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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 14. (1905) · p. Seite 55

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 14. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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55 Neue Testament denken zu dürfen. Ein Kalthoff nimmt kaum ein Wort der Ueberlieferung als Jesu gehörig an. Ein Bousset kann sich die Person Jesu nur aus Pauli Briefen herstellen. Pauli Briefe werden selbst angezwoifelt. Bischoff kann mir nun antworten : Was gehen mich diese alle an? Ja, wenn er Werke für sich selbst schreibt. Wenn er aber für seine geschichtlichen Nachweise Glauben verlangt, wenn er gegen die Ansichten anderer und den Glauben anderer einen Kampf eröffnet, so hat er deren Standpunkt im Auge zu behalten und entweder Wort für Wort den Nachweis der Echtheit zu führen oder für die Dauer seiner Arbeit den freisinnigsten Standpunkt anzunehmen und trotzdem seinen Beweis zu führen, daß Worte Jochanan ben Sakkais, Eleasars aus Modin, Chanina ben Dossas, Tarfons, Eleasar ben Asarjas unmöglich Quellen der Worte Jesu sein können, da er sie ja früher gesprochen. König Monabaz, der Wohltätige, hat von ״Schätzen im Himmel“ gesprochen; ebenso die Bergpredigt Matth. 619 Aber er trat doch erst 36 zum Judentum über, also mindestens drei Jahre nach Jesu Tode“; noch weniger kann es Jesu Quelle sein, da ״er doch erst 61 König geworden und Bababathra den Vorfall in seine Regierungszeit setzt“. Das legt Ihnen heute schwerlich jemand auf Jahr und Tag fest. Wer will bestimmen, auf welcher Seite bei dem später sich noch fortsetzenden Verkehr zwischen Juden und Judenchristen die Anregung lag? Das Judentum ist das ältere Glied, und da ist man zumeist bereit gewesen, ihm zeitlich den Vorrang zu lassen. Und wie lange hat es nicht gedauert, ehe von 9inem geistigen Einfluß der christlichen Glaubensquellen in dem Maße etwas empfunden wurde, daß sie die Breite des geschichtlichen Lebens erfüllten, um, wie Bischoff annimmt, unbemerkt in jüdische Kreise einzudringen. Was soll da der Wortstreit? Sind die Worte der Weisen nicht Jesu Quellen, so stehen sie beide auf dem Boden desselben jüdischen Lebens und Empfindens; sind es Worte aus späterer Zeit, so genügt es uns, wrenn man in ihnen ohne jede Entlehnung den gleichen sittlichen Geist anerkennt. Sind es Zusammenhänge, die von älteren Schriftgelehrten stammen, so liegt bei Jesu der Gedanke der Entlehnung nahe. Aber was sollen die allgemeinen Erwägungen? wird Bischoff sagen; ich verlange Einzelheiten! Mit Recht. Fassen wir gleich das, was Bischoff als das Schwerwiegendste erscheint, ins Auge, die von ihm übernommene Erklärung Stracks über das לאהבת לרעך כמוך• Wir Juden erklären, dies Gebot umfasse alle Menschen. Statt in diesem Bekunden und in dieser Erklärung selbst schon einen Sieg der Menschenliebe über die angebliche ״Religion der Rache“ zu sehen, wird uns, ohne daß Wissenschaft, Gott und Welt einen Nutzen davon zu erwarten haben, entgegengehalten, das bezöge sich nur auf die Juden. Da wäre es gut, wde bei Hiob, Gott selbst zur Entscheidung herbeizurufen. Was würde Gott wohl dazu sagen? ^Der Streit um die Liebe ist weder Liebe zu mir, noch zur Menschheit, sondern eitel Ueberhebung des Einen, der besser sein will, als der Andere.“ Aber zur Sache. Wir betonen immer, Akiba hätte im Sifra zu dem ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hinzufügt: ״Das ist ein Hauptgrundsatz der Thora“. Davor steht aber: ״Du sollst nicht rachgierig sein, noch Zorn haltengegen die Kinder deines Volkes. Gegen andere magst du rachgierig sein und Zorn halten“. Wenn der Vordersatz von Akiba sein soll, so ist es ein Kriegsruf gegen die Römer und ihre Vergewaltigungen, eine Mahnung, wie sie etwa Armin in Kleists ״Hermannsschlacht“ ar seine Cherusker richtet, ja nicht rücksichtsvoll gegen Rom zu sein. Daß dies keine hineingezwängte Deutung ist, dürfte meine ״Hagadah in der Mechiltha“ in den Semitic Studies genügend dartun. Und wenn der Satz nicht von Akiba ist, gehört er gleichfalls in jene Zeit. Weshalb hat denn Akiba nicht bei ואהבת hinzugefügt: Das heißt: Liebe nur den Juden! Oben stand יבני עמך das konnte auf Juden bezogen werden, aber es mußte nicht. Da Streit und Haß unter Verwandten schlimmer ist und leichter vorkommt, als unter Fremden, so sagt damit die Thora ״Hasse die Andern nicht, sie sind ja Kinder deines Volkes!“ Ebenso: ״Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen!“ Er ist ja dein Bruder! Beim Worte ״Liebe“ sind nicht Bruder oder Volksgenosse genannt, sondern das eigene Selbst, das der Mensch am meisten liebt, und der, der diesem Selbst gleicht, der andere Mensch In Zeiten des Krieges konnte das □לא תקל zur Erregung der Kriegslust von den Kriegsfreunden benutzt worden und dann mißverständlich als Midrasch Zurückbleiben. Was hat damit Akiba zu tun? Was sagt Bischoff, wenn ich den Vordersatz Akiba abspreche? Hätte er sonst nicht, weil רעך mißverstanden werden konnte, den Satz als Beweis für den vorderen genommen? Hassen darfst du andere, denn lieben sollst du nur deinen ירע deinen Volksgenossen? Er hat das nicht getan, denn sein Satz beginnt erst mit ״R. Akiba sagte: Das ist eine große Regel (דלל) in der Thora, d. h. ein Satz, von dem es keine Ausnahme gibt! Demnach ist der Vordersatz falsch gedeutet, und Akiba streitet dagegen. Hat er׳ doch an anderen Orten die Heiligung des Gottesnamens als Begründung benutzt, wenn er gleiches Recht für alle lehren wollte. Nun kommt Ben Asai: ״Diese Regel (ich wähle mit Absicht dieses Wort, das den Begriff für כלל am besten enthält) ist größer als jene: ״Dies ist das Buch der Schöpfung des Menschen etc.“ Nicht bloß, weil, wie Strack meint, der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, sondern weil von da aus die Thora sich mit der Herleitung aller Geschlechter und Völker der Erde befaßt, wie sie vorher die Urgeschichte nicht Palästinas und Israels, sondern der Welt und des Menschengeschlechts behandelt, ehe von einem Abraham die Rede ist. Sollte mir nun Bischoff entgegenhalten: Das ist doch Ben Asai, nicht Akiba! so ist ihm doch wohl bekannt, daß Ben Asai seines Lehrers Worte nicht bestritten, sondern מוסיף weniger Erweiterungen, als Erklärungen und Folgerungen dazu geboten hat. Und daß dieser Hinweis auf die Schöpfung des Menschen in Gottes Ebenbilde Akiba eigentümlich ist, beweist jene merkwürdige Stelle in Aboth III, die gerade von der religiösen Stellung Israels handelt. Und da beginnt Akiba: Ein Vorzug des Menschen ist es, daß er im Ebenbilde geschaffen etc.“ Also ohne Voraussetzung dieses allgemeinen Wertes aller Menschen kann Israels Stellung überhaupt nicht betont werden. Ohne die Menschheit ist es nichts. Daß Bischoff unter dem Strich noch gegen Strack an Ben Asais Worten mäkeln will, weil Gott sich nach seiner Ansicht Israels wegen offenbare, schmerzt mich; mag er in der schon angeführten ״Haggada in der Mechiltha“ nachsehen, da findet er, daß solche Sätze besagen: Nicht um Mosis, sondern um Israels willen; nicht um des Nassi Gamaliels, sondern Israels halber, so riefen Akiba und Ben Asai in den Streit zwischen dem Nassi Gamaliel und Josua dem Ab beth Din hinein. Gut, daß Bischoff selbst, allerdings leider zu anderen Zwecken, festhält, daß Akibas Aussprüche durch Ben Asai nie einen anderen Sinn bekommen (um darzutun, daß es auch ihm mit dem Allgemeinmenschlichen nicht ernst wTar)! Uns ergibt sich daraus, daß er zu Akibas Worten (vergl. noch Aboth III s. 0.) die Begründung gegeben hat. Das ואהבת kann nur allumfassend sein, weil es sonst dem Anfang und demnach Endzwecke der Thora widerspräche, also kann sich auch das □לא תקל nur auf alle Menschen beziehen. (Außerdem möchte ich nicht mein ״Bibel trotz Babel“ nochmals ausschreiben.) Nun zu dem Ausspruch Hilleis: ״Was dir verhaßt, tu dem Nächsten nicht“. Bischoff findet in dem Wort der Bergpredigt ״Was ihr wollt, daß die Menschen euch tun sollen, das tut ihnen“, das Höhere, weil es ein Gebo t ist. Das Volk ist ihm aber jn dieser Ansicht nicht gefolgt, da das Sprichwort lautet: Was du nicht willst, das man dir tu’, Das füg auch keinem andern zu! Und weshalb sich gerade diese verneinende Fassung eingebürgert hat? Die bejahende hat ihre Gefahren. Im Menschen schlummert das Raubtier unter allerlei Gestalten. Wie leicht kann meine tätige Liebe dem Andern lästig, verderblich werden! Um ihnen das Jenseits zu öffnen, hat man aus Liebe Millionen von Ketzern, Abigensern, Waldensern, Protestanten uud nicht zum Geringsten Juden geopfert. Also lieber vorsichtig abwinken: Du willst nicht verbrannt werden — verbrenne andere nicht. Das ist für uns, so lange noch der Erdenleib die Seele umgibt, das Beste. Aber die Wohl-

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