Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 14. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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tätigkeit, die werktätige Menschenliebe? Nun, die hat Israel doch wolil nie gefehlt. Und überdies sagt Hillel: Geh und lerne, יל גמור]• Da findest du das Uebrige. Was Bischoff mit seinem ״Reich Gottes“ will, konnte ich nicht herausfinden. Er meint, das Himmelreich oder Reich Gottes bedeute bei Jesu stets ״eine Gabe Gottes an die Menschen, einen seligen Heilszustand für die Gläubigen in nächster Zukunft“. Das ist etwas Geheimnisvolles. Was es ist, sehe ich nicht. ״Die rabbinische Gottesherrschaft ist kein Heilsgut.“ Weshalb? Sie bezieht sich in erster Linie nicht auf die Menschen, sondern auf die Anerkennung Gottes. Nur Israel wird dadurch glücklich. Dies Heil besteht vornehmlich in der Befreiung der Israeliten von der Fremdherrschaft, in der Wiederlierstellung des alten theokratischen israelitischen Staats. Daß das eigentliche Ziel die Gottesherrschaft selbst und der Glückssustand nur per accidens ist, (S. 100) wäre, wenn letzteres besonders zuträfe, ein Beweis für die selbstlose Gesinnung Israels. Gott soll herrschen, nicht der Mensch. Dessen Glück und Lohn ist Nebensache. So denkt Israel bezüglich des Lohns. Bezüglich der edlen Handlungen und ihrer Rechtferti gungskraft, also bezüglich der Opfer, die der Mensch zu bringen hat, ist es umgekehrt: Da ist der Mensch und seine Tat die Hauptsache, dann folgt erst die Frage nach der Gnade Gottes. Und das ist nicht menschliche Ueberhebung, sondern Selbstlosigkeit; und dadurch erklärt sich das Feststehen, die ״Halsstarrigkeit“ Israels trotz aller Leiden und der geringen Anerkennung. Gibt Bischof! zu, daß das Jenseits den Frommen aller Völker gehört — hier war ihm keine Gegenbemerkung möglich — gibt er, allerdings etwas gewunden, zu, daß alle Völker nach rabbiniseher Ansicht einst unter der Gottesherrschaft stehen werden (zu streichen ist nur das Schwinden aller Herrschergewalten S. 100), so ist es unverständlich, weshalb das Glück nicht allen zuteil werden soll. Soll sich Israel selbst davon ausschließen? Soll Zion und Jerusalem davon ausgeschlossen sein? Das wird niemand verlangen. Das vorausgehende Gericht betrifft (es sind das die חבלי משיח) fiuch die Sünder Israels, während alle Würdigen — daß Israel seine Bedrücker dazu rechnen soll, wäre zuviel verlangt — des Glückes teilhaftig werden. Darin hat Bischoff ganz recht (S. 100), daß ״die Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft an sich noch keine verdienstliche Handlung ist, sondern erst in Verbindung mit dem Beobachten der göttliehen Gebote“. Ganz recht! Ein Gefühl, ein Glaube ist an sich allerdings kein Verdienst. Der Feigenbaum, der verflucht wird, trägt keine guten Früchte, und weil er die nicht trägt, verdient er den Fluch nnd verdorrt. Nun, Früchte sind Taten. Die Bußtage Israels sind so recht der Ausdruck dieser Hoffnungen. Im Mussaf des Roschhaschana tritt in den drei großen Stücken Malchijoth, Sichronoth, Schopharoth gewaltig die Hoffnung hervor, daß einst die Edeln und Guten freies Wort haben, die Gewalt wie Rauch verschwänden, alle Wesen einen Bund schließen werden, um Gottes AVillen friedlich zu erfüllen. Wohl ist Israel stolz darauf, daß es sich nur vor dem Einen beugt, aber einst werden alle Halsstarrigen, alle Frevler sich zu Gott wenden, alle Gräuel sind verschwunden, und die Welt steht unter dem ״Reich Schaddais“ (da haben wir das Gottesreich!), denn Gott gedachte des Noah, auch der egyptischen Sklaven — wer wäll Israel diese Erinnerung übelnehmen? — er gedenkt (wie unermüdlich in den verschiedensten Wendungen bekundet wird) aller Wesen, alles Fleisches — er wird auch unser gedenken (darüber wird doch keine Bemerkung nötig sein!). Und will man Israel die Erinnerung an die Gesetzgebung des Sinai übelnehmen am Tage der Buße, da doch, wie Bischoff selbst bemerkt, dem Juden die bloße Hoffnung noch kein Verdienst ist, erst die Aus- Übung der Gottesgebote? der ״heiligen Worte aus Feuer- Hammen“, also der zehn Gebote? Aber, wird mir Bischoff erwidern, das Gebet ist ja von Rah, lange nach Jesus! Davon sprechen wir ja aber hier nicht! Rab hat hier gewiß keine christlichen Einflüsse empfangen, denn nach Bischoffs eigenen Worten ist doch die christliche Anschauung vom Gottesreich eine ganz andere, als die jüdische. Rab hatte in Babel mit der Verfolgung durch die persischen Guebern zu tun und lebte in keiner christlichen Umgebung. Und auch in Rabbis Schule zeigt alles, was wir von ihm wissen, daß er keine Beziehungen nach außen hatte. Gerade dies Mussafgebet des Roschhaschana, dies Siegeslied des Allgemeinmenschlichen, ist echtjüdisch und steht in engster Verbindung mit dem Geist der Propheten. Und außerdem sage ich: Dies Gebet ist uralt, es stammt aus der Zeit des Tempels und ist von Rab nur dem Wortlaut nach festges tzt. Im Literaturblatt No. 14 und 15 (Jahrgang 1903) in den ״Roschhaschanapredigten Philos“ habe ich durch Nachweis angedeutet, daß schon Philo diese Gebete gekannt hat. Roschhaschanah 32 b kann man es nachlesen, wie Jose und Juda darauf achten, daß die richtigen Sätze genommen werden; wie der Eine nur die Sätze der Schrift mitzählt, in denen Gott als Herr aller Völker erscheint, Elieser kennt diese Gebete, Akiba und Jochanan ben Nun streiten über einzelnes darin, ja, sie kommen schon in der Schilderung des alten Fastengottesdienstes vor. Und diese Schilderung mit ihren Einzelheiten kannte schon die Vetus Latina zu Esther, welche die altgriechischen, von Josephus bereits benutzten Ueberlieferungen enthält, die aus der Septuaginta schon verschwunden sind. Also diese Gebete sind dem Geiste und den hauptsächlichen Bestandteilen nach alt — Rab kann sie nur nach Ueberlieferungen zusammengestellt haben. Sonst hätten vor ihm all die zahlreichen Tannaritensatzungen über das Gebet in der Luft schweben müssen. Das ist das Gottesreich, das Jsrael für die Menschheit erwartet; greifbar und ohne Rätsel in seinen sittlichen und menschheitlichen Zielen (s. den Schlußabschnitt des großen Gesetzbuches von Maimonides). (Schluß folgt.) Predigtumrisse. חוקת ובלק; Gegenüberstellung der Personen Bileam und Mose. — Bileam kennt die Wahrheit und enthält sie der Welt vor, um hervorzuragen und Erfolge zu erringen; Moses enthüllt alles, was ihm bewußt ist, und wünscht ein Volk von lauter Propheten. Bileams wohltönender Segen wird zum Fluch; Moses ernst mahnendes, den Schmuck verschmähendes Wort wird zum Segen; Bileam und Moses kennen Israels Schattenseite: Es läßt sich durch die Aussenwelt verführen. Der Eine will es dadurch veruichten, der Andere es davor schützen. Wohl folgt Moses nicht der Erdenerfolg, den er nicht gesucht hat. Aber auch Bileam findet im Ringen um Ruhm und Einfluß ein unrühmliches Ende. Nicht der Erfolg des Augenblickes, sondern das Wirken für das Gute macht wahrhaft zufrieden und glücklich. פינחס Jeremia.. — Er wird לעיר מבצר zur festen Burg, von deren Höhe der AVächter die Feinde kommen sieht, trotzdem die Anderen schlafen. Darum, wenn die Feinde schon eindringen und er sein Vaterland sinken sieht, wird er לעמוד ברול zur ehernen Säule, die nicht mit den anderen Säulen sinkt׳, sondern einsam stehen bleibt, aber nicht für sich sondern לחומת נחושת zur ehernen Mauer zum Schutze des, Geistes Israels und seiner Lehre, die Alles überdauert. אןתי עזבוכר — •מטות ומסעי: Die Religion ist für Israel der stete Lebensquell, am meisten im Leide, gewesen; das Haschen nach der Gunst des Tages war eine löcherige Cisterne, deren AVasser nach der Laune der Mitwelt bald versagte. (Zurück zum Lebensquell!) Inhalt der Nummer 14. Wissenschaftliche Aufsätze: Zur Geschichte der Juden in Münster (Westfalen) im 13. Jahrhundert. Von Dr. Lewinski. — Der Pessimismus in Israel ein Seitenstück seines Optimismus. Von Dr. Le rieh. (Schluß.) — Literaturbericht. Rezensionen: Jesus und die Rabbinern Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. — Predigtumrisse. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.