Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 372. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. den verschiedenen dunklen, verborgenen Schachten der Wissenschaft, der Erkundung der Natur, der intellektuellen Kräfte des Geistes suchen und finden wollen, denen das fahle Licht der Studienlampe größere Schätze zu Tage fördert als der feurige Sonnenglobus droben am Firmamente. Diesem gegenüber, die in den Tiefen der realen Naturwissenschaft oder den Gründen der idealen Geistesforschung mit der Axt der Vernunft graben, stehen die Vierten wieder, die sich zu Tod und Unterwelt begeben, die die Religion suchen in der Abgeschiedenheit vom Leben, in einer anderen Welt, in einer Welt nicht des Geistes aber der Geister, in einem Verkehr mit außer- und übersinnlichen Wesen oder Unwesen. Beschaulich, wehflüchtig suchen sie ihr Heil bei den Toten oder den Seligen der jenseitigen Welt, völlig vergessend um dessentwillen das Diesseits und seine Pflichten. Die Welt der Mystik, das Zauberreich des Aber glaubens das ist ihre Welt, ihr Reich, ihr Wesen der Religion. Geschüttelt während des Erdendaseins von den tragischen Schauern der Höllenqualen und der Unterwelt, flüchten viele dann in die Gemeinschaft derer, die in allem Irdischen Sünde und Jammer, Unreinheit und Ekel erblicken, und es folgt die Weltflucht, die Himmelsucht. „Der Himmel allein hegt die Religion, du Gott allein bist im Besitze derThora! Auf Erden ist sie nicht, nie und nimmer zu finden" meinen sie. Siehe da schüttelt — wenn man so sagen dürste — der ewige Gott sein Haupt. Nein, nein, irregeleitete Menschheit in deiner Kurzsichtigkeit, partikularen Einseitigkeit, nein, nicht in irdischen Interessen, nicht in Arbeit und Genuß, nicht in Handel, Verkehr und Sucht nach irdischer Größe und Herrlichkeit, nicht in den Abgründen und Tiefen der Wissenschaft, die heute so und morgen anders sich gestaltet; nicht in den Ausgeburten der geheimnisvollen mystischen Phantasie, im Zauberspuk der Dämonen und Geister der Unterwelt, im Verkehr mit Grabesschatten und Friedhofsmoder; auch nicht in der lichtdurstenden seligkeitschmachtenden Himmelsüchtelei ist die Thora, die ich ja nicht Engeln, sondern Menschen aus Fleisch und Blut gegeben. Engeln, die keine Triebe und Leidenschaften haben, konnte ich ja nicht sagen: du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen! Nein, nein: Lech ezel Ben Amram. Einem Menschen gab ich sie, Moses, dem Sohne Amrams, dem Getreusten meines ganzen Hauses, dem göttlichen Menschen, der mit der Sinai-Offenbarung, der Menschheit das Wesen der Religion überbracht hat: die Einheit der wahren Gotteserkenntnis mit der sittlich guten, ethischen Willensbildung des einen und reinen Menschentums. Das sei die Frucht meiner heutigen Geistessaat. Lech ezel Mosche den Amram! Israeliten, vertrauet Euch der Führerschaft des unsterblichen Gottesmannes, Moses ben Amram an, dessen Wort bewiesen hat. „Ki os lelohim, daß des ewigen Gottes allein dieMacht unddieMajestät innewohne, en os ela thora — daß es keine größere Macht gibt, als die Thora, wenn es gilt, den Geist zu läutern, das Herz zu veredeln, das Gemüt zu bilden, die Triebe zu zügeln, die Leidenschaften zu bannen, Frieden zu pflanzen auf Erden. Diese Macht der Thora hat aber Gottes Majestät ^geknüpft an den Hauch unserer Jugend, an den Mund unserer Kinder. Zu Mose, dem Sohne Amrams müßt ihr Eure Kinder, Eure Söhne und Töchter führen, daß sie sich die Geistesmacht und Schutzwehr holen gegen die geschlossene Phalanx ihrer inneren und äußeren Feinde in unserer trübseligen Zeit. Es schaudert mich, sehe ich unsere Jugend heranwachsen, ohne jegliche Bildung des Gemüts, ohne Religion und Pietät, ohne Ahnung von dem, was göttlich und heilig ist! Es schaudert mich, denke ich an die täglich überhandnehmende Abtrünnigkeit und Fahnenflucht im Lager Israels, besonders in den Haupt- und Weltstädten, selje ich aus Motiven der rohsten Selbstsucht, aus der Sucht nach Genuß die Treue . brechen und die altehrwürdige Fahne vom Sinai besudeln, sehe ich Väter und Mütter ihre unmündigen, unschuldigen Kinder dem Moloch des Abfalls von der Väterreligion in die Arme führen, damit sie durch diese Ehrlosigkeit für die Zukunft die Ehren erhandeln, die die sogenannte „Gesellschaft" bietet. Sie sprechen zu dem Gott vom Sinai etwa Folgendes: „Du alter Gott hast einst gesagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit es dir wohlergehe auf Erden," du hast unsere Väter belogen, alter Gott, denn ich beweise dir: Damit es mir und meinen Kindern wohlergehe auf Erden, bedarf es gerade des Gegenteils: „Ehre nicht deinen Vater und deine Mutter!" Nein, schmähe ihr Andenken, beschimpfe sie im Leben und im Tode! Entehre und verachte das, was ihnen hoch und heilig galt. Siehe, seit ich mich losgesagt von diesem Moses ben Amram, von diesen ersten fünf Sinaigeboten, erfreue ich mich der Achtung, der Liebe und des Wohlergehens in den angesehenen Kreisem und Schichten der „besseren Gesellschaft." " Israeliten, schlimmer als die Wucht des Judenhasses ist das Renegatentum, sind die gewissenlosen Ueberläufer, die die Scharen unserer Widersacher durch unser eigenes Fleisch und Blut vermehren, und die durch Zuführung ihrer Kinder, der Schößlinge unseres gotterkorenen, uralten Stammes, die Hasser Israels in ihrem Werk unterstützen und fördern helfen, daß dieser Stamm, der der Welt die zehn Gebote gegeben, einen Gott und die Lehre von Zucht und Recht, verachtet, verfolgt, ja, um- und abgehauen werde. Es schaudert mich, wenn ich bedenke, wie in den letzten Jahren viele aus unserer Mitte, ja, selbst Kinder ehrwürdiger Führer, Seelsorger, Vorsteher ihre Lieblinge zu den Kirchenaltären der herrschenden Konfession führen. — Ein ernstes Wort in ernster Zeit! Israeliten! — Was ist zu tun? Israeliten von Ehre! Meidet die Ehrlosen! Saget Euch los von ihrer Gemeinschaft, los vom Wandel und Handel und Verkehr mit ihnen! Ihr, die Ihr gewohnt seid, einen Menschen, der sich sittlich vergangen, der sich rechtlich verschuldet hat, zu meiden, weil Euch die Vornehmheit des Seelenadels solches anbefiehlt, „Haltet rein Eure Familien und Gemeinschaften, haltet fern alle und alles, was der Ehre Eurer göttlichen Religion des geheiligten israelitischen Namens und Eurer Glaubensgenoffenschaft zuwider ist! Bedenkt: die Treue ist kein leerer Wahn, die Wahrheit kein Phantom, Familieninnigkeit, Eh.furcht vor Vater und Mutter, unveräußerlicher Idealismus gewähren höhere Schätze, beseeligendere Freuden und Genüsse und Ehren als alle irdischen Erdengüter, um derentwillen Gott, Gewissen, Charakter und Ehre vielfach preisgegeben werden! Israeliten! O, daß mein Wort weithin vernommen werde, daß Ihr Euch in die Seele schriebet: „Gehet zu Mose ben Amram und führt Eure Söhne und Töchter seiner Schule zu!" Denn bei ihm allein ist die Religion der Majestät aller Majestäten, aus seiner Hand habet Ihr und durch Euch die gesamte Kulturwelt empfangen die Thora der ewigen Gottheit, das Wesen unserer Religion, d. i. die Offenbarung von der Einheit und Harmonie der göttlichen Erkenntnis mit dem sittlichen Tun des Menschen, durch ihn muß es und wird es Licht werden in der Welt der Geister, die Gott suchen, und Licht in den Herzen der Sterblichen in ihrem Drang nach Tugend! Durch ihn küßt der Himmel die