Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 403 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Vir. 29 Israelitische Wochenschrift. Seite 403. Hegvplen und die Bibel. (Schluß.) Zu den interessantesten Partien gehört die Untersuchung über Jakob und Esau und ihr gegenseitiges Verhältnis. Was die Erschleichung des väterlichen Segens für den ersteren betrifft, so sieht Voller hier eine von israelitischer Seite ausgegangene Reaktion gegen eine frühere, ganz anders lautende Darstellung, naa/ welcher Esau als der einzige und der allein gesegnete Sohn Jsaks erscheint. Die Gestalt Esaus entspricht dem ägyptischen Gotte Schu, dem Stellvertreter und dem Bild des Sonnesgottes Ra selbst, Jakob ist Qeb, der Herr der Erde. Die aus der ägyptischen Mythologie hier angeführten Parallelen erklären in leicht verständlicher Weise den Traum Jakobs von der Himmelsleiter, seinen Kampf mit Gott, seine verrenkte Hüfte, seine Flucht vor Esau, die Anwesenheit Josephs bei dem Begräbnis Jakobs, während man die Worte, die Bileam in seinem Segen gebraucht, in der feierlichen Handlung wiederfindet, mit welcher Qeb Thron, Krone, Volk und Reich seinem Sohn Osiris übergibt. Wenn von Esau in der Bibel erzählt wird, daß er schon bei seiner Geburt wie ein Haarmantel aussah, so hat man darunter die Sonnenstrahlen zu verstehen. Aus verschiedenen Stellen der Bibel geht hervor, daß Jakob den Esau wie seinen Gott betrachtet, so daß Esau schließlich nicht als Bruder, sondern als Vater Jakobs zu denken wäre. Der glänzendste Sohn des Qeb ist Orisis, der des Jakob Josef. Auch hier wird der Nachweis versucht, daß die ganze Josefsgeschichte im Grunde nichts anderes ist als der Osirismythus in Form einer israelitischen Legende. Alle geistigen und körperlichen Eigenschaften Josefs finden sich bei Osiris, der bevorzugte Josef wird von seinen Brüdern angefeindet, wie Osiris von Set, Jesef wird in eine Cisterne geworfen, Osiris von Set in eine Lade gelegt und dann ins Wasser geworfen, Osiris wird wieder zum Leben erweckt und ebenso wie Josef nach Aegypten als Sklave verkauft wird, kommt Osiris nach Aegypten, wo neue Leiden seiner warten, bis er endlich König des Landes wird. Nach der ägyptischen Mythologie ist Osiris der König im Totenreich, dem Josef werden als Oberaufseher alle Gefangenen im Gefängnis anvertraut, wobei zu bemerken ist, daß das Gefängnis die Unterwelt bedeutet; wie Josef ist auch Osiris der Gott, der durch prophetische Träume Orakel gibt. Wenn Josef sich als der große Wohltäter und Erhalter Aegyptens erweist, so spielt er auch hier die Rolle des Osiris. Das Verhältnis, in welchem Josef zu Pharao steht, der „nur um den königlichen Thron höher sein will, entspricht vollständig demjenigen des Osiris zu Ra; Osiris ist dessen kosmischer Stellvertreter und als solcher der größte Landesgott. Josef hat seinen Sitz in On-Heliopolis, wo sich der Tempel des Sonnengottes Ra befand, Josefs Frau heißt Asnath — der Göttin Reit gehörig oder die Tochter der Reit; die Gemahlin von Osiris wird aber häufig als die Tochter der Reit aufgefaßt. Wenn Josef nach seinem Tod in eine Lade gelegt wird, in dieser Jahrhunderte lang bleibt und bei dem Auszug aus Aegypten von den Israeliten mitgenommen wird, so haben wir auch hier wieder den in eine Lade gelegten Osiris, und es drängt sich von selbst die Vermutung auf, daß auch die Israeliten oder ein Teil derselben im Besitz einer solchen Osirislade gewesen sind. Die Osirislade wurde aber später die israelitische Bundeslade, die ja nach der Ankunft der Israeliten in Palästina zuerst in dem von den Josesiten (Ephraim und Manasse) bewohnten Teil lange Zeit gestanden hat. Eine noch ergiebigere Fundgrube und eine reichliche Anzahl von sich geradezu von selbst aufdrängenden Vergleichungspunkten zwischen israelitischen Legenden und israelitischen Mythen findet man in Mose und dem Auszuge aus Aegypten. Das Passahfest, das Fest der ungesäuerten Brote, die Erwürgung der Erstgeburt, das Bestreichen der Türpfosten mit Blut, der Bock, der zu Azazeel in die Wüste getrieben wird, der Durchgang der Israeliten durch das rote Meer, die den Israeliten auf ihrem Wege durch die Wüste voranleuchtende Feuersäule, das Regnen von Manna — zu alledem finden sich in der ägyptischen Göttersage solche oft gleichlautende Parallelen, daß die Annahme, als seien die beiderseitigen Sagenkreise unabhängig von einander entstanden, ganz ausgeschlossen erscheint. Wenn dann in der biblischen Darstellung diese Momente, namentlich die Feste, hinsichtlich ihrer historischen Motivierung im Gegensatz zu Aegypten gebracht werden, so erklärt sich dies teils aus der späteren Umkehrung der politischen Verhältnisse, teils aus dem natürlichen Streben, der israelitischen Religion ihre volle Selbständigkeit und Eigentümlichkeit zu wahren. Daß Mose von Hause aus keine historische Person, sondern eine mythologische Figur gewesen ist, erklärt sich durch die Wahrnehmung, daß die ganze Gestalt und Tätigkeit des Mose in allen wesentlichen Punkten durchaus derjenigen des ägyptischen Gottes Thot entspricht. Thot ist der „Herr der heiligen Sprache", Jahve sagt zu Mose: „ich will mit deinem Munde sein"; Thot ist Stratege, wie Mose Führer des Volks, Gesetzgeber; auch Thot führt den Horus, der von Set-Typhon verfolgt wird, ungefährdet „durch das Meer des Durchlaufens". Zu dem zweiten, fünften, sechsten, siebenten, achten und neunten Gebot finden wir die parallelen Erklärungen der vor dem Totengericht in der Unterwelt, wo Thot als Schreiber fungiert, erscheinenden Verstorbenen, daß sie nicht geflucht, nicht gemordet, nicht Unzucht getrieben, nicht gestohlen, nicht falsches Zeugnis abgelegt haben, nicht neidisch gewesen seien. Thot war zugleich der Neumond; von Mose heißt es, daß, wenn er mit dem Volk redete, er aus sein Angesicht eine Decke legen mußte, um den Glanz desselben zu verbergen. Wäre Mose eine menschliche Persönlichkeit gewesen, so hätte eine solche Erzählung nicht aufkommen können; als Neumond scheint der Mond eine Decke über seinem Angesicht zu tragen. Das Fest des goldenen Kalbes erweist sich bei näherer Betrachtung als eine nicht dem Jahve, sondern dem Mose selbst dargebrachte göttliche Verehrung, denn daß in der Urgeschichte Israels der Stierdienst eine Rolle gespielt hat, geht daraus hervor, daß die Erinnerung an ihn zur Zeit Jerobeams noch lebte („das sind die Götter, die dich aus Aegypten geführt haben"), der Stier aber ist das Sinnbild des Neumonds und das Fest des goldenen Kalbs ist also ein Nemnondfest gewesen, und motiviert wird es dadurch, daß man nicht wisse, was aus dem Manne Mose, der das Volk aus Aegypten geführt (während seines Verweilens auf dem Sinai), geworden sei. Thot ist der Schutzpatron der ersten Nilschnelle, Mose schlägt in der Wüste Wasser aus dem Felsen, Gott sagt zu Mose, daß er „den Stab zur Hand nehmen solle, mit dem er auch den Nil geschlagen habe". Thot feiert mit dem Eintreten der Nilschwelle seinen Geburtstag und damit steht die Erzählung, daß das Kind Mose im Nil gefunden wurde, im engsten Zusammenhang, denn die im Nil badende Königstochter ist Isis, d. h. die vom Nil überschwemmte und befruchtete ägyptische Erde. Am Schluffe behandelt Dr. Völter noch die Simsonfrage. Auch der Gestalt Simsons liegt der Hauptsache nach die Gestalt des Gottes Schu zugrunde, der dabei zum Teil mit dem