Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 13. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 13—1905. Jüdisches Jahrg. XXIX. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betreffenden litterarischen Eracheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Begründet von Rabbiner Dr. M. Rahmer. Verantwortlicher Redakteur: Rabb. Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Verlag und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Roß-Straße 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Expedition franco einzusenden. Rahmer’s ״Jüdisches Litteratur - Blatt“ erscheint monatlich zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem, Berlin, Roßstr. 3) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelitischen Wochenschrift‘, welche Lei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ als Gratls-Beilage. — Inserate werden mit 20 Pffl. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aus Rahmer’s Jüd. Litteratur-Blatt“ gestattet. Schiller und das Alte Testament. I Von Rabbiner I)r. Viktor Nordheimer-Schwetz. (Schluß) In ״Wallensteins Lager“ finden sich in der herühmten Kapuzinerrede folgende Reminiszenzen an das Alte Testament: ״Die Christenheit trauert in Sack und Asche“, ״am Himmel geschehen Zeichen und Wunder“, ״Der Saul fand seines Vaters Esel wieder, der Joseph seine säubern Brüder״ ,1־Und war er so dick, wie Absalons Zopf“, ״Der Josua war doch auch ein Soldat, König David erschlug den Goliath“, ״Das ist so ein Ahab und Jerobeam“, ״So ein Teufelsbeschwörer und König Saul, So ein Jehu, So ein hochmütiger Nebucadnezer“. Zahlreicher sind die biblischen Anklänge in der ״Jungfrau von Orleans“. Wenn die Schillersche Muse hier eine größere Uebereinstimmung mit dem Alten Testament aufweist, so entspricht dies dem ganzen Charakter der Tragödie, in welcher geschildert wird, wie Gott das französische Volk gleich dem israelitischen der Bibel leitet und beschützt. Auch fehlt es nicht an alttestamentlichen Helden, welche der Johanna zum Vorbild dienen, wie Josef, Moses, Simson und David. Wenn z. B. Johanna sagt: ״Und alle Fürsten, Grafen, Erzbischöfe, der König selber neigten sich vor mir“, so ist dies eine Anspielung auf die beiden Träume des Josef von den Garben seiner Brüder, die sich vor der seinigen neigten, und von Sonne, Mond und Sternen, die sich vor ihm bückten. Die Worte: ״Denkt nach, wie sie den Tigerwolf bezwang“, erinnern an die Erzählung von Simson, der einen Löwen zerriß. Die Verse: ״Sie ganz allein, die löwenherzge Jungfrau, Stritt mit dem Wolf und rang das Lamm ihm ab, Das er mit blutgen Rachen schon davontrug“ weisen auf die Erzählung von David hin, der das Lamm aus dem Munde des Löwen und des Bären befreite, die es aus der Herde fortgetragen hatten. Auf die im Buche der Richter mit Heuschreckenschwärmen verglichenen Kriegerscharen deutet folgende Stelle; ״WTie aus geschwärzter Luft die Heuschreckenwolke herunterfällt . . So goß sich eine Kriegswolke aus von Völkern über Orleans Gefilde.1‘ In den Worten: ״Fluch treffe sie, und möge Gott sie einst wie jene stolze Jesabel verderben!“ vergleicht Schiller Isabeau mit der von Hunden verzehrten Isabel Aus Joel 3, 18: ״Schlaget die Sichel an; denn die Ernte ist reif“ ist entlehnt die Stelle: ״Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif. Mit ihrer Sichel wird die Jungfrau kommen.“ An die Löwen um den goldenen Thron Salomos dachte der Dichter bei den Worten: ״Vertrauend naht sich der Gerechte Und scherzet mit den Löwen um den Thron.“ Die Sendung Moses wird deutlich erwähnt in dem Monolog, in welchem es heißt: ״Denn der zu Mosen auf des Horebs Höhen Im feur’gen Busch sich flammend niederließ Und ihm befahl, vor Pharao zu stehen, Der einst den frommen Knaben Jsais, den Hirten sich zum Streiter ausersehen, Der stets den Hirten gnädig sich bewies, Er sprach zu mir aus dieses Baumes Zweigen: Geh hin, Du sollst auf Erden für mich zeugen.“ Auf das Urteil Salomos wird angespielt in den Versen: ״Soll ich, gleich jener unnatürlichen Mutter, Mein Kind zerteilen lassen mit dem Schwert? Nein, daß es lebe, will ich ihm entsagen.“ Die Worte der Johanna: ״Du halfst dem Simson, da er blind War und gefesselt, Und seiner stolzen Feinde bittern Spott Erduldete — auf dich vertrauend faßt’ er Die Pfosten seines Kerkers mächtig an Und neigte sich und stürzte das Gebäude“ nehmen Bezug auf den Satz im Buche der Richter: ״Und Simson umschlang die beiden Mittelsäulen und er beugte sie mit Kraft, und das Haus stürzte ein.“ Die biblischen Anklänge in Schillers Gedichten und Dramen könnten um viele vermehrt werden, allein die obige Auswahl wird genügen, um nachzuweisen, daß der Dichter nicht nur bibelfest gewesen ist, sondern auch tatsächlich das Alte Testa־ ment stark benutzt hat. Wir schließen mit dem Wunsche, daß die stattgefundene Feier des mit einem unverwelklichen Ruhmeskranze geschmückten Dichterfürsten auch von dem Erfolge gekrönt sein möge, daß die Bibel als das gewürdigt werde, was sie ist, als das Buch der Bücher.