Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 392 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 392, Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. Tatbestand. Seit dem 19. Januar d. I. hat aber kein Mensch mehr etwas von der Sache gehört, also seit fünf Monaten ist, wie der „Niederschles. Anzeiger" schreibt, ein neuer Termin nicht angesetzt worden. Es ist auch absolut nichts über den Stand der Sache zu erfahren, da auf dem Glogauer Landgericht allen Beamten strengstes Stillschweigen auferlegt und tiefstes Geheimnis proklamiert worden ist. Sonderbar, höchst sonderbar! Weshalb wohl führt denn das Gericht seinen Beschluß auf „zwangsweise Vorführung des Angeklagten Grafen Pückler zu einem möglichst bald anzuberaumenden Termin" nicht aus? Schon früher hat die Behandlung des Grafen Pückler durch das Glogauer Gericht Verwunderung erregt, so die im Jahre 1899 bei seiner ersten Hetzrede dort erfolgte Freisprechung (das Gericht faßte die Hetzrede „bildlich" auf), dann als sich Pückler in dem Prozeß wegen Zerstörung einer Eisenbahn — der mit seiner Verurteilung zu sechs Wochen Gefängnis endete, welche aber im Gnadenwege in 6000 M. Geldstrafe umgewandelt wurde — wie toll gebärdete, Gericht, Sachverständige rc. provozierte, ohne sich Ordnungsstrafen zuzuziehen, ferner die Langmut des Gerichts den fortwährenden unentschuldigten Ausbleiben Pücklers gegenüber, während doch sonst die Gerichte mit Zwangsmaßregeln schnell zur Hand zu sein pflegen. Dieses neueste Verfahren aber ist denn doch noch eigenartiger. Unter diesen Umständen wird man sich nicht zu wundern brauchen, wenn Pückler nächstens wieder mal, wie im Jahre 1899 nach seiner „bildlichen" Freisprechung, in einer Berliner Volksversammlung ein „Hoch auf das liebe, brave Landgericht Glogau" ausbringen sollte. * * Jüdische Studentenverbindungen. Seit vier Jahren haben wir an unseren Universitäten einen Bund Jüdischer Korporationen (B. I. C.). Zu ihm stehen Studenten, die sich bewußt als Juden fühlen und ihre Kraft einsetzen wollen für die Entwickelung eines lebendigen Judentums. Die dem B. I. C. angegliederten Vereine haben überall ein und dieselbe Farbe: blauweißgelb. Die Stellung zur Satisfaktion überlassen sie jedem einzelnen Mitgliede. Die beiden ältesten Vereine des Bundes sind Berlin (1895), Breslau (1899). Ihnen folgen: München (l900), Straßburg (1902), Freiburg i. Br. (1903), Königsberg (1904). Neben diesem jüdischen Bunde besteht bereits seit dem Jahre 1896 der Kartellkonvent der Tendenzverbindungen Deutscher Studenten jüdischen Glaubens (Jüdische Verbindungen im K. C-). Ihm gehören an: Sprevia - Berlin (1894), Licaria - München (1895), Rheno - Silesia - Bonn (1899), Thuringia-Breslau (1901), Bavaria-Heidelberg (1902), Jsaria- Straßburg (1904). Außerdem werden noch verschiedene freie jüdische Verbindungen gezählt, z. B. Salia - Würzburg (1804), Wirceburgia-Würzburg (1885), Normannia-Breslau (1892), Thuringia - München (1892), Alsatia - Leipzig (1893), Ghibellinia- Freiburg (1895), Hasmonea-Berlm (l 902), Makkabäa-Breslau (1902) usw. * Eine Deputation von Wabbinern aus Uöhmen hat unter Führung der Abg. Slama und Dr. Dyk dein Unterrichtsminister Dr. Ritter von Härtel mit der Bitte vorgesprochen, gewisse Fragen der jüdischen Religionsgenossenschaft zu regeln. Der Minister nahm die Deputation sehr wohlwollend auf und erklärte, er könne zwar in die Autonomie der Religionsgenossenschaften nicht leicht eingreifen, werde aber sein Möglichstes tun, die vorgebrachten Wünsche zu erfüllen. Gine Denkschrift der Moskauer Juden. Die Moskauer intelligenten Juden haben eine Denkschrift ausgearbeitet, in der es unter anderm heißt: „Von jeher ein friedliches Volk, haben wir es nunmehr gelernt, bei der Verteidigung unserer Ehre, des Lebens unserer Nächsten und des Volkswohls mit den Waffen in der Hand zu sterben. Sollte aber der innere Krieg fortgesetzt werden müssen, so werden wir auch zu siegen lernen. Man Kann UNS", so. heißt es weiter, „im ungleichen Kampfe stückweise vertilge», aber Marias werden wir nicht mehr in dem Lande sein, in dem wir aufgewachsen sind, in dem wir arbeiten." * * * Denkschrift der russischen Inden an die Vertreter der Semstwos. Die Kunde von der vom Minister Bulygin in seinem Verfassungsentwurfe vorgeschlagenen Ausschließung der russischen Juden von jeder Teilnahme an der Volksvertretung hat unter den Juden in Rußland große Erregung hervorgerufen. In zahlreichen Depeschen an das Ministerkomitee haben verschiedene jüdische Gemeinden auf die Gefahr hingewiesen, welche diese Ausschließung für das friedliche Zusammenleben der Juden mit der übrigen Bevölkerung haben könnte. Nunmehr haben die russischen Juden in derselben Angelegenheit eine Denkschrift an die Vertreter der Semstwos gerichtet. Dieses umfangreiche Schriftstück enthält eine Reihe von Daten und Belegen zur Illustration der gegenwärtigen Lage der Juden in Rußland. Die Zusanunenpferchung der sechs Millionen russischer Juden in den Städten des sogenannten jüdischen Niederlassungsgebietes hat die ökonomische Lage der Juden verhängnisvoll gestaltet. Es wurde ein Pauperismus geschaffen, der in seinen Dimensionen ohne Beispiel dasteht. Die Denkschrift kommt auch auf die Geschichte der Judenhetzen der letzten fünfundzwanzig Jahre zurück und weist auf Grund von Belegen nach, daß diese Hetzen veranstaltet wurden, um die Fernhaltung der jüdischen Jugend von jeder Teilnahme an der revolutionären Bewegung zu erzwingen. Die Denkschrift führt die Tatsache an, daß der verstorbene Minister von Plehwe nach der Metzelei von Kischenew einer jüdischen Deputation wörtlich sagte: „Liefert uns eure Demokraten aus! Sonst werden wir euch das Leben in Rußland unerträglich machen!" Die Denkschrift schließt mit dem Appell an die Vertreter der Semstwos, dafür zu sorgen, daß in der künftigen Volksvertretung alle Klassen und alle Nationalitäten vertreten sein sollen, denn nur auf diesem Wege werde ■ bcr allgemeine Friede hergestellt werden. * * * Bevorstehende Iudenheheu in Hdessa! Aus Odessa kommt folgende Nachricht: Die Polizei bereitet eine Judenhetze vor. Der Gehilfe des Polizeimeisters, Kisljanowski, sagte zu den zurückgekehrten Kämpfern aus Port Arthur, die um Unterstützung baten: „Nehmt Euch von den Juden, bei Ihnen sindet Ihr viel Gutes . . ." Auf der Straße Hetzen Schutzleute ungeniert das niedrige Volk gegen vorbeigehende Juden auf. Die Regierungsmitteilungen über die letzten Unruhen weifen systematisch auf die Juden als deren Urheber hin. Die Polizei verbreitet diese Auffassung nachdrücklich unter den 20 000 jetzt brotlosen Hafenarbeitern, die hungrig und zu jedem Raub bereit sind. Das gleiche wird unter den Truppen verbreitet. Die jüdische Gemeinde von Odessa ist überzeugt, daß bei der bevorstehenden Hetze dem Militär die Hauptrolle zufällt. Graf Jgnatiew, der gegenwärtig zur Beruhigung der Bevölkerung nach Südrußland gesandt wurde, sagte einem Abgesandten der südrussischen Judengemeinden: