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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-21 · 29 (21.7.1905) · p. Seite 402

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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Seite 402. Israelitische Wochenschrift. Nr. 29 Ich griff in die Tasche, um das Geschäft perfekt zu machen, da wurde das Mädchen mißtrauisch, sie fürchtete überlistet zu werden und stellte eine höhere Summe. Ich habe diesen Zug noch am selben Tage in Hebron wahrgenommen, als ich Manuskripte kaufen wollte. Das Geschäft zerschlug sich hier wie dort. Mit einem Streicheln der Wangen, das uns gar nicht verübelt wurde, verabschiedeten wir uns von den Schönen. Jenseits der Straße, aber entfernter, gibt es noch was zu sehen; es ist dies der Birket-(Teich)el-Arruch, eine Wasseranlage, wie die Salomons-Teiche, mit denen sie in Verbindung steht. Unsympathische Fellachen, die darüber murrten und fluchten, das wir ihren zudringlichen Rangen nicht genug Bakschich verabreichten, trieben uns jedoch alsbald zum Chan zurück. Dieser Chan wird mir und der Reisegesellschaft noch lange in Erinnerung bleiben, denn er verwandelte sich für uns noch am selben Tage in eine Stätte der Angst und der Verzweiflung. In Gedanken versunken, voll von Eindrücken, die wir von der Besichtigung des Haines Mamreh, der Stadt Hebron und des so eifersüchtig von den Moslins gehüteten Harams oder Grabes der Erzväter gewonnen hatten, kamen wir gegen Abend wieder zum Chan gefahren, als wir eines Herrn, den ich vom Hotel in Jerusalem aus kannte, und der sich mühsam auf einem Esel dahinschleppte, ansichtig wurden. Was ist, um Gotteswillen, geschehen? — Uns er Wagen zerbrach auf der Straße, die Insassen fielen zu Boden; ich reite nach Hebron zurück um Hilfe. Es war das derselbe Wagen, den wir heute morgens, schon beim Grabe Rachels fahrend, weil er uns schadhaft schien, refüsiert hatten, worauf wir einen anderen Wagen desselben Großfuhrmanns fast mit Gewalt uns akquirierten. In Palästina ist die Vorsicht noch mehr als anderswo geboten, und mit den Fuhrleuten, die sich um die Wünsche und Ziele des Reisenden durchaus nicht bekümmern, muß man streng umgehen. Die vier bucharischen Juden, die den von uns verschmähten Wagen mieteten, sollten nun zur Einsicht kommen, daß das Reisen in Palästina noch immer seine Schwierigkeiten hat. Wir sahen sie nun vor uns auf offener Straße in einem jämmerlichen Zustand. Unser Kutscher, ein geschickter Kerl, machte sich an das Zusammenflicken des zerbrochenen Wagens, aber ohne Werkzeuge, wie er hier auf offener Straße war, wollte ihm das nicht gelingen. Nach ein paar Schritten fiel der Wagen wieder auseinander, und die Schmiedekunst unseres Wagenlenkers wurde etliche zehnmal zu Schanden gemacht. Da standen nun zwei Reisegesellschaften auf offener Straße und der Abend war angebrochen! Bei aller Humanität und Brüderlichkeit mußten wir gegen diese Mitleidenschaft protestieren, und man fand auch auf der anderen Seite, daß das richtig sei. So fuhren wir denn dem Chan zu, den verunglückten Pilgern den Rat gebend, den Chan dem offenen Feld vorzuziehen und sich zu Fuß dorthin zu begeben. Abermals reichte der Chanwirt seinen Kaffee umher, und diesmal war uns das warme Getränk wirklich eine Labung. Der Abend stellte sich kalt ein, wie immer in den Gebirgen Judäas. Da saßen wir in unsere warmen Tücher gehüllt, vermummten Nordpolfahrern ähnlicher als Reisenden in einem tropischen Lande. Wir hatten Zeit, unfern Wirt in Augenschein zu nehmen: ein echter Ritter der Wüste. Der Kerl mit den stechenden Augen und der verschmitzten Miene ließ uns seine Gastfreundschaft gar nicht erwünscht erscheinen, besonders als uns der Kutscher, was auch Dr. Grünhut bestätigte, die Eröffnung machte, Abdul Kerim, so hieß er, sei in der ganzen Gegend als Mordgeselle bekannt. Ich hatte mir seine Lokalität noch bei Tag angesehen; neben der Trinkstube befand sich eine Art Stall, der einmal bedeckt war, heute aber einen Spalt aufwies, von dem man mittelst eines Baumzweiges bequem von oben in den Raum treten konnte. Unterdessen waren unsere Pilger ebenfalls angelangt: ein Bild des Jammers. Dem Aeltesten von ihnen, einem Greis in wallendem Turban, hatte ich schon vorher und auch jetzt den vierten leeren Sitz in unserem Wagen angeboten; er schlug ihn aus. — Herr, ich bin mit meinem Sohn hier; meine Seele hängt an seiner Seele; sein Blut ist mir so teuer wie mein Blut ... Diese poetische Sprache in klassischem Hebräisch klang so schauerlich in die Nacht hinein. Von der Ferne hören wir Jammergeschrei. Der zweite Kutscher kommt atemlos gelaufen. „Gute Herren, rettet mein Leben!" Näher gekommen, setzte er uns auseinander, daß sein einsamer Stand auf offenem Felde mit Wagen und Nossen von den Beduinen bereits bemerkt worden ist; wahrscheinlich habe der Chanwirt die Hand im Spiele; er stehe in Gefahr, ermordet zu werden; Roß und Wagen wären eine gute Beute... Was war zu tun? Konnten wir des Armen Blut auf uns nehmen? Und kann er ohne die Habe seines Herrn zurückkehren? Wie schwer es uns fiel, besonders angesichts unseres leidenden Kollegen Roguwin, entließen wir noch einmal unseren Kutscher, damit wenigstens das Gespann in den Chan gezogen werde. Noch eine peinvolle halbe Stunde, aber schließlich wußten wir die ganze Gesellschaft unter Obdach und in Jerusalem wollten wir das Fernere schon veranlassen. Da holten wir den überflüssigen Proviant von heute morgen hervor; die Sorgsamkeit einer Frau gestaltete die peinliche Lage unserer Glaubensbrüder doch einigermaßen erträglich. Nun hieß es rasch fahren und unser Kutscher tat sein Möglichstes. Der dickste bucharische Pilger, ein Riese, setzte sich unaufgefordert und ohne Erlaubnis einzuholen, in unfern Wagen — wieder ein Jmpedimentum. Er gab vor, eine Nacht im Chan wäre sein Tod, so krank fühle er sich. . . Die mondarme Nacht machte uns das Reisen sauer, und nie war es uns so gegenwärtig, daß wir in Palästina reisen, als auf dieser in den Nachtstunden völlig verlassenen Straße. Die Zerstreuung durch stetig sich abwechselnde Gegenstände geht ab, und waren es auch nur vier Stunden, die wir zusammengekauert im Wagen saßen, so stimmte uns das doch melancholisch. Da machte ich eine erfreuliche Wahrnehmung: die Sterne am klaren Himmel Palästinas haben einen Glanz, daß sie sich in kleinen Pfützen auf der Straße wiederspiegeln. Also doch das gelobte Land! Am Grabe Rachels, wo noch immer die unzähligen Seelenlichter flimmerten und wo es noch immer Andächtige gab — freilich auch solche, die mehr auf Almosen rechneten, sie kämen noch so spät —, machten wir nach einem bewegten Tage Halt. Unser kurzes Gebet kam uns wirklich vom Herzen. Nach Mitternacht kamen wir unversehrt in Jerusalem an und des anderen Tages sahen wir auch unsere bucharischen Brüder in den Straßen der Stadt spazieren. Professor Dr. Samuel Kraust-Budapest.

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