Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 386 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 386. Israelitische Wochenschrift. Nr. 28 Willen des Menschen in Einklang mit Gottes Willen setzen will? Wohl gab es auch in Israel falsche Religiosität; aber dagegen sind eben die Propheten aufgetreten. Ueber drei Jahrhunderte haben sie gekämpft gegen die Veräußerlichung der Religion, gegen falsches Wertlegen auf Opfer und kultische Handlungen, gegen eine den inneren Menschen unberührt lassende Frömmigkeitsübung. Was sind dagegen einzelne Aeußerungen babylonischer Frommer, die vielleicht, aber möglicherweise auch nicht, in ähnlichem Sinne zu deuten sind? In Israel reichen sich ein Amos, Micha, Jesaia, Jeremia, Sacharin und andere die Hand in ihrem Dringen auf Reinheit des Herzens, Liebe und Gerechtigkeit. „Er hat dir gesagt, o Mensch, was frommt, was fordert Jahve von dir außer Recht tun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott?" Solchen Worten bat Babel nichts auch nur annähernd Verwandtes an die Seite zu setzen. Denn solche Frömmigkeit ist nur möglich auf dem Boden des ethischen Monotheismus. Dieser aber ist, so mannigfache monotheistische Strömungen uns auch in den verschiedensten Völkern des Altertums, bei den Babyloniern, Indern, Persern, Griechen und Germanen begegnen, als religiöser Glaube ein nur das Volk Israel auszeichnender Besitz. vir ersten jüdisliie» Schüler au öffentlidjeit Schulen lind der pmmtillltemcht? Es ist weder genau der Zeitpunkt festzustellen, an dem Juden nichtjüdische Schulen zu besuchen beginnen, noch auch mit Sicherheit die Freguenzverhältnisse zahlenmäßig darzustellen vor den amtlich erhobenen Zählungen. Es läßt sich bloß allgemein behaupten, daß in jenen ersten Jahren, in die die ersten jüdischen Schulgründungen zurückreichen, Juden sich bereits in allgemeinen Schulen befinden, allerdings höchst ausnahmsweise und vereinzelt. Sicherlich war unter den reicheren jüdischen Kreisen die moderne Bildung ziemlich stark verbreitet. Es sind die größeren Kaufleute und Fabrikanten, die in engerem Kontakt mit der nichtjüdischen Bevölkerung sind, an erster Stelle aber die reichen Bankierfamilien, deren Häupter die Finanzen der Fürsten leiten und an den Höfen verkehren. In diesen Familien hat sich traditionell ein sehr umfangreiches jüdisches Wissen, das ihnen zur Einnahme einer leitenden Stellung in den jüdischen Gemeinschaften außer ihrer ökonomischen und repräsentatwen Bedeutung nötig war. fortgepflanzt, ebenso wie profane Bildung, die im Verkehr mit den vornehmsten Kreisen unentbehrlich und bei großer Welterfahrung auch leicht zu erwerben war. Ans solchen Familien der Kammeragenten, Geh. Finanzräte usw. stammen die Samson, Jacobson, Friedländer, Herz u. a. Die Herrschaft humanistischer Ideen erleichtert den Umgang der Juden mit Christen, wie dies ja bei Mendelssohn und seinen Freunden und ihren Nachkommen (in den bekannten Berliner Salons) deutlich an den Tag tritt. Aus diesen Kreisen rekrutierten sich die ersten j idischen Schüler in öffentlichen Schulen. Jnbezug auf Breslau z B. heißt es von der Zeit vor Gründung der Wilhelmsschule: „Oeffentliche Schulen für die Juden gab es gar nicht; das Elisabethgymnasium allein wurde von einigen jüdischen Schülern, wohl Kinder von Generalprivilegierten, in seinen oberen Klassen besucht, und es wird als ein besonderes lobenswertes Beispiel der Duldung angeführt, daß man dies gestattete"?) In Berlin konnte sich 1) Veröffentlicht durch das Bureau für Statistik der Juden. 2) Freudenthal, a. a. O. S. 97. j die jüdische Freischule nicht erhalten, weil sie von den Juden! zu wenig unterstützt wurde, die ihre Kinder in christliche Schulen schickten (s. ob.). Auch in Frankfurt a. M. entstand das Philanthropin nur, um dem Bildungsbedürfnis der armen Juden abzuhelfen, während „cs den bemittelten Juden nicht an Gelegenheit fehlte, ihren Kindern einen zeitgemäßen Schulunterricht geben zu lassen". „Wie das Bedürfnis der Juden in Frankfurt a. M. sich um die Jahrhundertwende steigerte, sieht man auch daraus, daß 1789 bis 1799 im ganzen sechs, dagegen von 1800 bis 1803 neunundzwanzig jüdische Schüler in das Gymnasium eintraten". „Bei der Eröffnung der Musterschule 1803 traten gleich zweiundzwanzig jüdische Schüler in dieselbe ein; es war dies der vierte Teil der gesamten Schülerzahl"?) Dagegen erzählt Jost, daß im Jahre 1809 Zunz in Wolfenbüttel der erste jüdische Gymnasiast, er selbst (Jost) in Braunschweig der zweite gewesen sei, während in Berlin nur wenige, in vielen größeren Städten garkeine jüdischen Gymnasiasten waren?) Auch die Universität werden manche Juden besucht haben. Bekanntlich hatte Kant eine Anzahl jüdischer Hörer, die zu seinen eifrigsten Bewunderern und Verbreitern seines Systems gehörten. Ferner begegnen wir einer ganzen Reihe von Namen, die bereits in dieser Periode den Doktortitel haben, also wahrscheinlich einen regelmäßigen Studiengang durchgemacht haben. Es ist anzunehmen, daß die oben angeführten Zustände in Frankfurt a. M. für die allgemeine rasche Frequenzzunahme der Juden an öffentlichen Schulen ein richtiges Maß geben. Freilich finden wir noch im Jahre 1825 für den Regierungsbezirk Aachen die in der folgenden Tabelle angegebenen Zahlen: (Preuß. Statistik, Bd. 120, S. 32.) Konfession Zahl der schulpflichtigen Kinder (von 5-14 Jahr) Davon waren in Zusammen Schulbesuchende Von wo schulpflichtigen Kindern besuchten die Schule!« £ «■ ö i i c 2 e Ir 3 © evang. 1 852 1 519 71 10 1 600 86,39 kathol. 64 401 31477 624 302 32 403 50,31 jüdisch 358 128 6 3 137 37,99 Für die Juden fällt also dort das Verhältnis am ungünstigsten aus. Höchst wahrscheinlich ist die Ursache davon das überall unter den Juden verbreitete Privatunterrichtssystem. Immerhin darf man diese Zustände nicht ohne Weiteres verallgemeinern, vielmehr annehmen, daß schon vor den vierziger Jahren und ganz entschieden nach dem Jahre 1847 der Zeitpunkt eintritt, in dem die Juden zu den Schulen ein verhäl nismäßig größeres Kontingent stellen als die Christen. Allerdings ist bei der intensiveren Zunahme der Schulfrequenz bei den Juden auch ihre prozentual höhere Bevölkerungszunahme in Betracht zu ziehen. So vermehrt sich die christliche Bevölkerung in Preußen von 1822—1840 von 11 519 396 auf 14 733 943, d. h. um ca. 28°/o/ die jüdische dagegen von 144 737 auf 194 558, d. h. um 34,43 %, trotz ihrer Verminderung durch Taufen?) Bei all dem Gesagten ist übrigens in Betracht zu ziehen, daß ein geordnetes Schulwesen mit allgemeiner Schulpflicht in Preußen, wenn Anfänge dazu auch schon im Beginn des 18. Jahrhunderts wahrzunehmen sind, doch erst in der ersten 3) Baerwald, Gesch. d. Philanthr. S. 6. 4) Jost, Gesch. d. Judentums, lll. Abteil. S. 339, Anm. 1. b) Hoffmann, Zustand der Juden im preuß. Staate, (Kl. Schriften, S. 361).