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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 14. (1905) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 14. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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54 Der Pessimismus in Israel ein Seitenstück seines Optimismus. Von Dr. Lerich. (Schluss). Es geschieht alles in der Welt nach Recht und Gerechtigkeit. Nach dem Vorbilde Jobs suchte man auch im Talmud die Leiden, da sich ihr Grund nicht immer angeben ließ, aus der Liebe Gottes zum Menschen zu erklären. ״Die Leiden sind für den Menschen, wie das Salz für das Fleisch“. Sie erhalten ihn frisch. Je mehr Gott in den Vorstellungen des Propheten sich aus dem engen Kreis des israelitischen Volkstum hinaus begeben, um alle Völker der Erde zu richten und weit, weit erhaben über Himmel und Erde diese mit seinem Willen umspannte, tritt das spezifische in Israel hervor, in seiner edeln Idealitat, in seiner Sehnsucht. ״Gott suchen“ wird zu einem ständigen Begriff. Es zeigte sich hier, daß Israel bei der Vorbereitung des Gottesgedankens doch weit mehr als ein Handlanger, als ein Missionär war. Das jüdische Volk hat aus sich und für sich geschaffen, was andern Nationen als eine Erlösung dienen soll. Hier war kein Platz für eine sittliche Oede, für materialistische Leerheit. Wille, Geist und Gemüt konzentrierten sich in dem Gottesgedanken, aus dem es Kraft, Vertrauen und Hoffnung schöpfte. Es ist ein Unsinn, wenn unsere Liberalen die jüdische Religion eine Vernunftreligion nennen. Die Vernunftreligionen sind durch die Vernunft des Menschen begrenzt, und diese ist von allerlei mit bestimmt. Nein, sie ist vielmehr in dem religiösen Gemüt Israels begründet. Dieses bleibt sich immer gleich, und diesem verdankt es Israel, daß es durch pessimistische Regungen nicht gleich den andern Völkern dem Materialismus verfiel. Seine sittliche Kraft war in seiner Religion gegeben, und diese erwies sich stark genug den Zeiten zu trotzen. Das ist das Rätsel von der Konservierung des Juden und des Judentums, den äußern Schicksalen stand die innere Schutzmauer, der Glaube entgegen, der tiefe Seelenschmerz des Juden, — nicht gemacht und zusammengeklügelt—wirkt auf ihn nicht niederdrückend, sondern löst in ihm die Gefühle der Gottergebenheit aus. Ein Blick nach oben, und er ist stark wie ehedem. Der Glaube wird hier durch Verzweiflung lebendig und gewinnt treibende sittliche Kraft. So stellt sich denn der Pessimismus in Israel als die Sehnsucht nach Gott, nach seiner weisen Weltregierung dar. Diese religiöse Anlage des Juden wirkt auch noch dann, wenn der Jude in Selbstvergessenheit dem Judentum und den Juden ganz entfremdet zu sein glaubt, wo er um jedem Zusammenhang mit ihnen zu entsagen, respektvoll von den andern Religionen und verächtlich von der seinigen spricht, deren Ideen er philosophisch verwertet. Ich meine hier den typischen Juden Spinoza, der durch echt jüdische Eigenschaften als solcher erkennbar ist. Sein konsequenter Charakter, sein sittlicher Ernst und seine Liebe zur Erkenntnis kennzeichnen ihn als Juden, In Spinoza wirkte noch jene religiöse Kraft des Juden nach, seine Philosophie ging aus dem tiefen Verlangen nach Gott hervor und seine Ethik klingt in eine religiöse Wendung aus. Auch seine ideal-optimistische Beurteilung des Menschen, deren Schwächen er wie kein anderer kannte, gegenüber einem Arthur Schopenhauer, der die Menschen als feile Fabrikware hinstellte, verraten die jüdische Weltanschauung*). Wir sehen in der Gegenüber- Stellung Spinozas und Schopenhauers den fundamentalen Unterschied zwischen dem Pessimismus Israels, das durch Selbsterkenntnis zu einer höhern Würdigung des Lebens gelangte, während im modernen Pessimismus in Schopenhauer die Selbsterkenntnis durch Selbsgefälligkeit getrübt wird. Während der jüdische Philosoph Spinoza unter den flüchtigen Leidenschaften und Stimmungen das Unzerstörbare im Menschen, seinen höhern Wert feststellt, so bleibt Schopenhauer an diesem haften. Diese verschiedene Wertung des Lebens bei Spinoza a. und Schopenhauer ist in ihrem Charakter zu suchen. Jesus und die Rabbinen. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. (Jesus und die Rabbinen; Jesu Bergpredigt und ,,Bimmelreich“ in ihrer Unabhängigkeit vom Rabbinisnms, dargestellt von Dr. Erich Bischoff. Leipzig. Binrichs. 1905 114 Seiten. 2,BO Mk., gebunden 3 Mk. [Zu den ״Schriften der Institutum Judaicum in Berlin“ (No. 33) gehörig]). Einem Werke Erich Bischoffs habe ich immer den besten Erfolg gewünscht. Wer hätte nicht seine Vielseitigkeit und seine Arbeitskraft, seine in christlichen Kreisen beispiellose Art anerkannt, talmudische Gegenstände zu behandeln? Durch sein vorliegendes Werk hat er mir eine nicht geringe Ueberraschung bereitet. Daß er im Gegensatz zu den meisten früheren Forschern an der Bergpredigt nachweisen will, Jesus stehe den Rabbinen vollkommen selbständig gegenüber, habe ihnen nichts zu verdanken; daß er dasselbe mit dem Begriff des Himmelreichs tun will, ist begreiflich. Daß es ihm die ganze Bergpredigt hindurch gelungen ist, diesen Nachweis zu führen, hätte ihn selbst in Staunen setzen müssen. Wem alles wissenschaftlich glückt, glückt nichts. Ich setze lieber ein Fragezeichen hin, wo mir etwas Zweifelhaft bleibt, als daß ich alles wissen wollte. Er ist weiter gegangen, er hat den Geist des Judentums angegriffen. Daß er es als dem Wesen Jesu widersprechend darstellt, ist seine Sache. Daß es auf Schritt und Tritt aber die minderwertige Lehre sein muß, selbst in Nebenzügen, das schmerzt, zumal wenn man merkt, wie erzwungen diese Verschiedensetzung ist. Bischoff verlangt eine Uebereinstimmung zweier Geistesgebiete in allem, im großen und im kleinen; der geringste Unterschied des Ausdrucks bringt ihn erstens dazu, zu rufen: Seht, das ist doch anders! Und diesen Unterschied hält er dann als Entdeckung uns siegesbewußt entgegen. Daß er im Gegensatz zu den meisten früheren Forschern das Früher oder Später eines Ausspruches festhalten will — darin stimme ich mit ihm völlig überein. Ich habe es oft ausgesprochen, daß darin zu wenig geschehen ist. Aber dasselbe verlange ich für das neue Testament. Soll eine Arbeit wirken, so darf sie nicht einseitig sein. Nach dem heutigen Stand der Dinge verlange ich für jedes von ihm angeführte Wort Jesu den geschichtlichen Nachweis, daß es wirklich von Jesu stammt. Nach Harnack gab es bis zum Jahr 160 nur die Briefe Pauli für die Gemeinde; die Evangehen sind nach ihm bis 190 gesammelt worden; wer weiß, wie viel weiter man noch gehen muß, um an das jetzige *) Anm. der Redaktion: Siehe unsere ״monistische Philosophie“ Leipzig, Friedlich, Abschnitt ״Schopenhauer“. /

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