Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 412. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. entfaltung verzichten müsse. Die nationale Selbständigkeit, die > Israel durch die Begründung seines Staats errang, sie war nur Mittel zum Zweck; sie sollte ihm helfen, ungestört und ungehindert von fremden Einflüssen in seine eigene Religion sich hineinzuleben. Kaum war das vollbracht, so fiel das Staatsleben wie eine Hülle ab, und es begann für das Judentum der eigentliche, wenn auch schwierige Teil seiner geschichtlichen Bestimmung; durch alle Reiche der Erde sollte es ziehen mit dem göttlichen Auftrag: „Ihr seid meine Zeugen und ich bin Gott". Von dem Propheten Jeremia an, der schon der Diaspora nach Babylonien schrieb: „Seid besorgt für das Wohl der Stadt, wohin ich euch geführt habe und betet für sie zum Ewigen, denn ihr Wohlergehen ist auch das eurige", bis zu Deutschlands Erhebung, wo der jüdische Jüngling zu den übrigen deutschen Vaterlandskämpfern sich gesellte und sein Blut auf den Schlachtfeldern vergoß, von jener uralten Zeit bis zu der heutigen gilt für den Juden als heilige Satzung: Bestrebe dich, ein guter Bürger zu sein, in dem Land, das du bewohnst, ein treuer Angehöriger des Staats, unter dessen Schutz du stehst. Daß diese Lehre trotz der vielfältigen Mißhandlungen und schrecklichen Verfolgungen bei den Juden in Fleisch und Blut überging, scheint allerdings unbegreiflich und eben darum wohl auch sehr vielen unglaublich; aber deshalb nur, weil ihnen das richtige Verständnis der jüdischen Religionslehre fehlt. Jene Grundsätze werden fälschlich für Zugeständnisse gehalten, aus Klugheit oder aus Furcht freiwillig aufgestellt, während sie doch mit logischer Notwendigkeit aus dem jüdischen Gottesglauben fließen und aufs innigste mit seiner durch die Religion eingeflößten Lebensanschauung verschmolzen sind. — Von diesem Gesichtspunkt müssen wir die Geschichte des jüdischen Volks in der Zerstreuung nicht als eine die Menschheit entehrende ununterbrochene Unterdrückung und Gewalttat betrachten, sondern als einen Kampf des Geistes um die Erhaltung der religiösen Idee ihren Gegensätzen gegenüber. Nicht Israel allein, meint der Talmud, ging in die Verbannung, sondern Gott ging gleichsam mit in die Verbannung, um der religiösen Idee einen Wohnsitz unter den Menschen zu verschaffen. Spaniolen in Salonichi. Von Adolf Straf;. Allemal, wenn mich der Weg auf meinen Orientfahrten nach Salonichi führt, bin ich voll Bewunderung für die spanischen Juden. Zwei Dinge sind es, die ich an ihnen bewundere: ihre körperliche Schönheit und der Konservativismus, mit dem sie an ihren avitischen Traditionen festhalten. Man sindet nicht selten herrliche Männergestalten unter den Serben, den Albanesen, den Tscherkessen und unter den Griechen auf den Inseln des Archipels, aber keine von ihnen läßt sich mit dem spanischen Juden vergleichen. Wenn sie vor mir vorbeiziehen, diese kraftvollen, muskulösen, hochgewachsenen Männer mit dem vornehmen Exterieur, den Leib eingehüllt in den langen, verbrämten Kaftan, auf dem Kopf den reichen Turban, das imponierend ernste Gesicht von dem herabwallenden, üppigen Bart umrahmt und mit der wundervollen Ruhe im Gang, ist es mir, als ob sich die Gestalten des Alten Testaments wiederbelebt hätten. Unter den sechzigtausend Juden von Salonichi gibt es vielleicht keine einzige mißgestaltige oder degenerierte Figur. Der Hamal, der im Hafen die zentnerschwere Last keuchend auf den Schultern trägt, gibt sich im Aeußern ebenso vornehm und würdevoll wie sein reicher Glaubensgenosse, der das Dasein in Prunk und Bequemlichkeit verbringt. Was ist die Erklärung der bewunderungswürdigen Rassenreinheit? Nichts anderes als die Enthaltung von der Blutmischung. Während jener 400 Jahre, die verflossen sind, seit sie, aus Spanien vertrieben, sich auf diesem Punkte des Aegäischen Meeres angesiedelt, haben die Juden spanischer Zunge immer bloß unter sich geheiratet. Die Kinder Israels haben sich vor der „heiligen" Inquisition auch nach anderen Gegenden aus dem Lande der Hidalgos geflüchtet: nach Deutschland, Frankreich und Polen, aber die Nachkommen dieser Emigranten haben ihren charakteristischen Typus eingebüßt und sind meist verkümmert. Kein Zweifel, daß auch das Klima Einfluß übt auf den menschlichen Körper. So wie die Palme des Südens in nördlichen Strichen und in Mitteleuropa verfällt, mußten auch die aus den südlichen Ländern nach den Norden Europas gewanderten Juden dem Verkümmerungsprozeß unterliegen. Jedoch in Salonichi, wo der Himmel ewig lächelt und die sengende Glut der t^^ pischen Sonne durch den kühlenden Hauch des Meeres gemild^M wird, mochten die Ahnen der spanischen Juden sich so fühlen wie in ihrer alten Heimat. Wer die religiöse Toleranz der Türken kennen lernen will, der möge nach Salonichi kommen. Die zweitgrößte Stadt des europäischen Osmanenreiches ist eine Judenstadt. Sie ist dazu geworden am Ende des XV. Jahrhunderts durch den Sultan Bajazid, den weisen und vorausschauenden Herrscher, der, als er den aus Spanien vertriebenen Juden ein Asyl bot, bei der Nachricht von der massenhaften Einwanderung den Ausspruch tat: „Spanien wird verarmen, wir aber können durch sie reich werden!" In der letzteren Voraussetzung hat sich der Padischah getäuscht, jedoch darin nicht, daß die spanischen Juden die friedlichsten und verläßlichsten Untertanen der osmanischen Herrschaft geworden sind. Die christlichen Völker der Balkanhalbinsel hatten bis auf den heutigen Tag von der türkischen Tyrannei viel zu leiden, die spanischen Juden jedoch hatten nie Ursache gehabt, zu bereuen, daß sie unter den Getreuen Mohammeds ein neues Heim gesucht haben. Ihnen gegenüber zeigte sich die türkische Macht immer zuvorkommend und andererseits haben auch sie mit Stambul das freundsch^^ lichste Verhältnis unterhalten. Dieses freundschaftliche W' hältnis hat es ermöglicht, daß die Gemeindeorganisation der spanischen Juden in ihrer Jahrhunderte alten Unberührtheit verblieben ist und die „Spaniolen" trotz ihrer Abgeschlossenheit mit der moslemitischen Einwohnerschaft im friedlichsten Einvernehmen lebten. Der Oberrabbiner von Salonichi, der Chachambaschi, genießt nicht bloß bei der Judenschaft, sondern auch bei den Behörden großes Ansehen. Vor nicht langer Zeit starb der Chachambaschi von Salonichi, Samueli Arditti, der Jahrzehnte hindurch an der Spitze der Gemeinde gestanden hat, und bei seinem Begräbnis wurden ihm die einem Pascha gebührenden letzten Ehren erwiesen. Anwesend waren der Vali, der Gouverneur mit einem großen Trupp Offiziere, und als der Trauerzug sich in Bewegung setzte, wurden in der Festung Kanonenschüsse gelöst. Der Chachambaschi achtet streng darauf, daß die Mitglieder der Gemeinde die religiösen Vorschriften befolgen. Es kam vor, daß der Chef eines der großen Warenhäuser sein Geschäft auch am Sabbat offen hielt. Die Folge davon war, daß die Juden auf Weisung des Chachambaschi nicht bloß das Geschäft nicht mehr betraten, sondern selbst das Trottoir mieden, auf das die Türe des Ladens schaut. Der Eigentümer ging schließlich zum Chachambaschi Buße tun, der ihm