Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 375 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27 Israelitische Wochenschrift. Seite 376. Ob die kleineren Gemeinden ein solches Bedürfnis nicht zuweilen auch haben und ob sie alle nicht mehr verlangen, als daß ihr Kultusbeamter im gewöhnlichen Sinn nur Kantor, Schochet und Religionslehrer sei (ich könnte manches Beispiel vom Gegenteil anführen), will ich dahin gestellt sein lassen. Aber selbst angenommen, es wäre dies der Fall. Soll darum der Kantorenstnnd der Verdummungstheorie huldigen? Soll kantorale Wissenschaft und kantorale Kunst absichtlich niedergehalten werden, damit die Gemeinden nur geringe Gehälter zu zahlen brauchen? Soll in dem Kantor der kleinen Gemeinde jeder Drang nach Verbesserung und Vervollkommnung seines Wissens und Könnens erstickt werden? Nein, es ist kein Luxus, wenn auch der Kultusbeamte der kleinen Gemeinde ausgestattet wird mit einem fachwissenschaftlichen Fond, der ihn befähigt, weiterzustreben, der ihm eine Unterlage bietet, von welcher aus er, unabhängig von den Bedürfnissen seiner Gemeinde, sich fortbilden kann. Schlimm wäre es um die Fortentwicklung des Kantorenstandes und auch um die Ausgestaltung des jüdischen Gottesdienstes bestellt, wenn der Kantor damit zufrieden wäre, sich eben nur so viel kantorale „Handwerksmäßigkeit" anzueignen, wie er für seine jeweilige Stellung nötig hat. Wie die Lehrer, welche nur A-BC-Schützen zu unterrichten haben, wie die Dorfschullehrer gleich den städtischen Volksschullehrern ihre wissenschaftliche Bildung und ihre technischen Fertigkeiten in gleichem Maße durch eine Prüfung dokumentieren müssen, so muß auch für alle Kantoren ein Minimum fachwissenschaftlichen Wissens und Könnens festgelegt und angestrebt werden. Nicht nur im Interesse der Weiterentwicklung seines Standes ist es kein Luxus, wenn der Kantor in seiner Bildung gehoben wird; er hat auch die kulturelle Aufgabe, durch eigenes Aufwärtsschreiten auf den Sinn für das Bessere, Schönere und Edlere in seiner Gemeinde fördernd einzuwirken. Dadurch wird sich eine Wechselwirkung zwischen Kantor und Gemeinde ergeben, die zur Folge haben wird, daß auch die kleinen Gemeinden nicht mehr mit jedem Kantor, Schochet und Religionslehrer sich begnügen werden und daß das Verlangen nach fachmännisch gebildeten Kantoren immer allgemeiner werden wird. Es ist darum kein Luxus, wenn für alle Kantoren eine bessere Fachbildung erstrebt wird. Es gibt kein „Vorwärts" in einem Stande, wenn ihm nicht ein „Aufwärts" vorangeht. Dieses Aufwärts neben dem Vorwärts erstrebt der in Berlin neu organisierte Kantorenverband in Deutschland. Nicht „Luxuskantoren" will er herangebildet wissen, sondern einen Kantorenstand auf wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage, der vor sich selbst Achtung haben kann und der die Beachtung der gebildeten Welt sich zu erringen im stände ist. Heule-Hamburg. Englischer Brief. Wissen Sie vom kleinen Mischa Elman, dem russischen Violinisten? Der Sohn eines armen Lehrers aus dem Ansiedelungsbezirk kommt nach London; ohne ein Wort Englisch macht er sich in Tönen verständlich; ja, er spielte vor einer Königin und zwei Königen. Das machte ihm besonderes Vergnügen. Daß Alexandra ihn hören wollte, wunderte den kleinen Mann nicht; sie liebt Musik. Aber daß Eduard sich die Mühe nahm, mit Alphons von Spanien sich seine Geigentöne gefallen zu lassen, das wunderte Mischa Elman. Er hat noch nie Furcht gehabt; aber an dem Tage hat sein kleines Herz doch etwas gebebt. Nachher reichte ihm die Königin die Hand und sagte: Oh, you have played wonderfully! — Haben Sie von Herbert Horwitz gehört? Er ist ein Maler — alle seine Geschwister haben sich auch in der Kunst bewährt. Viel bewundert wird sein Bild „the Captive“. Einfacher Hintergrund — ein Felseneiland — bewölkter Himmel — rechts das Meer — vorne eine Griechin, die Hände gefesselt, gefaltet, am Strande „das Land der Griechen mit der Seele suchend." Was ging Horwitz die Griechen an? Es wundern sich manche, daß er sich nicht einen jüdischen Vorwurf gewählt hat! Aus seiner tiefsten Seele stammt er sicher. Ohne es vielleicht zu wollen hat er das Schicksal und die Sehnsucht Israels verkörpert. Wie hätte er sonst so etwas malen können? Wie hätte er weite Kreise anziehen können? — Wissen Sie etwas von der Hochzeit des Rev. Dr. H. M. Lazarus und Miß Ada Eohen? Sie ist die Tochter des Dajan Cohen, hat sich in Sachen der Jugenderziehung sehr bewährt, ebenso in Wohltätigkeitsangelegenheitcn. Ihr Bräutigam kam vor einigen Jahren ohne ein Wort Englisch aus Rußland herüber und hat doch alle Stufen bis zum cum laude der Universität mit Glanz erstiegen, ebenso das Jews College mit Auszeichnung durchgemacht. Der Chief-Rabbi und der Bruder der Braut vollzogen die Trauung in der großen Synagoge, die von einem hervorragenden Verwandten- und Freundeskreise erfüllt war. Welche Teilnahme und Warmherzigkeit in dem großen London! Das Brautpaar kam bildlich in die Zeitung — ein stattliches Paar! — und da konnten Sie alles bis auf das weiße Merveilleuxkleid und die Brüsseler Spitzenweste der Braut lesen. Die Kenntnis der Stoffe für Brautkleider muß ich mir nur für die Zukunft noch aneignen. Weil ich Ihnen aber von Jews College geschrieben. Die Preisverteilung an die Hörer ist diesmal zu einer bedeutungsvollen Feier geworden. Eine glänzende Gesellschaft hatte sich zusammengefunden. » Herr Hochmann hielt einen Vortrag über Maimonides — die Preisverteilung ging vor sich — feststehende Jahrespreise aus Stiftungen. Dann hielt Sir Francis Montefiore eine Ansprache. Er freute sich über die bevorzugte Stellung des seit 50 Jahren bestehenden Colleges, machte aus den nicht zu unterschätzenden Einfluß aufmerksam, den der Rabbiner, streng im Kreise seines Amtes und seiner Aufgabe bleibend, ausüben könne. WaS die Fremdcn-Bill anbelangt, sei cs ein Trost, daß die Anglo-Jewish Association und der Board of Deputies so viel zur Milderung der Leiden unserer Glaubensbrüder haben t tun können. Man müsse auch weiter Vertrauen haben. Alle Juden müßten durch Geist und Tat beweisen, daß sie die Gastfreundschaft dieses Landes wohl verdienen. Die Rede des Chief-Rabbi enthält eine bemerkenswerte Stelle. Wir dürfen keinen Index lihrorum prohihitoi um Haben, dürfen keine unwissenden Finsterlinge in die Welt schicken ohne Fühlung mit neuzeitlichen Gedanken. Die neue Bibelwissenschaft muß im College auch behandelt werden. Man muß aber lernen, ihre Ergebnisse nicht zu überschätzen und die Zöglinge mit Geisteswafsen gegen die Uebertretungen der Bibelkritik nusrüsten. Er wies auf den Levitikus des Rektors Dr. Hoffmann in Berlin hin und mahnte daran, in diesem Geist zu forschen. „Soll ich zweifeln und zerstören, ehe ich die Sache .überhaupt verstehe?" Mit Ehrfurcht und Bescheidenheit forschend an das heilige Buch herantreten! Die ewige Sendung des Judentums wird sich so am besten erweisen. Ich habe aus den geschilderten Gegenständen nur einiges herausgegriffen, denn ich will Sie nicht langweilen. Wohin bin ich vom kleinen Mischa Elmann und dem Brautkleide von Miß Cohn gekommen? Sie merken, es ist sehr heiß und es ist sehr heilsam, wenn ich schließe.