Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gesamtinterelseil des Ilidkiltilms. Webst dem Weiblütt: Jüdisches Litteverturblütt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Merlin C., Uoß-Straße 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3 — Mk. alle anderen Länder 3 50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Uiirrrmrr 30. Kerlirr, 28. Jrrli 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift _Berlin C., Rotz-Straffe 3._ Inhalt. Artikel: Zu den Trauertagen. VonDr.B Selig ko witz-Köthen. — Spaniolen in Salonichi. Von Adolf Straß. — Spanien und die Juden. — Amerikanischer Brief. — Jüdische Kolonien in Argentinien. — Die Fremdenbill in England. — Die Zukunft des Judentums. Von Anatole Leroy-Veaulieu. — Ein Memorandum russischer Juden an die Vertreter der Semstwos. — Politik: Was die Juden dem Antisemitismus zu danken haben. — Jüdische Aerzte an jüdischen Krankenhäuser)!. — Medizin und Religion. — Antisemitismus in Deutschland. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Zwei Sonette. — Feuilleton: Zwei Festabende. Novelle von Jda Barber. (Forschung) — Inserate. Zu den Crauertagen. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Die Geschichte hat das Vorrecht, gleich ihrer unendlichen Schwester Natur nur auf die Endergebnisse, auf die Schlußfolgerungen ihrer Geschehnisse zu achten und als über eine Notwendigkeit über die Seufzer und Schmerzen der Individuen hinwegzusehen. Die Natur will immerfort und unaufhörlich Leben Hervorbringen, aber sie kann das Leben nur durch den Tod erlangen; um zahllose neue Geschlechter zu schaffen, muß sie zahllose alte Geschlechter untergehen lassen; um das Leben zu ernähren, muß sie das Leben töten. Also fordert auch die Geschichte die Schmerzen und den Untergang zahlloser Individuen, um dem Menschengeschlecht eine fortschreitende Entwicklung, eine immer größere Zukunft, ein immer herrlicheres Dasein zu bereiten. Von diesem Standpunkt aus erscheinen die vielen Opfer der Geschichte bei jeglichem Volk und in einer jeglichen Zeit als in einem höheren Dienst dargebracht, und die Geschichte, die sonst nur ein trauriges Gemälde von Leiden und Leidenschaften der Menschen, von Herrschaft und Sklaverei, von Gewalt und Untergang sein würde, wird aus diesem höhern Gesichtspunkt der erhebende Bericht von dem unaufhörlichen Ringen des Menschengeschlechts nach höheren Zuständen, nach dem Sieg der Wahrheit und des Rechts. So hat der Talmud diesem Gedanken — daß die Zerstörung Jerusalems uns traurig stimmt, sobald wir an das Ereignis selbst, an die Schrecken und an den Sturz, an die Verödung und Verwüstung des Landes denken; und hoffnungsreich, sobald wir die Folgen ins Auge fassen — einen besonders geistvollen Ausdruck verliehen in den sinnreichen Worten: „Der Messias sei am 9. Ab geboren worden", d. h. die Zerstörung des Tempels und der ganze Jammer, der sie begleitete, waren gleichsam die Wehen, unter denen der Begriff einer Weltreligion geboren wurde. Es ist auch charakteristisch, daß, je dunkler der Himmel ist, der sich über dem Buch des so schwer geprüften Propheten Jeremias ausbreitet, desto freundlicher und heller an ihm der Regenbogen des Friedens und des Trostes erscheint, den wir am Ausgang der großen Trauerreden erblicken. Der größte Prophet der Klage ist zugleich der größte Prophet des Trostes und der Verheißung; sein tiefer Schmerz ist durch die Stärke seiner Gesinnung verklärt in dem erhebenden Bild von der Zukunft Israels, von seinem unzerstörbaren Beruf in der Weltgeschichte. Wie bitter daher auch die Erinnerung an den 9. Ab für uns ist, sie tut uns dennoch wohl; denn sie erzählt uns nicht nur vom Leid, sondern auch von der Kraft unseres Volkes, nicht nur von seiner Not, sondern auch von seinem Mut; sie erzählt von seiner begeisterten Hingebung an die hohen Güter der Erkenntnis, des Rechts und der Tugend. Einem Irrtum jedoch möchten wir hier begegnen. Der falschen Auffassung nämlich, die die Zerstörung Jerusalems und den Untergang des jüdischen Reiches als den Grenzstein, den die Weltgeschichte dem Schalten und Walten des jüdischen Geistes gesetzt, und die Einäscherung des Tempels als das Ende der jüdischen Geschichte betrachtet. Freilich, wenn nur jene Völker eine Geschichte haben können, die innerhalb bestimmter Landesgrenzen einheitlich Zusammenleben, die mit staatlicher Machtvollkommenheit ausgerüstet, einer nationalen Idee leben, dann müssen wir Juden es uns eingestehen, daß wir seit fast zweitausend Jahren eine Geschichte nicht mehr haben. Wenn aber die mit Heldenmut und Todesverachtung geführten Kämpfe und die mit den Waffen des Geistes errungenen Siege eines Volkes welthistorische Taten genannt werden müssen, dann wird jeder zugeben, daß unsere Geschichte seit der Zerstörung Jerusalems wohl eine eigenartige, aber eine um so reichhaltigere geworden. Gerade mit der Zerstörung des Reichs und mit der Zerstreuung des Volks beginnt die eigentliche Geschichte des Judentums. Denn erst da begriff es, daß ein Volk, das eine religiöse Sendung hat, auf eine staatliche und politische Mach-