Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 13. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Schriften zur Verteidigung des Judentums und seiner Lehre. 1. Zweiuudz winzigster Bericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Mit einer wissenschaftlichen Beigabe von Dr. J. Elb0gen. Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch, Berlin 1904. 2. Das Judentum und das Wesen des Christentums. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher, V, 170 Seiten. Berlin, Poppelauer• 3. Das Wesen des Judentums von Dr. Leo Bäck* 170 Seiten. Preis 2 Mk. (eleg. gebunden 3 Mk.). Berlin. Lamm. (2 und 3 sind Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) IV. Um dies unser Urteil über die Eschelbacher’sche Arbeit zu begründen, heben wir einige wichtige Bestandteile derselben hervor. Harnack steht als zu Bekämpfender vor den meisten heutigen Verteidigern des Judentums. Er wendet sich, wie Eschelbacher mit seinen eigenen Worten zeigt, gegen alle bestehenden Auffassungen des Christentums, um als Wesen desselben etwas unbedingt Neues und noch nie Behauptetes festzustellen. Und nun stellt sichs heraus, daß er alles das ablehnt und als nicht zum Christentum gehörig rechnet, was das Judentum von jeher abgelehnt hat, und daß er gerade das als wesentlich hinstellt, was die Judenchristen im Gegensatz zu den Paulinisten als Jesu ursprünglich Ueberlieferung festgehalten haben. Und der Inhalt dieses ״Wesentlichen?“ Er ist Jesu Person und Jesu Predigt. Von der Person Jesu aber entfernt Harnack all das Wunderbare, was die Beglaubigung seines Auftretens vor seinen Zeitgenossen bilden sollte, und hält von seinem Leben nur das letzte Jahr, auch in wesentlich eigenartiger Färbung fest. Behauptet er nun Jesu Gotteskindschaft als etwas, was mehr wert sein soll, als die edelsten Taten, so ist damit der Begriff der Göttlichkeit Jesu verbunden, der für sich in Folge dessen Gehorsam und Verehrung, Glauben an seine Messias- Stellung als Selbstzweck verlangt, das Verhältnis des Menschen zu Elternhaus und angeborenem Pflichtkreise als unwichtig im Vergleich zu seiner Verehrung ansieht. Soll darin, wie Harnack meint, der Wert der Menschenseele und das Hochgefühl der Verbindung mit Gott sich vereinen, so hat dies Gefühl keine menschlichen Tugenden ausgelöst — wohl war es aber weiterhin die Veranlassung, sich selbst als höher hinzustellen, als die, die nach Moses und anderen Propheten sich immer nur als Mittel betrachtet haben und Gottes Willen als Zweck. Der Messianismus ging nicht, wie es in Israel stets erwartet wurde, auf eine Besserung und Veredelung aller menschlichen Verhältnisse aus, sondern beseitigte die strenge Gotteseinheit, wurde zur Veranlassung blutiger Verfolgungen und bitteren Hasses und verdeckte unter dem Hervorkehren des vertretenden und versöhnenden Kreuzestodes dem Menschen den Ernst des eigenen sittlichen Strebens. Was in diesen Lehren als Hauptsache hingestellt wurde — was nämlich Harnack heute beseitigen muß, — dessen Leugnung war es gerade, die man dem Juden übelnahm. Wenn Harnack nun (u. A. aus dem Vaterunser) eine Anwendung dieser von ihm als wesentlich erkannten Grundsätze auf das ganze Leben, also ein Leben der Lehre als Hauptsache ansieht; wenn er jene über das Irdische sich weit erhebenden, es kaum berührenden Glaubensforderungen damit mit Erdenstaub und Erdgeruch versetzen will, so ist es Eschelbacher nicht schwer, an der Hand solcher Voraussetzungen zu zeigen, wie gerade diese Bestrebungen dem Judentum, seiner Lehre und seinem Schrifttum angeboren waren. Wurde es doch deswegen als irdisch und ungöttlich betrachtet, weil es dem Menschen das eigene freie sittliche Streben und den darin liegenden hohen Wert der Menschenseele zuteilte. Das, was in den jüdischen Schriften von jeher sich fand, also auch das Gefühl der unbedingten Verbindung mit Gott, die Wertung dieser Verbindung über alle Erdenfreuden und trotz aller Verhängnisse und Leiden — das soll mit einem Mal als etwas Neues, noch nie in dieser Weise vorher Bekundetes aus aus dem Christentum hervorgetreten sein. Der Jude hat diese Bestandteile seines Glaubenslebens stets bemerkt, hat siebetont — mit einem hohen Stolz als Vorzug betrachtet; Was das neue Testament anbelangt, so mußten erst so viele Jahrhunderte vergehen, bis ein Harnack das als wesentlich Betrachtete gegenstandlos machte und das wenig Bemerkte als das Wesen hinstellte! Solche Erwägungen ruft in uns das Vorgehen Eschelbachers hervor. Wir betrachten diese Teile auch als die Glanzpunkte des Buches. Er hat auch dargelegt, was schon andere ausgesprochen und gezeigt — er tut es mit Gründlichkeit, ihm entgeht das geringste nicht. Wir sind dazu gezwungen, uns zu wiederholen, weil die Angriffe auch immer das Gleiche betreffen. Ob z. P. die Juden oder die Römer Jesu Kreuzigung veranlaßt haben, ist eine Frage untergeordneter Art geworden. War es ein Gott, den sie getötet, so durfte ertrotz der menschliehen Natur die Schmerzen nicht fühlen. War es nur ein Mensch und wenn auch der größte und weiseste, so ist die Tötung des Propheten Sacharjia in Joas’ Zeit, die Tötung Eliesers aus Modin durch Bar-Kochba etwas ganz ahnliches, und jeder jüdische Märtyrer darf sagen, daß seine Tötung ein gleiches Unrecht ist. Aber wir lesen doch gern bei Eschelbacher, wie die Anklage gegen die Juden entstanden ist und wie das Wort ״Vater, verzeihe ihnen“ von der Nachweit an ihnen bewahrheitet worden ist. Eschelbacher wird der Erscheinung und Schilderung Jesu als eines edeln Menschen wohl gerecht — aber auch die Schriftgelehrten konnten ihm darin Vorbilder sein, abgesehen von den Propheten der Vorzeit — auch darf die werktätige Liebe des Judentums nicht verkannt werden — das neue Testament selbst zeigt uns die Witwe am Gotteskasten. Und so treten Jesu Grundsätze ganz im Zusammenhang mit der Denkart seiner Zeitgenossen, oft in deren engerem Ausdrucke auf. Seine Ansicht über die Scheidung ist z. B. schammaitisch. Die Strafreden gegen die Pharisäer treffen merkwürdiger Weise nicht die Machthaber, wie es die der Propheten getan. Wir hören auch wenig von Priestern. Man lese deshalb bei Eschelbacher den Nachweis, daß diese Auslassungen nachpaulinisch sind, wie ja auch die Bergpredigt des Mathäus die Arbeit eines späteren Zusammenstellers ist. Bei dem Heranziehen rabbinischer Lehren zum Vergleiche zeigt Eschelbacher, wie sie die höchsten Grundsätze geäußert, aber ohne Uebertreibung und darum ohne den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen zu verlieren. Man lese nur bei ihm von der rabbinischen Empfehlung der Arbeit. Begreiflich wird andererseits die katholische Ansicht, daß nur in den Klöstern die rechte Nachfolge Christi sich findet. Besonders lesenswert ist auch die Darlegung gegen Harnacks ״Weg des Christentums durch die Geschichte.“ Da sucht Eschelbacher ebenfalls den Abstand zwischen beiden Religionen geringer zu machen und den reichen von Palästina und Alexandrien ausgegangenen Einflüssen ihr geschichtliches Recht zu schaffen. Andererseits setzt er die Geschichtlichkeit so mancher Berichte in ihr rechtes Licht. Es würde außerdem einer besonderen Darstellung bedürfen, um den tiefgehenden und neuen Aufstellungen auch nur im Umrisse zu folgen, welche Verfasser über die paulinische Lehre, ihre Entwickelung und ihr Verhältnis zu dem Grundgedanken des Judentums bietet. Um nicht alles auszuschreiben, müssen wir es am Gesagten genug sein lassen und nehmen von dem Buche mit dem Wunsche Abschied, daß es mit dem Geiste der Mäßigung und Gerechtigkeit gelesen werden möge, mit dem es sine ira et Studio abgefaßt worden ist. Das Bäcksche Werk geht ohne Einleitung an die Sache heran. Der erste Teil ist überschrieben ״Charakter des Judentums“. Als Eigentümlichkeit desselben stellt Bäck das Feststehende und das sich Entwickelnde dar. Das Feststehende ist der Gottesglaube und der Wortlaut der Bibel. Aber gerade darin liegt wieder die sich entwickelnde Kraft, indem der