Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 385 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606730--9418-9606735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 28. Israelitische Wochenschrift. Seite 385. Bundesvolk stellt. An der Spitze steht die von Mose verkündete Gotteserkenntnis, der Grundgedanke der ganzen mosaischen Stiftung. „Ich bin Jahve, dein Gott" und aus diesem Gottesglauben werden alle anderen Gebote abgeleitet, das Verhalten gegen Gott und die Eltern, die Gebote der Pietät, hierauf die Gebote über das Verhalten gegen den Nächsten bis herab auf das Begehren, welches noch nicht zur bösen Tat geworden ist. Delitzsch faßt zwar auch das Verbot des Begehrens im Dekalog als Verbot der bösen Tat, allein irrigerweise. Denn in diesem Falle stände das zehnte Gebot vor dem Verbot des falschen Zeugnisses, weil es das Stehlen und Ehebrechen verbieten würde. Schon Mose hat gewußt, daß man sich bereits durch das Begehren am Nächsten versündigt, auch wenn es noch nicht zur Tat geworden ist. Dafür, daß diese im Christentum vertiefte Anschauung schon im Judentum lebendig war, enthält das alte Testament eine Reihe von Belegen. Eine Debatte hat sich ferner entsponnen über die Behauptung Delitzsch, daß das Grundgebot des Sittengesetzes, die Nächstenliebe, sich in nur partikularistischer, auf das eigene Volk beschränkter Weise in Israel finde, dagegen ohne diese Beschränkung bei den Babyloniern. Er bringt schöne Worte bei aus babylonischen Tontafeln, die im Britischen Museum aufbewahrt werden. Mache nicht weit deinen Mund, wahre deine Lippen! Bist du erregt, sprich nicht sofort! Redest du jählings, hast du's nachher zu büßen. Nein! Mit Schweigen besänftige deinen Sinn! Daraus folgert er: „Indem wir uns in Tafeln wie diese versenken, werden wir freudig inne, daß der allbarmherzige Gott, der die Liebe ist, seine himmlische Tugenden nicht einem Volke allein zu eigen gegeben hat, sondern daß sein Erbarmen reicht, soweit die Wolken reichen und darum seinen Abglanz findet in den Menschenherzen allüberall." Es wäre freilich eine starke Verblendung auf jüdischer Seite, wollte man Uebungen der Nächstenliebe nur im Umkreis der biblischen Religionen finden. Wo es Menschen gibt, gibt es auch Nächstenliebe. Denn es liegen in jeder Menschenbrust gute und edle Instinkte und Triebe. Auch bei heidnischen Völkern haben wir herrliche Zeugnisse für die edelste Menschenlugend, die Liebe zum Nächsten. Häckel hat in den Welträtseln eine Reihe von vorchristlichen Zeugmssen zusammengestellt, welche das Liebesgebot einschärfen. Wie lautet dasselbe aber, von Konfutse bis zu Thaies und Aristoteles? „Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß andere gegen uns handeln sollen" oder negativ: „tue keinem andern, was du willst, daß er dir nicht tun soll." Aber damit tritt gerade der Unterschied vom biblischen Liebesgebot deutlich hervor. Denn für dies ist nicht mehr der Nutzen, das eigene Wohl, die Verhütung unerfreulicher Folgen egoistischen Handelns, auch nicht mehr das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Familie, Gesellschaft, Staat die Wurzel der Liebesübung, sondern diese hat religiöse Grundlage. Die Erfahrung göttlichen Erbarmens, göttlicher Liebe hebt den Menschen über sich hinaus, und so überträgt er die Liebe, die ihm selbst zuteil geworden ist, auch auf andere. Diese Liebe ist deshalb reiner, weil sie frei ist von allen selbsüschen Regungen. Wohl hat die alttestamentliche Religion gerade auf diesem Gebiet Schranken. Denn sind auch nach der mosaischen Schöpfungslehre alle Menschen Gottes Ebenbild, so hat das Judentum den Partikularismus doch nicht überwunden. Aber man lese nur die Schilderungen der werbenden und gewinnenden Gottesliebe im Buche des Propheten Hosea oder im fünften Buch Mose oder im 40. bis 60. Kapitel des Propheten Jesaia und zeige etwas ähnliches in irgend einem anderen Volke der Erde auf! Im dritten Vortrag holt Delitzsch noch einen neuen Pfeil aus seinem Köcher, um die alttestamentliche Frömmigkeit zu treffen. Es sind uns aus dem babylonischen Altertum eine Anzahl von Gebeten erhalten, in denen von Leiden und Unglück betroffene Menschen sich an die zürnende Gottheit wenden und um deren Huld und um Befreiung aus der Not bitten. Wegen der formellen und inhaltlichen Verwandtschaft mit den alttestamentlichen Bußpsalmen pflegt man sie die babylonischen Bußpsalmen zu nennen. Wiederum behauptet nun Delitzsch, diese ständen auf gleicher religiös-sittlicher Höhe wie die alttestamentlichen. Da aber die Frömmigkett der israelitischen Psalmen der der Schriftpropheten nahe verwandt ist, so kann Delitzsch auch auf dieser höchsten Stufe israelitischen Glaubens nichts das babylonische Religionswesen Ueberragendes anerkennen. „Jeder, der vorurteilsfrei den Tatsachen gegenübersteht, wird zugeben, daß der Inhalt des Begriffes „Sünde" oder, anders ausgedrückt, daß die Summa alles dessen, was der Mensch zu tun und zu lassen vor Gott und Menschen verpflichtet ist, in Babel wie im alten Testament vollkommen gleich ist." Das ist ein kühnes Wort, das leider im Widerspruch mit den Tatsachen steht. Schon der Polytheismus, den wir durchgängig in den babylonischen Bußpsalmen finden, stellt diese weit unter die Religion Israels. Eines dieser Gebete trägt die Unterschrift: „Bußpsalm von 65 Zeilen, Tafel für jedweden Gott" und beginnt : Daß meines Herren Herzens Zorn sich besänftigte! Daß der mir unbekannte Gott sich besänftigte! Die mir unbekannte Göttin sich besänftigte! Bekannter und unbekannter Gott sich besänftigte! Bekannte und unbekannte Göttin sich besänftigte! Wie kann ein persönliches Verhältnis zwischen Mensch und Gottheit bestehen, wenn viele Gottheiten von dem Menschen beleidigt sein und ihm zürnen können, wenn im Pantheon erst die Gottheit ausfindig gemacht werden muß, die Leid über den Menschen verhängt hat? Wie ist eine Schätzung individueller Sünde möglich, wenn dies Gebet jedwedem Gott, jedweder Göttin gegenüber, also auch bei jeder Uebertretnug brauchbar ist? Dann ist es nicht mehr als tine liturgische Formel. Ferner aber, bei dem Beter der biblischen Psalmen kommt es zum Ausdruck, daß die Sünde, deren er sich anklagt, seine ganze Persönlichkeit befleckt hat, und daß er nach innerer Reinigung strebt. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, Und gib mir einen neuen gewissen Geist. Verlangst du doch Wahrheit im Innern, So tue mir denn im verborgenem Herzen Weisheit kund Vergebens suchen wir nach solchen Worten beim baby tonischen Beter. Ihm ist die Sünde etwas dingliches, etwas, das man wie ein Kleid von sich abstreifen kann. „Der Vogel trage zum Himmel sie empor." Um Sündenerkenntnis müht er sich nicht ab. An der Strafe, die ihn getroffen hat, ersieht er, daß eine Gottheit ihm zürnt. Von diesem Zorn will er loskommen, die Folgen der Sünde sind ihm das Drückende. Er weiß oft nicht, womit er eine Gottheit erzürnt hat. „Die Sünde, die ich getan, kenne ich nicht." Durch kultisches Tun will er die Gottheit bewegen, ihm wieder ein gnädiges Antlitz zuzuwenden. Wo bleibt da die Ethik der alttestamentlichen Propheten und Psalmensänger, die von einem geängstigten Gewissen ihren Ausgang nimmt, die das Innenleben erneuern, Wesen und