Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 388 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606730--9421-9606738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 388 Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. großen Masse des Volkes fort, wie sie vor Jahrhunderten bestanden haben, damals allerdings als Bestandteile des religiösen Kultes im Rahmen von Zeitverhältnissen, die ihr Dasein rechtfertigten. Was damals einen lebendigen, allgemein erkannten Inhalt hatte, das hat sich vielfach bis auf unsere Zeit als leere Form erhalten, der nur die dunkle Ahnung im dämmernden Bewußtsein zeitweilig den entbehrten Inhalt verleiht. Wie Instinkt und Empfindung, so entzieht sich auch der Aberglaube mit Erfolg der Kontrolle des Geistes und weiß sich immer neue Gebiete zu erobern, die das undurchdringliche Dunkel der Zukunft ihm als Spielraum gewährt. Auch das Judentum hat den Aberglauben nicht von sich fernhalten können, obzwar es ihm während des ganzen Verlaufes seiner Geschichte verhältnismäßig wenig zugeneigt war. Da er aber trotzdem in einzelnen geschichtlichen Perioden Einfluß auf das Leben der Juden erlangt hat und sogar noch in unseren Tagen unter ihnen Anhänger findet, so dürfte es von Interesse sein, auf gewisse Formen und Arten der abergläubischen Bräuche hinzuweisen, wie sie im Altertum und Mittelalter bei wichtigen Ereignissen üblich waren und zum Teil noch in gewissen Gegenden bestehen. Die jüdische Religion ist dem Aberglauben feindlich; Moses verbietet ihn und setzt bedeutende Strafen, ja selbst den Tod auf die Uebertretung dieses Verbotes. Daß aber dennoch bei den Juden Aberglaube und Wahrsagerei Platz griff, dafür zeugen die biblischen Bücher und der Spott, den Propheten, wie Hosea und Hesekiel, über die Anhänger des Aberglaubens ergießen. Moses mahnt das Volk: „So du in das Land kommst, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, so lerne nicht den Greueln dieser Völker gleichtun. Es soll unter dir nicht gefunden werden, der Wahrsagerei, verdeckte Künste, Zeichendeuterei und Zauberei treibt, Geisterbanner, Gespensterbefrager und Totenbeschwörer; denn ein Greuel des Ewigen ist jener, der solches tut. Ungeteilten Herzens sollst du dem Ewigen, deinem Gott, ergeben sein. Denn diese Völker, die du austreibst, hören auf Wolkendeuter und Wahrsager: du aber — nicht also bestimmte es dir der Ewige, dein Gott." Dadurch, daß die Bibel gewisse Arten des Aberglaubens verbietet, weist sie darauf hin, daß er unter dem Volk verbreitet war, seinen Geist nicht unbedeutend beschäftigte und seine Handlungen beeinflußte. „Ihr sollt nicht auf Vogelgeschrei achten," befiehlt Moses und deutet auf diese Weise auf eine unter den Völkern des Altertums besonders verbreitete Art des Aberglaubens hin. Griechen und Römer maßen den Vogelzeichen große Bedeutung bei und glaubten aus ihnen den Willen der Götter, ihre Zustimmung oder ihre Mißbilligung menschlicher Handlungen zu erkennen. Im 4. Buch Moses ist die Erwähnung eines jüdischen Gottesurteiles enthalten, wie es zum Beweise gewisser Verbrechen angewendet wurde: der Beschuldigte mußte bitteres, verfluchtes Waffer trinken und aus der physiologischen Veränderung seines Zustandes wurde dann auf seine Schuld geschlossen. R. Andree erwähnt in seinem Werk „Volkskunde der Juden" die interessante Tatsache, daß dergleichen Tränke in Westafrika und namentlich in Madagaskar noch heute von den Priestern gebraucht werden. Ueberhaupt ist der internationale Charakter des Aberglaubens eine ausfallende Erscheinung; er kehrt in wunderlicher Gleichartigkeit bei verschiedenen Völkern wieder, bei denen sich eine Berührung und Beeinflussung in geschichtlicher Zeit garnicht feststellen läßt. Die Bücher der Propheten sind voll Eifers gegen alles heidnische und abergläubische Wesen; um so mehr fällt die bekannte Begebenheit auf, welche die Zauberin von Endor betrifft. Sie erweckte den Propheten Samuel aus dem Tode und zwang ihn, dem Saul, wie oft im Leben, die Zukunft zu verkünden. Diese Stelle, die gegen die Tendenz der Bibel zu verstoßen scheint, hat den Bibelerklärern große Schwierigkeiten bereitet; hier kommt sie nur insofern in Betracht, als sie beweist, daß die Totenbeschwörung den Juden nicht fremd geblieben ist. Infolge der Berührung mit den Persern und zahlreichen anderen Völkern beginnen sich seit dem babylonischen Exil die abergläubischen Anschauungen bei den Juden stark zu entwickeln. Die Mischna und die Gemara erzählen von Wunderkuren und Rekromantie, von Dämonenfurcht und Gespensterglauben, von der Heilung durch Talismane, vom Glauben an Vorbedeutungen und Wunderzeichen, von Astrologie, vom Besprechen der Wunden und Krankheiten, von Träumen und Traumdeutungen. Auf jene beiden Werke und auf die Zeit, in der sie bestanden, gehen die meisten abergläubischen Bräuche zurück, wie sie sich durch das ganze Mittelalter und auch tief in die Neuzeit traditionell fortpflanzten. Wichtige Ereignisse im Leben des einzelnen und im Bestände der Gesamtheit standen in enger Verknüpfung mit mancherlei abergläubischen Formen, deren Uebung als Voraussetzung eines günstigen Verlaufes galt. Wie bei vielen anderen Völkern war auch bei den Juden die Geburt mit allerlei Aberglauben verbunden. Nahte sie, so machte der Vater Kreise mit Kreide an die Wände oder an die Tür. Auch war es Sitte, während der Geburt gewisse Psalmen zu lesen. In Polen ist es noch immer Brauch, die Mütter dadurch vor bösen Geistern zu schützen, daß man mit schwarzer Kreide Zeichen an die Wand malt und unter das Kopfkissen der Wöchnerin kabbalistische Bücher legt. Ueberall im Hause befestigt man Talismane, „Brieflech" genannt, namentlich an den Fenstern und Schornsteinen, wo der Böse eindringen könnte. Die „Brieflech" enthalten Psalmen und darunter die Worte: „Der Allmächtige vernichte den Satan". Zahlreiche abergläubische Ansichten beziehen sich auf den Tod und das Sterben. Wenn der Sterbende auf Betten aus Daunen und Hühnerfedern ruht, so hat er einen schweren Tod; daher schläft der Jude unter keinen Umständen auf anderen Betten als solchen, die mit Gänsefedern gefüllt sind. Wenn beim Toten der Mund oder die Augen offen bleiben, so ist zu befürchten, daß noch jemand im Hause stirbt. Beim Hinaustragen der Leiche gehen zahlreiche böse und gute Geister mit. Den Frauen ist die Begegnung mit bösen Geistern besonders schädlich, deshalb nehmen sie an keinem Leichenzug teil und hüten sich davor, mit einem solchen zusammenzutreffen. Interessant ist die Vorstellung, daß im Verlauf der ersten sieben Trauertage die Seele des Toten in das Sterbezimmer fliegt. Hier brennt deshalb eine Lampe und dybei steht ein Glas Wasser; an der Wand hängt ein Stück jener Leinwand, aus welcher der Sterbekittel genäht wurde. Die an der Unsterblichkeit der Seele geknüpften Vorstellungen sind bei den Juden sehr verschieden.*) Die einen glauben, daß die Seele, nachdem sie den Körper verlassen, ein ganzes Jahr im Grabe bleibt und dann erst in den Himmel zurückkehrt, aus dem sie gekommen. Andere glauben, daß die Seele sofort, nachdem sie dem Körper entwichen, in den Himmel hinauffliegt, und wieder andere meinen, daß die Seele ein Jahr lang an dem Ort verweilt, wo sie den Körper verlaßen hat; deshalb brennt an dieser Stelle eine Lampe. Einige behaupten, daß die Seele alltäglich das Grab besuche; *) R. Andrse, „Volkskunde der Juden", der auch einzelne andere hier angeführte Fälle des Aberglaubens bei den Juden entnommen sind.