Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. Israelitische Wochenschrift. Seite 401. sich sofort ein französisch parlierender Führer, und nach einer halben Stunde konnte ich mich rühmen, die Wiege des Jesuskindes und alles Zugehörige gesehen zu haben. Meine Reisegefährten waren unterdessen draußen geblieben; sie waren ja nur schlichte Juden, als solche wohl auch erkenntlich, und ein Besuch des christlichen Heiligtums hätte ihnen übel bekommen können. Aber auch so fand ich sie, als ich mich ihnen anschloß, von einem dichten Menschenhaufen umringt: Hunderte von Kehlen schrien nach Bakschisch, als ob sie sagen wollten: Wir lassen euch nur gegen Lösegeld los! Da nur die Allernächsten und die Allerwenigsten bedacht werden konnten, so ging ein Gemurmel durch das Volk, und die Lage drohte kritisch zu werden. Es dünkte uns gut, rasch davontraben zu lassen, und das ging nicht glatt ab, denn der arme, etwas behäbige Roguwin hatte sich in der Eile am Trittbrett derart den Schenkel verletzt, daß er in Jerusalem eine Woche das Bett hüten mußte. Noch nahmen wir einen arabischen Burschen auf den Bock, damit er uns im Gewirr der engen Gassen rasch das Freie zeige, und wir atmeten völlig auf, als wir die unfreundliche Stadt hinter uns hatten. Das Freie war an diesem herrlichen Frühlingsmorgen wirklich entzückend. Berg und Tal waren von Sonnenglanz umflossen, und lachend dehnte sich vor uns die wohlbebaute Landschaft aus. Wir befinden uns in dem von Prophetenworten als fruchtbar verherrlichten Tal Rephaim, und hier ist auch die Szene der anmutigen biblischen Idylle, die sich an den Namen Boas und Ruth knüpft. Aber auch inmitten dieser Naturschönheiten bleibt Raum für die Bewunderung von Meisterwerken menschlicher Betriebsamkeit, denn wir lassen uns die kleine Fußpartie von der hohen Fahrstraße hinab ins Tal nicht verdrießen und stehen hier vor einem Bauwerk eigenster Art, einem der schönsten, das uns aus alter Zeit geblieben. Es sind das die sogenannten Salomonischen Teiche, drei Wasserbecken mit klarem, grünem Wasserspiegel, in mächtige Felsen hineingebettet und von mächtigen Strebemauern umgeben. Einst hatte dieses Wasserreservoir die unterirdischen Wasserleitungen des Heiligtums zu Jerusalem gespeist und auch in neuerer Zeit wird ein Terl des Wassers nach der Hauptstadt geleitet. Das alles muß auf den denkenden Besucher mächtig einwirken, dennoch aber wird man noch mehr gepackt durch den landschaftlichen Reiz, den diese wie von Feenhänden hierhergeschafften Seen dem entzückten Auge darbieten. Die davor befindliche türkische Festung läßt in ihrem Zerfall die Größe des Altertums nur noch hervortreten. Heute war die Ruine von einem Trupp junger Leute umringt; es waren die Zöglinge der Franziskaner in Jerusalem, der Nationalität nach Italiener, die hier bei Spiel und Turnen das Aufblühen der wiedererwachten Natur feierten; sollten sie angesichts der türkischen Ruine nicht auch an ein anderes Erwachen, an ein anderes Aufblühen gedacht haben? Mir schien es so; so kräftig sahen sie aus und so beherrschten sie das ganze weite Feld. . . Die Straße führt noch an vielen solchen historisch merkwürdigen Punkten vorüber. Bald sind es Ruinen von Schlössern und Städten, bald Hügel und Täler, an denen geschichtliche Erinnerungen haften, bald wieder Gräberfelder, jene in Palästina üblich gewesenen Felsenbauten, die nun geöffnet vor uns liegen, als wollten sie mit ihren hohlen Augen das Mitleid des Vorüberziehenden anrufen. Gegen diese gewaltigen Zeugen der Vergangenheit, wie ist sie doch so elend, so armselig die Gegenwart! Weit und breit kein Dorf, kein Weiler zu erblicken; sieht man doch hier und da ein Gebäude mit arabischer Aufschrift, so ist es eine aufgelassene Quelle, ein zerfallener Bir. Nur an Orten, wo das erquickende Wasser noch heute hervorsprudelt, sieht man einiges Leben. Da labt sich Mensch und Tier, und dankerfüllt, faßt andächtig verweilt man an diesen teuren Stätten. Kein Wunder, daß die Araber ihre Moscheen und Welis an solchen Stellen anlegen. Bei einem dieser Wasserhäuser, bei dem Arrub-Bach, etwas über dem halben Weg zwischen Jerusalem und Hebron, blieben auch wir stehen. Unaufgefordert präsentiert uns der Chanwirt seinen schwarzen Kaffee, und wir wußten es, daß wir gegen die Landessitte verstoßen, wenn wir's zurückweisen; wir hatten es auch nicht zu bereuen, denn aufs Kaffeebereiten verstehen sich die Orientalen sehr gut. Nicht faul sein und nichts unterschätzen — hatte ich mir auf dieser Reise zum Prinzip gemacht, und in der Tat, kaum waren ich und mein treuer Dr. Grünhut etwas landeinwärts gegangen, als wir auch schon an einer herrlichen Quelle standen, deren Wasser aus einer Brunnenstube hervorkommend, in einem schönen Bassin aufgefangen wurde. Die ganze Bauart und einige Ruinen in der Nähe verraten griechischen Geschmack und weisen auf römische Zeit hin, und noch war ich damit beschäftigt, das antike Leben, das an dieser Quelle geherrscht haben mag, mir vorzuzaubern, als bereits die Vorstellung zur Wirklichkeit wurde. Zwei junge arabische Mädchen, eines von der ausnehmenden Schönheit, wie man sie im Orient so häufig sieht, mollet und kräftig gebaut, das andere schlank und das Gesicht, von Blattern bedeckt, halb im Haar verbergend, stellten sich, leicht geschürzt wie Diana, in das frische Element und schickten sich an, ihre irdenen Schläuche zu füllen. Endlich eine Gelegenheit, mit dem weiblichen Teil der moslimischen Bevölkerung ein Gespräch zu unterhalten! Laß uns, meine Tochter, trinken! sagte Dr. Grünhut, der, mit der Sprache des Landes wohlvertraut, auch für mich sprechen mußte. Die 'Schlanke eilte herbei, und furchtlos, wie diese Naturkinder sind, gab sie den fremden Männern die Labung. Wer erinnert sich dabei nicht der biblischen Szene zwischen Elieser und Rebekka? Aber die Sitten sind doch nicht dieselben geblieben; Rebekka ist ohne Zweifel ohne Schmuck zum Brunnen gegangen, unsere Freundin jedoch hatte über der ganzen Stirne vorn das Haar mit Silbermünzen vollgeslochten, während von der Schnur am tief entblößten Hals ihr noch eine größere Münze auf die Brust herunterhing. Wir sahen sofort, daß es ein Maria-Theresia-Taler sei, der größte Schmuck eines Landmädchens in diesen Gegenden. Die beiden Ungarn standen pietätvoll vor dem Bildnis der großen Kaiserin und Königin und lasen mit Stolz die Worte . . . rex Hungariae, ist doch von diesem Land so wenig in Palästina die Rede! Die Nation, deren König unter allen Fürsten Europas allein historisch berechtigt ist, den Titel eines Königs von Jerusalem zu führen, hat in Jerusalem nicht ein Hospiz, nicht eine Kirche, kein Grundstück, die ihren Namen verkünden könnten! — Verkauf mir, meine Liebe, dieses Fulus (Geld)! Das ist Schmuck, mein Herr! versetzte die Kleine. — Doch, ich gebe Dir Geld dafür und Du kauft Dir ein anderes. Ja, wollens der Herr für seine Frau? — Nicht doch, ich möchte es zum Andenken in mein Land nehmen. Dann gebe ich es, wenn der Herr mir es mit Geld bezahlt. — Ja; wieviel soll ich dir geben? Das Mädchen sann nicht viel nach, und als ob es ein Numismatiker wäre, setzte es den Preis auf fünf Franks fest, was ein Maria-Theresia-Taler wert ist.