden des Aegäischen Meeres fcstzusetzen, um von hier aus Einfluß auf die Levante und die Dardanellen auszuüben. Die Frauen und Mädchen der spanischen Juden sind typische Schönheiten. An Festtagen schmücken sie sich mit Juwelen und behängen nach orientalischer Art den Busen, den Hals, sowie die wohlgesormten Arme mit Goldmünzen. Im übrigen hocken sie meist zuhause und streifen nicht durch die Straßen, wie ihre westlichen Glaubensgenossinnen. Auch sind sie überaus religiös. Ich versäume es nie, den jüdischen Friedhof von Salonichi zu besuchen. Er zieht sich an der Westseite der Stadt in der Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern den Bergabhang hinan und unterscheidet sich von den benachbarten türkischen und griechischen Cimeterien dadurch, daß die Grabsteine flach, der Länge nach auf der Erde liegen und einen gespenstigen Anblick darbietcn, insbesondere zur Mittagszeit und bei Sonnenuntergang, wenn die Strahlen der Sonne auf die weißen Marmorplatten herabfließen. Die Leiche wird auf einem dreieckigen Brett, mit einem durchsichtigen sblauen Schleier bedeckt, nach dem Friedhofe gebracht. Vom Stadttor bis zum Grabe ertönt der Trauergesang des Rabbi, mit dessen Stimme sich der Gesang der Leidtragenden mengt. Unter den Friedhöfen von Salonichi macht derjenige der spanischen Juden den Eindruck tiefster Ruhe. Die Türken bezeichnen die Grabstätte ihrer Toten meist mit dünnen Marmortäfelchen und bloß an den Gräbern hochgestellter Militärs oder hervorragender Beamter steht ein Doppelgrabmal: eines am Kopf- und eines am Fußende. Aber wenn man die beturbanten Steine überschaut hat man schier das bange Gefühl, daß ein Sturmwind kommen und die Marmorgrabmäler der Reihe nach niederlegen werde. Es steigt dasjenige Gefühl in uns auf, welches man angesichts jeder Schöpfung der Türken empfindet: daß dieser Boden ihre richtige Heimat nichts ist und sie bloß ^provisorisch auf ihm leben. null die Inden. Bekanntlich bemüht sich der spanische Senator Angel Pulido seit zwei Jahren in Wort und Schrift für eine Aussöhnung der Juden mit Spanien, das sie kurz nach der Entdeckung Amerikas vertrieben hat. Die Bemühungen des Senators wurden am skeptischsten von den Juden selbst ausgenommen. Als neulich der König von Spanien auf ein Schreiben des Kardinal-Erzbischofs Salvador Casanas, der um die Verhinderung der Einweihung einer protestantischen Kirche in Barcelona bat, antwortete, daß er sehr betrübt sei über den neuen Angriff auf den Glauben der Väter und auf die Staatsreligion, und daß er alles, was in seiner Macht liege, tun werde, um diesen zum Scheitern zu bringen, bemerkte der in Paris erscheinende „Univers Jsraelite", daß, wenn das schon Protestanten gegenüber geschehe, man sich leicht denken könne, wie wenig Aussicht auf Erfüllung die Pläne des Senators Pulido bezüglich der Juden haben können. Darauf hat nun der Senator Pulido ein langes Schreiben an die Redaktion des genannten Blattes gerichtet, in welchem er zunächst betont, daß der Brief des Königs keinen anderen Wert habe und haben könne, als den eines privaten Katholiken und daher in einem konstitutionellen Lande, das Glaubensfreiheit garantiere, nicht den geringsten Einfluß haben könne. Außerdem kenne man nicht die Entstehung de? Schreibens, dessen Inhalt in Erstaunen setze, da er in Widerspruch stehe mit allem, was man von der Denkweise des jungen Königs wisse, der beständig sein Verlangen kund gebe, daß Spanien frei und fortschrittlich sei. Der Brief, fährt der Senator fort, hat die Liberalen Spaniens zu der energischen Erklärung veranlaßt, daß sie einen Rückfall in religiöse Intoleranz nicht dulden werden, sondern im Gegenteil den Artikel der Verfassung, der von der Glaubensfreiheit handelt, weitherziger angewendet wissen wollen. Wenn die Cortes ihre Sitzungen wieder aufnehmen werden, dann werde die Regierung wegen des königlichen Briefes interpelliert werden und man könne im Voraus versichert sein, diese werden unzweideutig erklären, daß Spanien nicht plötzlich wieder umkehren werde auf seinem Wege zur Zivilisation und Freiheit, die durch Revolutionen und Opfer erworben seien. Auf die Bemerkung des „Univers", daß, wenn schon der Protestantismus in den Augen der spanischen Regierung ein Skandal sei, man sich nicht einbilden dürfe, daß ottomanische und marokkanische Israeliten sich in Spanien werden niederlassen können, antwortet Pulido: Die spanischen Regierungen haben einmal nicht die protestantische Kirche als einen Skandal angesehen, sodann ist