Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 13. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Gottesgedanke auf alle Erscheinungen der Zeit und der Geschichte anzuwenden ist, indem die Bibel keinen abgeschlosssnen Gedankenbau, sondern bei aller Bestimmtbeit ewige Rätsel enthält, die von jedem Zeitalter anders gelöst werden. Das Judentum mußte unter Hemmnissen bestehen — darin lag seine Festigkeit. Es lebte mitten unter den Völkern und erkannte deren Verschiedenheit. Alle diese Umstände haben seinen Geist beeinflußt, und die Notwendigkeit, bei der Bibel stehen zu bleiben, rief die Soferim und alle Deutungen des jüdischen Schrifttums, .schließlich das Verbältnis zur Philosophie und zur Sprachwissenschaft hervor. Fremdes wurde verarbeitet, aber das Wesentliche blieb stetig. Für Anschauungen, die dem Hauptgedanken fremd waren, hatte die Lehre Israels keinen Raum. Für dies Stetige wurde gekämpft und gelitten. Selbständigkeit gepaart mit Empfänglichkeit n acht das Wesen Israels aus. Sein Werden hat eine Geschichte. Die niederen Stufen, die man da entdecken mag, sind nur Zeugen für die zurückgelegten Bahnen. Das Wesen liegt nicht in dem Einst, sondern in den höchsten erreichten Zielen. Bei aller Innerlichkeit ist nicht ein Dogma Grundlage des Judentums, ja, nicht einmal das Gefühl mit dem inneren Erlebnis, sondern die Tat ist das Zeugnis des gottgefälligen Lebens. Die Erfahrung ist für die Religion ein gutes Mittel, Stimmungen kommen den Gläubigen in ihr, wie anderswo, aber sie werden nicht gerufen, nicht herbeigezwängt; sie dienen nicht einem falschen Wortbekenntnis. Offenbarung und Weltreligion scheinen auf den ersten Blick Gegensätze zu sein, aber im Judentum begegnen sie einander. Der sittliche Gottesgedanke und seine Betätigung ist Israel als Ziel und Sendung übergeben; erwählt sein, heißt eine Pflicht haben, mit einer Wahrheit an einsamer und un־ günstiger Stelle stehen. Das ist Israels Los. Der Sittlichkeitsgedanke tritt hier nicht hauptsächlich aus Nützlichkeitsgründen, als Stütze der Gesellschaft auf, sondern als Ausfluß der Gottesaulfassung. Das Heidentum, welches die Außenwelt vergöttert, erkennt deren Erscheinungen im Guten und Bösen an: Die Gottes ein heit erhebt sich über das Vorhandene und verlangt Höheres. Soll nun Israel diese Wahrheit den Völkern verkünden, so ist sie eben an alle Völker gerichtet. Das Selbstbewußtsein Israels war eine Folge der Erkenntnis dieser seiner geistigen Stellung, darin lag sein Opfermut, sein Trotz jeder angeblich höheren Weisheit gegenüber. Und wenn es mit Stolz die griechischen Denker als Schüler der Thora ansah, so liegt in dieser Anschauung etwas ungemein Hohes und Rührendes, die unbedingte Wertschätzung der eigenen Lehre. Geschichtliche Erkenntnis in unserem Sinn war das nicht — aber die der Wissenschaft unentbehrliche Geschichtsforschung hat mit ihren Ergebnissen wenig Märtyrer geschaffen. Diese Auserwählung legt Israel hohe Pflichten auf und läßt es!stets auf die Gesamtmenschheit zur Betätigung des Kiddusch Haschern blicken. Man sieht übelwollend in uns eine von anderen abgegrenzte Gemeinschaft, während wir in jedem Jahrhundert und in jedem Lande anders aussehen. Wenden die Propheten ihr AVort an Israel^ so soll damit die Weltreligion vorerst begründet werden. Das gibt dem Auftreten der Propheten die Lebendigkeit und AVucht, daß sie sich an die Ihrigen wenden, und wer ihre eifernden Worte hart und unduldsam nennt, der vergißt, daß der Mensch Mensch bleibt und nie zum unbeweglichen Gott wird. Gerade die Verbindung der ewigen AVahrheiten mit dem Persönlichen gibt ihren Worten die hohe Kraft. Aus allen wilden Seelenkämpfen taucht immer zuletzt der Trost und die Liebe empor, und bei allem auf Israel Gestimmten ist die Sendung an die Menschheit nicht etwas Nebenherlaufendes, sondern eine den Propheten wohlbewußte Hauptaufgabe. So bekommt der Heldenmut des Judentums einen ewigen Zweck, er ist nicht mehr der Trotz der A7erstockten, sondern das Ringen nach höheren und edleren Zuständen der Gesamtmenschheit. Wir haben hier aus dem Bäckschen Buch den ersten Hauptteil in weitesten Umrissen behandelt. Der zweite Teil enthält ״Die Ideen des Judentums“ : 1) Der Glaube an Gott. 2) Der Glaube an den Menschen a) an uns, b) an den Nebenmenschen, c) an die Menschheit. 3) Die Erhaltung des Judentums. Lieber aus einem Teil die Hauptgedanken bringen, als eine zu nebelhafte Dar.egung des Ganzen — das ist ein Grundsatz, der uns gerade bei wichtigen^ Werken oft leitet. In Bäcks Schrift spricht nicht der vorsichtige Reichskammerkuecht, sondern ein selbstbewußtes Judentum in der Erkenntnis des eigenen Wertes. Unsere Leser werden wohl bemerkt haben, wie gerade die wunden Punkte, die man im Judentum bemerkt zu haben glaubt und immer wieder zu Angriffszwecken benutzt, hier als Zeichen des Vorzugs unserer Religion in den Vordergrund gestellt werden. Das Judentum ist staik und entwicklungsfähig! rufen die Einen. Das Judentum ist nur aus Fremdem erborgt! rufen die Andern. Das Judentum ist beides! sagt Bäck, und das ist sein Vorzug. Das Judentum kennt nur eine Lehre für Israel! sagen die Einen; das Judentum ist ein verwaschenes AATeltbürgertum! fabeln die Andern. Es ist Offenbarung und AVeltreligion! sagt Bäck. Dabei macht die Schrift nicht den Eindruck, als wenn darin mühsam die einzelnen Gedanken gesucht worden wären — die Sprache geht, vom Schulstaub wenig belastet, in glänzendem Satzbau daher und mit einer gewissen Vornehmheit bietet der Verfasser mehr Ergebnisse, als den Weg dahin. Der gebildete Leser wird ihn mit Vergnügen lesen, der Kenner wird ihn verstehen und Schritt für Schritt wissen, wohin er deutet. Dadurch erhält des Kampfes Ziel das Wesen des Selbstverständlichen, und dem dient ja der Zweck solcher Schriften. Harnack selbst wird (wie wir in Demut hoffen) mit Staunen seinen eigenen Stil vom vielseitigen Verfasser hier finden und wohl oder übel zu einer Schrift Stellung nehmen, die in Titel und Inhalt so stark auf ihn weist. Nur mit dom Unterschied : Bäck hat keine Drehungen und keine Gedankenkünste nötig — er kommt mit Tatsachen. Es wäre eine dankbare Aufgabe, die beiden Bücher ״Das Wesen des Judentums“ und ״Das Wesen des Christentums“ mit einander zu vergleichen. Unsere Besprechung dehnt sich aus, vrie wir sehen, weshalb wir auf einzelne Gegensätze zwischen dem Verfasser und unseren Ansichten hier nicht eingehen wollen. An eins aber möchten wrir erinnern: In einer Schrift, die nicht allein auf Juden, also nicht allein auf wohlwollende Leser rechnet, sollte doch eine Einleitung vorhanden sein, so wenig wir sonst für lange Eingänge schwärmen. Wir stehen Lesern gegenüber, die wir z. T. gewaltsam überzeugen müssen. Da heißt es am Anfang des Spiels die Bedingungen ״ausmachen“, wie die Kinder beim Haschen tun, um z m Schluß sagen zu können: Dixi! Und dann hätte der Verfasser mehr Belege anführen müssen Die Leute, die wir im Auge haben, wollen überzeugt sein und lassen sich ungern überzeugen. Allerdings sind die Nachw’eise an den Schluß gebracht — aber wrie schwer ist es, sie zu benutzen! AVohl vfird der Umfang des Buches durch den Teil ״unter den! Strich“ größer, und der Setzer segnet den Verfasser auch nicht für die ewigen Anmerkungen. Fragen des Umfangs belasten jüdische Verfasser vielfach, auch Fragen der Ausstattung. AVir können diese Bemerkung nicht unterdrücken. Hoffentlich v7ird eine baldigst vorzunehmende zweite Aufläge — bei einem Buch von diesem Wert und von solcher Verdienstlichkeit, von dieser Wichtigkeit für unsere Ehre und Stellung keine zu hochfliegende Erwartung — Gelegenheit bieten, eine Einleitung und Belege unter dem Text selbst zu bieten. Allerlei. Hie Assyrien, hie Babel! so hieß es vor kurzem in allen Tonarten. Aber die Welt erholt sich bald von solchen Augenblicksanwandlungen. Ueber die Bibel kann doch nur Palästina Auskunft geben. AVer hat eine Ahnun.׳ davon, daß der heilige Boden durch die Mühe der Ausgrabenden schon lange Zeit erforscht wird? Es ist eine stille, erfolgreiche Arbeit, die der Marktschreierei nicht bedarf. Ueber die Ergebnisse belehrt uns kurz und klar Professor D. E. Sellin in ״Der Ertrag der Ausgrabungen im Orient für die Erkenntnis der Entwickelung der Religion Jsraels“. A. Deichert, Leipzig (80 Pf.). Aber auch Aegypten soll nicht Zurückbleiben. Schon im vorigen Jahre erschien Wilhelm Spiegelberg, Professor. Der Aufenthalt Jsraels in Aegypten im Lichte der ägyptischen Monumente. Diese Schrift zeigt uns die rührige Deutsche Orientgesell-