Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 362 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 362. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. waren anderer Meinung. Wenn der Verbandsvorstand das Thema so gestellt hat, so war es den Herren auch klar, daß sich die Notwendigkeit einer Umgestaltung des hebräischen Unterrichts herausgestellt hat. Auch brauche man sich nicht zu scheuen, eine Methode zu Gunsten einer besseren fallen zu lassen Das beweise auch die Geschichte der Pädagogik, welche die früheren Pädagogen gewiß nicht als minderwertig hinstellt, obzwar deren Methoden längst überholt sind. Kollege Mannheim trat dann noch kräftig für die Forderungen des Referenten ein und betonte besonders den Wert der sprachlichen Uebungen. Im letzten Jahre habe er diese Methode in der Unterstufe mit dem besten Erfolge angewendet. Gerade weil so wenig Zeit für das Hebräische zur Verfügung steht und der häusliche Fleiß viel zu wünschen übrig läßt, ist ein gründlicheres Eindringen in die hebräische Sprache dringend erforderlich. Nach einem Schlußwort des Referenten wurden die Thesen aufgestellt, welche folgenden Wortlaut erhielten: _ 1. Der hebräische Unterricht hat vor allem die Aufgabe, die Schüler zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienst zu befähigen. 2. Die Umgestaltung der Methode hat bereits beim Leseunterricht zu beginnen. Bei diesem beachte man die allgemein anerkannten Grundsätze der Pädagogik: Gehe vom Leichten zum Schweren! Unterrichte interessant! Unterrichte gründlich. 3. Der hebräische Unterricht sei Denk- und nicht Gedächtnisunterricht; deshalb darf der Lehrer nicht nach der memorialen Methode unterrichten. Man gebe den Kindern Vokabeln und grammatische Regeln und rege sie zur Selbsttätigleit an. 4. Der Unterricht im Uebersetzen beginne nicht mit Gebetstücken, sondern mit Sätzen aus dem späteren Uebersetzungsstoff, die nach ihrer grammatischen Schwierigkeit zu ordnen sind. (Vorstufe für den späteren Uebersetzungsunterricht.) 5. Sehr vorteilhaft sind Uebungen im Anschluß an die Lektion. Mit dem Vokabelschatz bilde man neue Satzformen und lasse a'uch kleine deutsche Sätze ins Hebräische übertragen. 6. Erst im dritten Schuljahr beginne man mit kurzen Gebetstücken und schreite langsam vom Leichten zum Schweren weiter. Die Schüler müssen an der Hand eines Vokabulariums, in dem der Vokabelschatz der betreffenden Gebetstücke methodisch verarbeitet ist, die Gebete möglichst selbständig übersetzen. 7. Nach diesen Grundsätzen sind drei neue Bücher zu schaffen, 1 Fibel, I Lehrbuch für den ersten und 1 Vokabularium für den spälern Uebersetzungsunterricht. V. Ter Vorsitzende berichtete nunmehr ausführlich über den Verlauf des 3. Verbandstages irr Kassel und erntete dafür den Dank der Versammlung. Im Anschluß hieran wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher gegen die Dr. Cahnsch'e Schmähschrift Protest eingelegt und eine Erklärung abgegeben wurde, daß der Verein treu zum Verband halten wolle. VI Vorstandswahl. Der bisherige Vorstand, bestehend aus den Kollegen Geisenberg, Mannheim, Rynarzewski, Piski und Schreiber wurde einstimmig wiedergewählt. VII. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde beschlossen, eine Auskunftsstelle für die Provinz Westpreußen mit dem Sitz in Graudenz zu errichten. Der Unterzeichnete Schriftführer hat die Verwaltung übernommen. Vill. Freie Besprechungen. 1. Kollege Schreiber forderte die Anwesenden auf, für die Hilsskasse zu Danzig in ihren Gemeinden Propaganda zu machen und außerordentliche Mitglieder mit einem Jahresbeiträge von 5 Mark 51t werben. 2. Die Reisesubvention vom Verband reichte zum Ersatz von 60 pCt. der Fahrgelder. 3. Tie Versammlung erklärte sich mit einem Antrag des Kollegen Piski-Elbing einverstanden, nach welchem mindestens alle 2 Jahre ein Vortrag aus dem Gebiet des Kantorenfachs gehalten werden soll Um 6'.'2 Uhr abends wurde die Versammlung unter den üblichen Danksagungen geschlossen Ein Teil der Kollegen unternahm noch einen Ausflug nach Zoppot. Graudenz, den 25. Juni 1905. D. M. Mannheim, Schriftführer. Die Politik. Der deutsche Liberalismus und insbesondere die freisinnige Volkspartei hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Dr. Wa.r pirsch ist Jemen Leiden erlegen. Mit Dr. Hirsch scheidet aus dem politischen Leben ein Mann, der immer ein warmes Herz für die Armen und Bedrängten bewiesen, immer für Aufklärung und Fortschritt gestritten hat. Ganz erfüllt von der sittlichen und wirtschaftlichen Bedeutung der Selbsthilfe, feind allen Phantastereien vom sozialistischen Zukunftsstaat, suchte er die Arbeiter zu werktägigem Zusammenschluß auf dem Boden der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung zu bewegen und wurde der Schöpfer der deutschen Gewerkvereine, deren Anwalt er Jahrzehnte hindurch nicht nur kraft des ihm übertragenen Amtes, sondern kraft seiner innersten Ueberzeugung war. Daß er lange Zeck von den Parteien der Rechten ebenso als „guter Revolutionär" verdächtigt wie von der Sozialdemokratie als „rückständiger", „unwissenschaftlicher" Sozialpolitiker in der gehässigsten Weise persönlich verunglimpft wurde, machte ihn in seiner Tätigkeit nicht irre. Er hatte ein gutes Gewissen. Er war einer der Eifrigsten, wo es galt, die Jugendlichen und die Frauen im gewerblichen Leben zu schützen. Von ihm ging der Gedanke aus, den wissenschaftlichen Zentralverein und die Humboldt-Akademie zu schaffen, lange bevor man in Deutschland von Volkshochschulen etwas wußte. Wo er das gute Recht der Arbeiter wahrnehmen konnte, da tat er es nachdrücklich und beharrlich, ohne daß er an der Hetze gegen die Arbeitgeber und Unternehmer als „Ausbeuter" teckuahm und den Klassenlampf predigte. Er ist deshalb von den,Genossen" ebenso wie Schulze-Delitzsch, als „Harmonie-Apostel" verspottet worden. Im Reichstag wie im Abgeordnetenhaus, hier seit 1898 als Vertreter des ersten Berliner Wahlkreises, hat Dr. Hirsch sich ebenso durch gewissenhaften Fleiß wie durch charakterfeste Haltung und durch schlichte, nur auf die Sache gerichtete Beredsamkeit Achtung zu verschaffen gewußt. Von Jugend auf der deutschen Fortschrittspartei ergeben, ill er bis zu seinem Tode ein treues und jederzeit zuverlässiges Mitglied der freisinnigen Volkspartei gewesen. Ein ehrendes Andenken in weiten Kreisen des Volkes ist ihm gesichert, und sein Name bleibt mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung dauernd verbunden. — Dr. Max Hirsch war am 30. Dezember 1832 in Halberstadt geboren. Er besuchte das Domgymnasium in Magdeburg, studierte dann von 1850 bis 1815 auf den Universitäten Tübingen, Heidelberg und Berlin Philosophie-, Rechts- und Staatswissenschaften, um sich später der akademischen Laufbahn widmen zu können. Durch Kränklichkeit daran verhindert, wandte er sich dem Buchhändler- und hierauf dem kaufmännischen Berufe zu und lebte seit 1867 hier in Berlin als national - ökonomischer und sozialpolitischer Schriftsteller. Nachdem er bereits in jüngeren Jahren Frankreich und Nordafrika bereist hatte, machte er 1868 eine Studienreise nach England und Schottland und rief nach seiner Rückkehr in Deutschland nach englischem Muster Gewerkvereine ins Leben, die sich bald bedeutend ausbreiteten. Dr. Max Hirsch übernahm 1869 das Amt des Verbandsanwalts und die Herausgabe des Verbandsorgans „Der Gewerkverein". In demselben Jahre wurde er zum ersten Male in den Reichstag gewählt, in dem er von 1869 bis 1871 als Mitglied der Fortschrittspartei den sächsischen Wahlkreis Plauen-Oelsnitz vertrat. 187 7 ging er aus der Stichwahl als Abgeordneter für den ersten Berliner Wahlkreis bervor, 1881 wurde er im Fürstentum Reuß jüngerer Linie und 1890 im Wahlkreise Bitterfeld- Delttzsch gewählt. Ins Abgeordnetenhaus berief ihn der erste Berliner Wahlkreis (linkes Spreeufer, untere Stadt). Neben seiner umfassenden Tätigkeit für die Gewerkvereine war Hirsch auch Mitbegründer und Ausschußmitglied der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, ebenso Mitbegründer des Vereins für Sozialpolitik, seit langen Jahren Dozent und