Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 400. Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. Moskau ein Aufruf verbreitet, der aussah, als ob er in einer geheimen Druckerei hergestellt sei. Er wandte sich an die Bauern, bei denen er die Semstwos in Mißkredit bringen wollte, die sich mit den Juden, den Polen und den Armeniern verbündeten, die unter der Aegide Wittes eine Verfassung forderten, „um uns, die eingeborenen Russen, zu beherrschen". Es wurde den Semstows nachgesagt, daß sie, entgegen dem Willen des Zaren die Bauern an der Volksvetretung nicht teilnehmen lassen wollten. Das alles aber wurde verbreitet unter den Augen der Polizei, ja mehr als das, sie sorgte dafür, daß das Flugblatt in die richtigen Hände kam. Die Beispiele ließen sich bis ins Unendliche mehren, aber immer zahlreicher werden auch die Beweise dafür, daß diese macchiavellistische Regierungskunst zu versagen beginnt. Es will nicht mehr überall gelingen, Klassen und Rassen in einen Vernichtungskampf zu stürzen, und auch die Hoffnung, das Bürgertum werde dadurch, daß man durch Gewaltmaßregeln eine turbulente Arbeiterbewegung entfessele, in die Arme der Reaktion zurückkehren, erfüllt sich nicht. Im Gegenteil, die verschiedenen Elemente schließen die Reihen immer enger, die Unterschiede zwischen Bourgeoisie und Arbeiterschaft, zwischen Liberalismus, Radikalismus und Sozialismus treten gegenüber der großen Gegenwartsaufgabe zurück, der Antisemitismus verliert seine Macht über die Gemüter und das Zarentum sieht sich je länger je mehr einer einheitlichen Phalanx entschlossener Freiheitskämpfer gegenüber. Ans der Straße nach Hebron. Vorüber an dem herrlich gelegenen Kloster Mar Elias, wo die frommen Mönche mit ganz unfrommen Mienen Geld dafür nehmen, daß sie dem Fremden in einer Vertiefung des Felsens die Fußspur des Propheten Elias zeigen, vorüber am Grabe Rachels, dem einzigen in jüdischen Händen befindlichen heiligen Orte, vorüber noch an anderen mehr oder minder heiligen und historischen Punkten, rollt unser bequemer, mit einem flachen Leinwanddach überspannter Reisewagen unaufgehalten nach Hebron zu. Roch zählen wir erst den 5. April, noch beten die Juden am Grabe Rachels erst ihr Morgengebet, aber schon macht sich die Sonne recht fühlbar und der Straßenstaub fährt uns recht warm ins Gesicht. Wie mancher Passagier mag da angsterfüllten Herzens an die nächsten Stunden gedacht haben, da die Sonnenstrahlen nur noch brennender, der feine Staub nur noch stechender und der unvermeidliche Durst nur noch quälender sich einstellen würde! Wir drei jedoch, die wir im Wagen saßen, der welterfahrene Moskowite E. Roguwin, unser Landsmann Dr. L. Grünhut aus Jerusalem und meine Wenigkeit, hatten vorderhand nur das Herz voll von der Hoffnung, daß wir noch heute ein merkwürdiges Stück des Gelobten Landes mit unseren leiblichen Augen erblicken werden, nachdem wir es mit unseren geistigen Augen unzähligemal gesehen hatten. Die Straße ist belebt und gut befahren, und heute, den Tag vor Neumond Nisan, ein Tag der besonderen Ehrung der Erzväter zu Hebron, führt sie uns sogar auf Schritt und Tritt jüdische Glaubensbrüder entgegen. O, wir fürchten uns nicht und haben auch vor der Hitze keine Angst! Unser Jerusalemer Wirt, dessen Kunden wir ja auch heute sind, gab uns Speise und Trank, guten Rffchonle-Zionwein, Orangen und Zitronen reichlich mit, nicht ahnend, daß außer Gott und außer ihm noch eine dritte Macht sich in das Walten der Vorsehnung teilte, und das ist die Gastfreundschaft einer ungarischen Hausfrau, die nirgends, besonders aber in Jerusalem, hoch genug eingeschätzt werden kann. Frau Dr. Grünhut hatte, ohne unser Wissen, einen veritablen Koffer uns auf die Reise mitgegeben; nicht Utensilien, wie man sie in Europa braucht, waren in dem Koffer, sondern der Vorrat einer ungarischen Speisekammer, geräuchertes Fleisch, gestampfter Käse, gebackene Eier, nicht zu vergessen des deutschen Bieres, das ja auch in Ungarn nicht ganz unbekannt sein soll .. . Ja, es war deutsches Flaschenbier, und diese braunen Flaschen legen Zeugnis dafür ab, daß Palästina zu den zivilisierten Ländern gehört. Als ich eines Tages auf der Straße nach Jericho in Chan Hadrur Halt machte, mußte ich ein Glas braunen Getränkes mit einem Frank bezahlen. Der Wirt war auf diese seine Importware nicht weniger stolz, als auf die paar deutschen Brocken, die er sprach; ob er auch auf den Erlös der vielen Franks stolz war, sagte er nicht. Wir „Herren" fuhren also still vergnügt, und auch unser jüdischer Kutscher — in Jerusalem gibt's fast ausschließlich nur jüdische Kutscher — schaute bei der ausdrücklichen Zusage eines tüchtigen Bakschich recht vergnügt drein, und so hatte er gegen die kleine Abschwenkung von der Fahrstraße, um nach Bethlehem zu gelangen, nichts einzuwenden. Wer wird denn Bethlehem ungesehen hinter sich lassen wollen? Die Stadt, in der David geboren wurde, in der demzufolge, wie es die christliche Theologie will, auch Jesus geboren sein mußte, ist nächst Jerusalem die heiligste Stadt der Christenheit. Während jedoch Jerusalem nicht christlich ist und es auch nicht sein kann, liegt Bethlehem ganz in christlicher Hand. Das sollten wir gleich zu sehen und zu fühlen bekommen. Denn kaum hatte unser Wagen die kleine Biegung gemacht, als wir uns auch schon mitten im Getriebe Bethlehems befanden. Und gleichwohl war es noch nicht die Stadt, sondern ihre lieblichsten Kinder, die uns, die Fremden, erwarteten. Ja, in Bethlehem wird der Fremde von einem Kranz herrlicher Jungfrauen erwartet, und gewiß lassen sich wirksamere Vorposten zum Nutzen einer Stadt gar nicht denken. Was hat der ganze italienische Bettelstand, so ehrenwert er ist, was hat das ganze Heer der neapolitanischen Ragazzi, so zudringlich sie sind, zu bedeuten gegen diese Art der Ueberrumpelung des armen Wanderers! Da traben sie hinter und neben unserem Wagen einher die kleinen orientalischen Schönen mit den runden Gesichtern und den fleischigen Armen, und im Nu läßt die eine ein Kruzifix, die andere einen Rosenkranz, die dritte ein Heiligenbild vor unseren Augen glitzern, nicht beachtend, daß ihr dabei die leichte lose Hülle vom Busen rutscht und daß die ohnedies nackten Füße mehr als gebührlich entblößt werden. „Chawadscha, rachis!" (Herr, 's ist billig); „ma berid" (ich will nicht) geht es hin und her, und obgleich es ihnen allen galt und obwohl sie es alle hörten, so versuchte eine jede stets von neuem ihr Glück. Wir mußten die Kleinen nicht sowohl vom Halse als vom Wagen schütteln und waren froh, daß ihnen das Gefährt keinen Schaden zugefügt hat. Mit solchen verstockten Leuten, die absolut nicht zu rühren waren, hatten es die Kleinen wohl selten zu tun und ich hätte sievon Herzen bedauert, wenn hinter uns nicht andere des Weges gekommen wären, mit denen das Spiel von neuem ansing. Unser Wagen blieb auf dem freien Platz vor der großartigen Geburtskirche stehen und war sofort der Gegenstand eines großen Menschenauflaufs. Dr. Grünhut hatte die glückliche Idee, mich für einen Konsulatssekretär auszugeben, und vor den Konsulaten und was dazu gehört, haben die Orientalen einen großen Respekt. Das Wort hatte Zauberkraft, es traf