Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift siir die Kesümtiiitereffeit des Iiideiltlims. Webst dem Weibl'crlt: Jüdisches Littercrlcrr-bi'cltt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Wertin ( 'giofe-&Ua$e 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen Urrnrmer 28 Kerlin. 14 Juli 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adresse Israelitische Wochenschrift _Berlin C., Rost-Straffe 3. Inhalt. Artikel: Babel und Bibel. — Die ersten jüdischen Schüler an ösfenttlchen Schulen und der Privatunterricht. — Die Kommission für die Judenfrage in Rußland. — Der Aberglaube bei den Juden — Aegyplln und die Bibel — Literarisches: Meyers Großes Konversations-Lexikon. — Politik: Bildlich nur bildlich. — Vom Dreschgrafen Pückler-Klein-Tschirne. — Jüdische Studentenverbindungen. — Eine Deputation von Rabbinern aus Böhmen. — Eine Denkschrift der Moskauer Juden. — Denkschrift der rufst! chen Juden an die Vertreter der Semstwos. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Zwei Festabende. Novelle von Jda Barber. — Inserate. Babel und Bibel. Der durch Delitzsch entfachte Streit über „Babel und Bibel" läßt die Gemüter immer noch nicht zur Ruhe kommen. In der wissenschaftlichen wie in der theologischen, aber auch in der allgemeinen politischen Presse nehmen immer wieder neue Forscher das Wort, um teils für, teils gegen Delitzsch zu streiten; doch ist die Zahl der letzteren ständig im Wachsen begriffen. So hat auch jetzt wieder Professor Dr. Paul Feine in der „Neuen fr. Presse" seine Anschauungen über das Ergebnis des Babel Bibel-Streites niedergelegt. Feine weist zunächst auf den ungeheuren buchhändlerischen Erfolg der Delitzsch- Broschüren hin — 200 000 Exemplare sind in deutscher Sprache verbreitet worden — und meint, der Grund des ungeheuren Aufsehens, den diese Vorträge machen, liege in dem offenen Kampfesruf, dem Fehdehandschuh, den Delitzsch der gesamten gebildeten Welt in seinem Programm hingeworfen. Und welches ist nun das Ergebnis des Streites? Man kann heute, drei Jahre, nachdem die Frage ausgerollt worden ist, schon ganz gut sehen, was dabei herauskommt. Auf dem Gebiet der Religionsgeschichte wird in der Gegenwart mit größtem Eifer gearbeitet. Literaturgeschichte, Ethnographie, Geographie, Geschichtsforschung, Archäologie reichen sich die Hand, um unsere Erkenntnis der Religionen fremder Völker und vergangener Zeilen zu vermehren. Besondere Bereicherung haben wir den auf dem Boden der antiken Kulturvölker unternommenen Grabungen zu verdanken, und wiederum sind hier von hervorragender Bedeutung die Funde, die aus der Nacht der assyrischen und babylonischen Trümmerstätten ans Tageslicht gezogen werden. Delitzsch ist ein hochangesehener Assyriologe. Seiner Tatkraft gebührt das Hauptverdienst, wenn sich auch die deutsche Wissenschaft seit Jahren in erfolgreicher Weise an den Grabungen auf den Ruinen Babylons beteiligt. Auch kann man sein Unternehmen, die Ergebnisse der affyriologischen Forschung für die Bibelwissenschaft zu ziehen und breiteren Kreisen zugänglich zu machen, nur willkommen heißen. Wie sollten wir uns nicht freuen, wenn eine richtigere Erkenntnis der Geschichte, der Kultur, des Lebens, des Schrifttums — und auch der Religion des Volkes Israel gewonnen und über die engen Kreise der Gelehrtenzunft hinaus verbreitet wird? Alle Wissenschaft, die theologische selbstverständlich eingeschlossen, will nur der Wahrheit dienen. Was sich nicht vordem Forum des strengen Wahrheitssinns bewährt, verdient beiseite gestellt und verworfen zu werden. Eine doppelte Wahrheit aber, eine esoterische und eme exoterische, gibt es auch bei uns nicht. Was festes wissenschaftliches Ergebnis ist, hat volles Recht auf allgemeine Verbreitung. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Geschichte Israels nicht isoliert zu betrachten ist, sondern im Zusammenhang mit dem Leben der benachbarten großen Weltmächte. Ebenso ist es zweifellos, daß die Kultur dieser Mächte Israel auf das stärkste beeinflußt hat. Aber das ist keine neue Erkenntnis, die uns erst Delitzsch gebracht hätte, sondern alle, die seit zehn oder zwanzig Jahren religionsgeschichtliche und theologische Studien gemacht haben, sind schon in diesem Sinn belehrt worden. Das Volk Israel bildete keine abgeschlossene Insel innerhalb der Völkerwelt des alten Orients, sondern seine Geschichte ist eng verflochten mit der Weltgeschichte. Israel ist tief in den Strom der Ereignisse hineingezogen worden. Seine Lage in der Mitte zwischen den zwei Weltreichen Aegypten und Babylonien bedingte es, daß mehrfach gerade auf seinem Gebiet, auf der weiten Ebene, die sich östlich vom Berg Karmel in der Richtung gegen den See Genezaret erstreckt, weltgeschichtliche Entscheidungsschlachten geschlagen worden sind. Vor einer Reihe von Jahren (1887) hat man in den Stadtruinen von Tell Amarna in Aegypten Tafeln aus dem Archiv der Könige Amenophis III. und IV. gefunden. Darunter befinden sich Briefe der Könige von Babylon, Assyrien, Mitäni