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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · p. Seite 374

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
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Seite 374. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. In der Erkenntnis, daß meine Glaubensgenossen infolge der Jahrhunderte währenden Unterdrückung und Ausschließung von Handwerk, Industrie und Landwirtschaft, von Beamtenstand und ähnlichen Berufen sich notgedrungen dem Handel zuwenden mußten, daß es aber im Interesse meiner Glaubensgenossen und des Vaterlandes liegt, wenn sie sich allen rechtlichen Berufszweigen widmen, ordne ich als Zweck der Stiftung an: Hand- und Fabrikarbeit, Handwerk, Landwirtschaft, Garten- und Obstbau unter den Israeliten im größeren Umfang zu verbreiten. Aus den Einkünften der Strftung sollen: a) Israelitische Kinder vom frühesten Alter an, namentlich in den Volksschulen, in jüdischen Waisen- und Erziehungsanstalten, auch insbesondere durch Handfertigkeitskurse oder in sonstiger Weise Handfertigkeitsunterricht erhalten, sowie in den Handgriffen des Garten- und Obstbaus und, wenn angäng, auch in Landwirtschaft unterwiesen werden. b) In Lehrer-Bildungs- und Vorbereitungsanstalten oder in sonstiger Weise sollen angehende jüdische Lehrer praktische Kurse in Handfertigkeitslehre, in Garten- und Obstbau, Bienenzucht und, wenn angängig, auch in Landwirtschaft durchmachen; insbesondere sollen solche Anstalten, falls dieses zweckmäßig erscheint, Garten- und Ackerland zu Eigentum oder pachtweise erwerben, um die zukünftigen oder auch bereits tätigen Lehrer für die Heranziehung der Jugend zum Landbau und zur Handfertigkeit zu befähigen. Es können solchen jüdischen Lehrern Prämien zuerkannt werden, die mit besonderem Eifer, Geschick und Erfolg Unterricht in Gartenbau und Handfertigkeit an jüdische Schüler erteilen. c) Würdigen, 'befähigten, bedürftigen israelitischen Arbeitern, Handwerkern, Landwirten und Gärtnern sollen zur Ausbildung ihres Berufs, namentlich beim Beginn ihrer Tätigkeit insbesondere in Form von Darlehen, Vorschüsse gewährt werden; je nach den Umständen zu niedrigem Zinsfuß, ausnahmsweise auch unverzinslich. Die zurückgezahlten Darlehen sollen dem Stiftungsvermögen zugeschlagen werden. cl) Ein Teil der Einkünfte der Stiftung kann nach bestem Ermessen des Stiftungsvorstands für allgemeine Zwecke des Garten- und Obstbaues verwandt werden. Der Stiftungsvorstand soll auch ermächtigt sein, einen Teil der Einkünfte zur Erteilung von Handfertigkeit und Gartenbauunterricht an außerdeutschen israelitischen Schulen zu verwenden. Hierbei soll in erster Linie Galizien ins Auge gefaßt werden. Ich bestimme folgende Vermächtnisse: 1. dem Hilfsfonds für 'ehemalige Lehrlinge der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem (emgetr. Verein) den Betrag von 100 000 Mark, 2. der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem die Summe von 100 000 Mark. Ich beschränke nach reiflicher Ueberlegung meine Zuwendung auf diesen verhältnismäßig geringfügigen Betrag, weil ich den dauernden Bestand der Anstalt nUr dann für gesichert halte, wenn sie von allen Glaubensgenossen als Gemeingut betrachtet und unterstützt wird. Moritz Simon war nicht nur der Begründer der Anstalt Ahlem, er war mehr; er war der erste rastlose Arbeiter an dieser. Weder Sturm noch Unwetter vermochten den bald Siebzigjährigen zurückzuhalten, die Anstalt täglich zu besichtigen! und über die einzelnen Vorgänge in ihr sich zu unterrichten. Er gehörte nicht zu den Philanthropen, die, dem momentanen Gefühl des Mitleids folgend, ihre Wohltaten üben, sondern in ihm verwandelte sich die Idee der Wohltätigkeit in die Idee der sozialen Arbeit. Und daher wollte er sein Wirken auch nicht als ein Akt der Wohltätigkeit betrachtet wissen, sondern ihn bestimmte hierbei einzig und allein die soziale Hebung eines Teils unseres jüdischen Proletariats. Und für die Ausführung dieses Gedankens spendete er nicht nur seine materielle Unterstützung, sondern, was alles andere übertrifft, er opferte hierfür seine ganze Persönlichkeit. Er war im wahren Sinn des Wortes ein Apostel seiner Idee, der zuweilen unter Verkennung und Anfeindung, mit Selbstverleugnung und Aufopferung seiner Mission die Wege ebnete und ihr bis zu seinem Tode unerschütterliche Treue bewahrte. Und als Apostel beherrschte ihn auch ein nie ermattender Bekehrungseifer für die Bedeutung seines Werkes. Keine Arbeit war ihm zu groß, keine zu gering, wenn es galt, für seine Anstalt einen Freund und Anhänger zu gewinnen. Er suchte sie von der Straße auf, holte sie aus der Ferne herbei, knüpfte überall Beziehungen an im Interesse von Ahlem und benutzte selbst seine Erholungsreisen zur Verbreitung und Förderung seiner Ideen. So arbeitete der Edle im Dienst der guten Sache und verstand es, durch sein Vorbild auch andere dafür zu gewinnen. In treuer Erinnerung wird er bei denen bleiben, die mit ihm gearbeitet, und mit dem Werk, das er geschaffen, wird füralle Zeiten unzertrennbar sein der Name Moritz Simon. Linus -Kantoren. Dieses Wort, das auf dem ersten deutschen Kantorentag in Berlin geprägt worden ist, hat beim oberflächlichen Hören etwas Bestechendes, so daß es begreiflich erscheinen konnte, wenn es in seiner satirischen Anwendung einen frappierenden Beifall si-ch erringen durfte. Ziehen wir aber den Ernst der Sache in Betracht und machen wir uns klar, welchen Begriff dieses Schlagwort decken soll, so möchten doch Bedenken aufsteigen, ob es der Sachlage entspricht, und ob es nicht gefährlich ist, einem solchen Schlagwort, das so leicht mißverstanden werden kann und das auf die in Flußger atene fortschreitende Entwicklung des Kantorenstandes, einen hemmenden Einfluß zu üben, im stände sein kann, Berechtigung zuzuerkennen. Solche Befürchtungen sind um so schwerwiegender, wenn wir den Zusammenhang Herstellen, in welchem der betreffende Redner den Ausdruck gebraucht hat. Er meinte, wir brauchen keine „Luxuskantoren" auszubilden, weil die meisten (kleinen) Gemeinden Kantoren nötig haben, die zugleich Schochtim und Religionslehrer sind. Das heißt also soviel als: Alle diejenigen Kantoren, die Höheres erstreben, als Kantor, Schochet und Religionslehrer in kleineren Gemeinden zu sein, sind als Luxuskantoren zu betrachten. Unter Luxus versteht man bekanntlich Prunksucht, Verschwendung. Aber nicht der Luxus, die Prunksucht sind es, welche große und mittlere Gemeinden durch die Anstellung eines Kantors, Schochets und Religionslehrers (im gewöhnlichen Sinn) nicht befriedigt erscheinen lassen, sondern es hat sich bei ihnen durch die zeitlich veränderten Verhältnisse das Bedürfnis ergeben, einen Kantor zu suchen, der wissenschaftlich, musikalisch und stimmlich gebildet ist und der durch solche Eigenschaften befähigt ist, auch gesellschaftlich repräsentabel zu sein. — Was aber aus inneren Gründen zum Bedürfnis geworden, ist, kann nimmermehr als „Luxus" bezeichnet werden.

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