Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · p. Seite 390

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 390 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606730--9423-9606740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 390. Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. Vorschub leisten mußte." Es wird wohl kaum ausdrücklich bemerkt werden müssen, daß der Verfasser die gesamte einschlägige Literatur — es sollen hier nur die Arbeiten von Brugsch, Wiedemann, Maspero und Tiele genannt werden — in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen hat. Wir werden uns selbstverständlich darauf beschränken, in den folgenden Zeilen die Ergebnisse der Völterschen Forschung mitzuteilen, ohne auf ihre nähere Würdigung und Begründung einzugehen. Die Urgeschichte Israels stellt sich als ein dreifacher Stufenbau dar und besteht im wesentlichen aus der Geschichte des Abraham, des Jakob und des Mose. Bereits die Einkehr Gottes bei Abraham zu Mamre und der Untergang Sodoms bieten merkwürdige Parallelen zu dem ägyptischen Sagenkreis dar. Auch in dem letzteren führen die Menschen freche Reden gegen den alternden Sonnengott Ra, sodaß dieser eine Versammlung der Götter beruft, in welcher Ras Vater, Run, erscheint und beschlossen wird, die Menschen, die in die Berge geflohen waren, zu vertilgen. Ganz ähnlich begründet Gott, der in Begleitung von zwei andern himmlischen Wesen erscheint, die Besprechung seines Planes mit Abraham („Wie kann ich Abraham verhehlen, was ich zu tun im Begriffe bin?"). Im Zusammenhang mit der Vermenschlichung Abrahams im Alten Testament finden sich wesentlich Abweichungen von der ägyptischen Legende. Aber die einzelnen Züge sind bei beiden noch dieselben: Abraham stellt sich vor Gott, gerade wie Run vor Ra; wie Lot in der Bibel, so wird auch dort ein Teil der Gerechten beim Strafgericht verschont. Nun war allerdings ein Gott, der die Menschen schuf und die „reinen Seelen erzeugte", Abraham, der Stammvater des „auserwählten Volkes", ist in der altteftamentlichen Erzählung nur ein Mensch, aber gerade von jenem Mythus aus begreift sich die Vermenschlichung Abrahams, einesteils sofern Nun der Stammvater der Menschen ist und auf Erden ist und bleibt, auch nachdem Ra sich in den Himmel zurückgezogen hat, andernteils, sofern Nun, obwohl ein Gott und Vater des Ra, doch zugleich der älteste Diener und vornehmste Untertan des letzteren ist, wie Abraham dies gegenüber Jahve sein soll. Der Gott Nun ist ferner das Urgewässer als männliches Prinzip aufgefaßt, seine weibliche Ergänzung ist Nunet, die feuchte Urmaterie, als empfangends und gebärendes Prinzip; Nun heißt „der Alte", Nunet „die Alte", aus beiden tritt der Llchtgott Ra in die Erscheinung; auch Abraham und Sara sind alt und hochbetagt, als der Sohn der Verheißung geboren wurde. Das heilige Tier des Ra ist der Widder, als das Sinnbild der befruchten-' den Kraft, der „sein eigener Ursprung ist" und nach ägyptischer Vorstellung auch seine Mutter Nunet befruchtet hat. Von dieser Vorstellung enthält die biblische Darstellung vom Aufenthalt Abrahams in Aegypten noch deutliche Spuren, denn Sara-Nunet figuriert eine zeitlang als die Frau des Königs von Aegypten, des als Amon verehrten Ra, sodaß dieser also zu seiner Mutier im ehelichen Verhältnis steht; es heißt ja in der Bibel: „Der Gott Abrahams suchte Sara heim usw.". Der Widder spielt auch bei der Opferung Jsaks eine bedeutende Rolle, nach Herodot zeigt sich Amon-Ra (Zeus) an seinem Fest dem Volk in Gestalt eines Widders; dieses Tier, das dem Abraham auf einmal wunderbarerweise erscheint, ist die Erscheinung des Gottes selbst; nach ägyptischem Vorbild schlachtet Abraham ebenfalls den Widder und bezeichnend ist, daß Abraham den Ort der Opferung „den Berg, wo Jahve sich sehen läßt", genannt hat (Gen. XXII, 14). Eine weitere bedeutsame Rolle spielt der Brunnen zu Beerseba (Gen. XXI, 26), den Abraham selbst gegraben haben soll. Beerseba war eine uralte Kult- und Orakelstätte, die vom Propheten Amos als unrein verworfen wird. Ebenso wird man sich die Höhle Machpela, wo Abraham und Sara begraben wurden, als die Geburtsstätte des Sonnengottes, als die Darstellung des Schlundes, „in welchem Nun und Nunet den Leib des Sonnengottes bilden", vorzustellen haben; gegenüber lag Mamre, beide gehörten offenbar zusammen und sind zwei zu einander in Beziehung stehende alre Kultusstätten des Sonnengottes, während ihre Bedeutung und Bestimmung später im Alten Testament in der bekannten Weise umgedeutet worden ist. Und indem man dann den Gott des Nun, bezw. des Abraham, d. h. Ra, gedeutet hat auf Jahve, ist das Bild von Abraham als dem alten und treuen Diener Jahves entstanden, das in der Genesis vor uns liegt und alle alten, ursprünglich auf den Kult des Ra und des Nun bezüglichen Verehrungsstätten hat man so in die Geschichte des Jahvekultus ausgenommen. Daß Abraham als Gott gedacht wird, geht aus der Genes, hervor: „als ein Fürst Gottes bist Du unter uns", sagen die Hethiter zu ihm, und Melchiscdek bringt ihm Opfergaben dar. Ist Abraham — Nun und Sara — Nunet, dann müßte Jiak folgerichtig der Himmels- und Sonnengott sein, er ist dies tatsächlich auch in der Erzählung Gen. XXIV, 26, wo seine erste Begegnung mit Rebecca stattfindet, aber andererseits hat man ihn sich im Alten Testament menschlich vorgestellt, in welcher Beziehung für den Sohn Abrahams verhältnismäßig wenig übrig blieb, aber als Fortsetzer des Geschlechts von Abraham ist er unentbehrlich. Völter glaubt hier das Hineinspielen einer babylonischen Göttersage annehmen zu müssen, Jsak ist — Tammuz, der Gott der Frühlingssonne, Rebecca, die „den Schleier nimmt und sich bedeckt", ist Jstar, der Abendstern, die Tochter des Mondgottes Sin, weil Rebecca als Tochter des Bethuel — Sin bezeichnet wird. Abraham hatte drei Frauen, Sara, Hagar und Qetura. Hagar entspricht der Isis, denn wie diese die Wohnung des ihr und ihrem Kinde feindlichen Set verläßt und durch die Wüste irrt, so muß auch Hagar wegen der Eifersucht Saras aus Abrahams Hause gehen. Auch zu dem Engel des Herrn, der die Hagar nach ihrer ersten Flucht zur Rückkehr bestimmt, findet sich im ägyptischen Mythus eine entsprechende Parallele: der fliehenden Isis erteilt Thot ebenfalls guten Rat. Wenn ferner Jsmael in der Wüste dem Verschmachten nahe ist und durch einen sich wunderbarerweise auftuenden Wafferqucll getränkt wird, so hängt dies teils damit zusammen, daß der Feind der Isis und ihres Kindes der böse Set ist, der Herr der Wüste und der Bewirker der Dürre und des Durstes, andernteils damit, daß das Wasser das Lebenselement ist, aus dem das Kind der Isis, der junge Horus entsteht. Wie in Sara und Hagar wird man auch in Qetura eine der ägyptischen kosmogonischen Urmütter zu erkennen haben. Uebrigens scheint ihr Name schon der sprachlichen Verwandtschaft gemäß auf die Göttin Hathor hinzuweisen. In Genesis XXV wird sie als die Stammutter arabischer Stämme vorgestellt, wozu passen würde, daß die Hathor in der ägyptischen Mythologie zu dem Gott Sopt, dem Herrn des Ostlands (Arabia), als Mutter in Beziehung gebracht wird. Bemerkt mag noch werden, daß Abraham im ganzen acht Kinder (je eines von Sara und Hagar und sechs von Qetura) hat; auch Nun ist der „Urvater der Acht", er ist die Ogdoas. „Uebersehen wird," sagt Völter, „die ganze Abrahamslegende in ihren verschiedenen Tellen, so erweist sie sich durchweg als ein Niederschlag von Sonnensagen, der Sagen von Ra und seinem Vater Nun. Und eben dies, daß die Abrahamslegende diese einheitliche Erklärung gestattet, ist ein starker Beweis für die Richtigkeit der letztern." (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.