Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 384. Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. (am oberen Euphrat), in denen es sich hauptsächlich um Geschenksendungen und um Heiraten asiatischer Fürstentöchter mit dem Pharao handelt, ferner aber Briefe palästinensischer Fürsten an den ägyptischen Großkönig, welche zeigen, daß Palästina damals eine Provinz des ägyptischen Reichs war. Diese Tafeln, aus der Zeit etwa um 1400. vor der gewöhnlichen Zeitrechnung stammend, sind in Keilschrift und in babylonischer Sprache geschrieben, sie zeigen also, daß um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends das Babylonisch nicht nur die diplomatische, sondern auch die Verkehrssprache des Orients — einschließlich Palästina — gewesen ist, wie es etwa tausend Jahre später das Aramäische wurde. Wie hoch aber haben wir danach die Einflüsse der babylonischen Kultur überhaupt in jener Periode anzuschlagen! Neue Belege hierfür sind neuerdings durch die Grabungen Sellins auf dem Tell Ta'anek in Palästina gefunden worden. Wir wußten und wissen, daß babylonisches Maß, Gewicht, Geld und vieles andere schon im sechzehnten Jahrhundert vor Christo in Syrien und Palästina verbreitet war. Auf diesem Gebiet bereichert Delitzsch jetzt unser Wissen. Er bringt neues Material herbei, durch treffliche Nachbildungen babylonischer Funde veranschaulicht. Da treten biblische Persönlichkeiten, Oertlichkeiten, Leben, Sitte, Kriegführung, Tracht religiöse Verehrung der orientalischen Völker greifbar uns vor Augen. Es wird darauf verwiesen, wie nahe die babylonische und die hebräische Sprache verwandt sind und wie reiche Befruchtung das Verständnis des alttestamentlichen Textes durch die Keilschriftforschung erfährt. Es werden Völker wieder vor uns lebendig, wie die Sumerier, welche bedeutsamen Einfluß auf die babylonische Kultur und damit die israelitische geübt haben, aber dem Gesichtskreis der Bibel bereits entschwunden sind, trotzdem auch die hebräische Sprache Lehnwörter aus dem Sumerischen enthält (hechal Tempel, kisse Thron). Es werden historische Unrichtigkeiten in der Erzählung biblisch.r Bücher nachgewiesen und auf Grund der Kenntnis der babylonischen Geschichte einzelne Stellen besser erklmt. So versteht Delitzsch mit dem französischen Archäologen Clermont-Ganneau und anderen das Wort im Daniel-Buch: mene mene tekel ü-pharsin aus dem Gegensatz zwischen dem großen König von Babylon, Nebukadnezar, und seinem minderwertigen Sohn Nabuna'id: „Es ist gezählt worden eine Mine, ein Sekel und Halbminen". Es war dies ein jüdischen Kreisen entstammendes Wort, welches die ganze Geschichte des Chaldäerreichs summarisch zusammenfaßte. Eine Mine, d. h. ein großer König; ein Sekel, d. h. ein minderwertiger Köuigssohn, und Parsin enthält ein Wortspiel zwischen „Halbminen" und Perser und deutete auf die Teilung des Reichs unter Meder und Perser hin. Auf diesen Teil seiner Erörterung legt Delitzsch selbst aber nicht das Hauptgewicht. Er will auch zeigen, daß das Volk Israel in seinen religiösen Anschauungen und Gebräuchen von den Babyloniern abhängig ist. Namentlich weist er auf die Entlehnung des Sabbattages aus Babylon, der Sagen von der Weltschöpfung und der Sintflut und der biblischen Engellehre. In der Tat liegt hier Abhängikeit der israelitischen Religion von Babel vor, wie man sich diese Einflüsse auch im einzelnen vermittelt denken mag. Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel weist ja selbst nach Babylon. Die Grundzüge der babylonischen Weltschöpfungs- und Flutepen kehren in den entsprechenden biblischen Erzählungen wieder. Das biblische tehom, die Tiefe, über der Finsternis schwebte I. Mose 1, 2, ist dasselbe Wort wie die babylonische tiamat, das finstere, chaotische Urwasser, das im Anfang der Dinge wogte und das meist als Drache personifiziert wurde. Aber auch wenn alles dies eingeräumt wird, so folgt noch keineswegs daraus die Gleichstellung der israelitischen und der babylonischen Religion in diesen Punkten. Mehr als 95 pCt. des Inhalts unseres Geisteslebens ist fremdes Eigentum. Wir stehen in Anschauungen, Denkart, Wollen, Empfinden, Urteilen in der weitestgehenden Abhängigkeit von unserer Umgebung. Aber all dies an uns Herantretende assimilieren wir von innen heraus und gestalten es zu einer vielleicht die disparatesten Elemente umschließenden Einheit. Und gerade dies Persönliche, was wir hinzutun, gibt uns die Eigenart und unterscheidet uns von unserer Umgebung. So hat auch Israel viel, viel Fremdes angenommen, und doch eignet gerade diesem Volk eine es vor allen antiken Völkere auszeichnende Individualität. Die Elemente, welche es entlehnt hat, hat es im Schmelztiegel seiner Eigenart umgeformt und neu gestaltet; diese Eigenart liegt aber auf religiösem Gebiet. Dies Volk ist tief durchdrungen von dem Bewußtsein der göttlichen Erwählung, und damit hängt zusammen das Bewußtsein, einer besonderen Offenbarung Gottes gewürdigt worden zu sein. Wir haben hier nicht theologische Untersuchungen zu führen, sondern betrachten das Problem von einem allgemeinen Gesichtspunkt aus. Gerade aber, wenn wir rein religionsgeschichtlich den Inhalt des religiösen Glaubens und Lebens im Volk Israel würdigen, zeigt sich seine besondere Bedeutung. Delitzsch sieht das nicht. Es geht ihm wie dem Dichter, der sein ganzes Interesse dem Helden seines Stückes zuwendet und dessen Charakter mit den auszeichnendsten Eigenschaften schmückt, darüber aber die anderen Personen nur skizzenhaft darstellt. Den Assyriologen hindert seine Begeisterung für das Volk, dem sein Studium gewidmet ist, dem Unterscheidenden des Volkes Israel gerecht zu werden. Wo bleibt in der biblischen Schöpfungsgeschichte das mythologische Beiwerk von der Götterversammlung, dem Ungeheuer aller Art gebärenden Drachen, der Verwirrung und Angst der Götter, dem Zweikampf Marduks mit Tiamat und der Schöpfung von Himmel und Erde aus dem Leib des getöteten Drachens? Hier tritt uns entgegen der Eine, Ewige, dessen machtvolles Schöpferwort Himmel und E>de und was darinnen ist, aus dem Nichts zum Dasein rust, der den Menschen schafft nach seinem Ebenbild. Wo bleibt bei der Flutsage der Bibel das häßliche Göttergezänk des babylonischen Epos? Stttlich religiös wird hier das Eingreifen Gottes motiviert. Was ist aus der Sabbatinstitution in Israel geworden? Der Tag der Erinnerung an Gottes Ruhm von der Schöpfung, der Tag der religiösen Sammlung und der Bestätigung im Sinn der Humanität. In derselben Zusammenstellung wie im fünften, sechsten und siebenten Gebot des biblischen Dekalogs finden wir auch in Babylonien — wie übrigens auch anderwärts — die Gebote: „Du sollst das Blut deines Nächsten nicht vergießen, du sollst dem Weib deines Nächsten dich nicht nahen, du sollst das Kleid deines Nächsten nicht an dich reißen". Auch Analogien zum vierten Gebot, der Ehrung der Eltern, zum achten „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" und zum neunten und zehnten „Du sollst dich nicht gelüsten lassen deines Nächsten Haus, Weib, Gesinde" usw. lassen sich in Hammurabis Gesetzen Nachweisen. Und doch hat der Dekalog seinesgleichen nicht in einer anderen Religion, geschweige im Gesetzkodex Hammurabis. Während es sich in diesem um bürgerliche Rechtsordnungen handelt, ist hier der Ausgangspankt und die ganze Orientierung eine religiöse. In wenigen Sätzen, in lapidarem Stil werden die Hauptforderungen des religiösen Glaubens und des sittlichen Handelns ausgesprochen. Das Zehngebot enthält die Forderungen, die Gott an sem