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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · p. Seite 389

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 389 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. Israelitische Wochenschrift. Seite 389. daher ist es an einigen Orten Brauch, ein Gefäß mit Wasser auf den Begräbnisplatz zu stellen, damit die menschliche Seele darin baden und sich von ihrer sterblichen Behausung reinigen könne, bevor sie sich in den Himmel erhebe. Die Kaukasusjudcn glauben auch an die Wanderung der menschlichen Seele durch verschiedene reine und unreine Tiere. Die Seele wechselt häufig ihren Sitz und bleibt in den Tieren bald längere, bald kürzere Zeit; dabei erduldet sie schwere Leiden. Dann gelangt die Seele nach Ablauf einer gewissen Frist in die Hölle, wird dort durch Feuer von ihrer Unreinheit befreit und kommt schließlich an dem ihr bestimmten Ort zur Ruhe. Die Hölle stellen sich die kaukasischen Juden als eine endlos große Halle mü vielen Abteilungen vor. In jeder Abteilung sind Engel des Verderbens und Teufel, welche die Sünder quälen; sie werfen sie in Kessel mit siedendem Wasser, setzen sie auf glühende Roste, schleudern sic in Abgründe, werfen sie durch die Luft von einem Ende der Welt zum anderen. Am Sabbat findet keine Strafvollziehung statt, die Teufel und die Sünder ruhen und erholen sich. Am Sabbntabend erhebt sich wieder Wehgeschrei und Klage. Das oberste Himmelsgericht stellt man sich gleichfalls als eine große Halle vor, in welcher eine unzählige Menge von Richtern sitzt: die Rabbinen und die großen Männer der alten Zeit, grauhaarige Greise, sitzen in weißen, langen Gewändern an langen Tischen. Hier befindet sich auch eine große Wage, auf welcher die guten und bösen Taten der Menschen gewogen werden. Die Halle ist stets mit allerlei Toten gefüllt, welche von allen Seiten der Welt zusammenkommen; die Neuangekommenen können ihre Verwandten und Vorfahren sprechen; diese können für die Verurteilten bitten, daß ihnen die Strafe erleichtert werde. Im Himmel erhält der gute Mensch für seine Taten die Belohnung: nachdem die Seele von ihren Sünden befreit ist, wird sie ins Paradies geschickt. Die mittelalterliche Vorstellung, man könne den menschlichen Organismus auf künstliche Weise Herstellen und ihm Leben einflößen, bürgerte sich insbesondere bei den polnischen Juden ein und lebt daselbst in manchen Gegenden heute noch fort. Weise Männer kneten den „Golem"*) aus Ton und hauchen ihm durch eine Beschwörungsformel Leben ein. Golem ist eigentlich eine rohe Masse, ein Klumpen oder ein mißgebildeter Mensch. Der Golem kann nicht reden, verrich!et jedoch allerhand Dinge und leistet seinem Herrn Dienste. Auf seine Stirne schreibt man das Wort Emes — Wahrheit. Da der Golem täglich wächst, so erreicht er eine bedeutende Größe. Wird er zu stark und zu groß, so löscht man das E im Wort Emes auf seiner Stirne aus und es bleibt nur mes — tot übrig. Der Golem stürzt zusammen und ist wieder ein Haufen Lehm. Man erzählt, der Golem eines Rabbi in Polen habe eine solche Größe erreicht, daß sein Herr ihm nicht mehr an die Stirne heranreichen konnte, um das E auszulöschen. Da befahl er ihm, sich zu bücken, um seinem Herrn die Schuhe auszuziehen. Als er nun den Buchstaben ausgelöscht hatte, fiel der Golem über ihm zusammen und erschlug ihn mit seiner Last. Bei einer Feuerbrunst schreiben die polnischen Juden einige Worte und Zeichen auf ein Stück Papier, welches dann in die Flamme geworfen wird, damit das Feuer verlösche. Bei Epidemien gehen einige Personen täglich nach allen vier Richtungen aus dem Ort und lesen bestimmte Stellen aus der Bibel. Bei Krankheiten spielt, wie auch bei anderen Völkern, das „Besprechen" eine große Rolle. Interessant ist auch die um das *) Bekannt ist ja die Golemsage, die sich an den Namen des Rabbi Löw aus Prag knüpft. D. Red. 12. Jahrhundert in einzelnen jüdischen Gemeinden sich entwickelnde Sitte, den Namen des Kranken zu ändern und so den Todesengel zu täuschen. In den „Jüdischen Merkwürdigkeiten" erzählt Schudt: „Man probiert bei den Juden allerlei Arzneimittel und in großen Krankheiten verändert der Patient seinen Namen, damit, wenn er Moses geheißen und das Dekret seines Todes dem Engel des Todes gegeben worden, daß dieser Moses sterben sollte, so kann er ihn nicht mehr finden oder ausfragen, weil er nun Samuel oder sonstwie heißt. So tritt denn der Rabbi vor den Schrank in der Schul, benscht oder segnet den Kranken und verändert seinen Namen; man gebraucht sonderlich gerne den Namen Chajim, so Leben heißt. Wenn den Eltern die Kinder sehr sterben, so nennen sie die, so wieder geboren werden, gerne mit dem Namen eines Chaje Roah, eines wilden, bösen Tieres, als Wolf, Bär, Hirsch, Löw, in der Hoffnung, wie diese Tiere lebhaft und harter Natur sind, also werde das Kind, welches sie also benennen, auch froh und gesund sein und lange leben". In Polen herrscht diese Sitte noch heute. Schließlich möge ein heute noch allgemein üblicher Brauch angeführt werden. Am Morgen vor dem Versöhnungstage nimmt jeder Mann einen Hahn, jede Frau eine Henne, am besten von weißer Farbe, nach dem Spruch des Jesaias: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden", und schwingen sie dreimal um den Kopf, wobei sie sprechen: „Dieser Hahn sei eine Stellvertretung für mich, er komme an meiner Statt, er sei eine Versöhnung für mich; dieser Hahn sei dem Tode geweiht, mir und ganz Israel ein glückseliges Leben." Auf solche Weise überträgt man seine Sünden auf die Hühner und schlachtet sie dann. Wien. _ Levp. Lampl. Afpjitni und die Üilifl. Nachdem in der letzten Zeit die altbabylonische Kultur in ihren Beziehungen zur Urgeschichte Israels die Aufmerksamkeit sowohl der Fachmänner, wie der gebildeten Kreise überhaupt ausschließlich, man darf wohl sagen, einseitig in Beschlag genommen hatte, wird es, wie die „Voss. Ztg." in einem interessanten Artikel berichtet, nicht ohne Interesse sein, von einem neuerdings gemachten Versuch zu vernehmen, um den Einfluß Aegyptens und der ägyptischen Götterlehre auf die israelitische Urgeschichte nachzuweisen. Diesen Versuch unternimmt der Professor der Theologie an der Amsterdamer Universität, Dr. Daniel Völter in seiner Schrift: „Aegypten und die Bibel; die Urgeschichte Israels im Lichte der ägyptischen Mythologie" (E. I. Brill, Leiden). Am Schluß der nur 112 Seiten starken Broschüre heißt es: „Was wir zeigen wollten, ist in Kürze dies, daß die semitischen Stämme, die im östlichen Aegypten und auf der Sinaihalbinsel wohnten und später in dem so lange Zeit ägyptischem Einfluß ausgesetzten Palästina sich ansiedelten, überall hier nicht bloß in Berührung mit ägyptischer Kultur, sondern auch mit der ägyptischen Götterlehre und dem ägyptischen Gottesdienst gekommen sind und davon offenbar die stärksten Einwirkungen erfahren haben. Selbst der diesen Stämmen vermutlich von Hause aus eigentümliche, ursprünglich wohl recht primitive Jahveglaube hat unter dem Einfluß ägyptischer Religionsvorstellungen sich zum Glauben an Jahve als Gott vom Sinai entwickelt und msbesondere durch die in der Gestalt des Moses erfolgte Adoption des ägyptischen Thot als des göttlichen Offenbarers und Gesetzgebers ein Element in sich ausgenommen, das der allmählichen sittlichen Ausgestaltung der Naturreligion dieser Semiten den größten

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