Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 361 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606696--9392-9606705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 26. Israelitische Wochenschrift. Seite 361. hier die vevolutionären Kräfte mit einer organisierten Gegenrevolution zusammengestoßen waren, daß dieses einer der Akte der großen Tragödie sei, welche sich die russische Revolution nennt. Die Politik der Regierung ist wieder erfolgreich gewesen; wieder hat sie zeitweilig die Tätigkeit der Revolutionäre gelähmt. Doch es ist ein Pyrrhussieg, den sie gefeiert hat; die allgemeine Stimmung ist bei weitem nicht so schwer und bedrückt, wie sie bisher nach den Judenhetzen zu sein pflegte. Der Glaube an die Kraft der „Selbstverteidigung" ist groß. Einer besonderen Popularität erfreute sich die Selbstverteidigungskolonne des „Jüdischen Arbeiterbundes". Doch können natürlich unsre Kräfte allein nicht genügen, wenn die übrige Bevölkerung sich passiv verhält und nur vertrauensvoll zu uns aufschaut. Es ist erforderlich, daß die gesamte kampfesfähige Bevölkerung sich bewaffnet, daß sie sich vorbereitet für einen unermüdlichen und sehr ernsten Kampf mit den Hoolegans. Alle fortschrittlichen Elemente der Gesellschaft müssen an der Organisation der „Selbstverteidigung" teilnehmen, wir müssen für die Bewaffnung und für die Organisation der „Selbstverteidigung" die größte Agitation führen. Der neuorganisierten Gewalt der Regierung muß eine andere organisierte Gewalt, welche breite Kreise der Bevölkerung umfaßt, entgegengestellt werden. Zu ihrer Organisation wollen wir nun schreiten. vrreiii jjidischrr Religmslrhm M-mhens. Protokoll der IX. Jahresversammlung am 12. Juni 1906 im Saale der Borussia-Loge zu Danzig. Anwesend waren die Herren Geisenberg-Marienwerder, Vorsitzender, Blumenfeld-Graudenz, Friedländer-Danzig, Jacoby- Danzig, Jaffe-Danzig, Jungmann-Schlochau, Lapidas-Riesenburg, Mannheim-Graudenz, Piski-Elbing, Rynarzewski-Pr. Stargard, Schapira-Briesen, Scheftelowitz-Schöneck und Schreiber-Danzig, sowie als Gäste die Herren Justizrat Steinhardt, Rabbiner Dr. Freudenthal und Dr. Lewy-Danzig und die Lehrerin Frl. Berg. — Eine Anzahl von Begrüßungsschreiben und Telegrammen war eingegangen. I. Der Vorsitzende Kollege Geisenberg eröffnete nm 11 Uhr vormittags die Versammlung, begrüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste mit herzlichen Worten und schloß seine Ansprache mit einem Kaiserhoch. Es folgten weitere Begrüßungsansprachen seitens des Herrn Justizrat Steinhardt namens der Synagogengemeinde Danzig und des Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal namens des Verbandes Westpreußischer SynagogewGemeinden. Nachdem der Vorsitzende dem verstorbenen Ehrenmitgliede, Kollegen Jaffe-Berlin, früher Dt-Krone, einen warmen Nachruf gewidmet hatte, erhoben sich die Anwesenden zu dessen Ehren von ihren Sitzen II. Hierauf erstattete der Schriftführer Mannheim-Graudenz den Jahresbericht. Die Mitgliederzahl des Vereins ist gegen das Vorjahr auf 42 stehen geblieben. Der Vorstand ist in verschiedenen wichtigen Fällen von Mitgliedern um Rat angegangen worden, der auch immer befriedigend erteilt werden konnte. Referent besprach die materielle Lage der Kollegen in unserer Provinz, wies auf die vielen Vakanzen hin und beantragte schließlich, an den D.-J G B, der gleichzeitig seinen X. Gemeindetag in Frankfurt a M. abhielr, in Würdigung seiner Verdienste um den jüdischen Religionslehrerstand ein Begrüßungstelegramm zu senden. Der Antrag fand einstimmige Annahme. III. DerKassenberichtdesRendanlenRynarzewski-Pr.Stargard ergab einen Kaffenbestand von 68,17 M. Nach Prüfung der Rechnung und der Belege durch die Revisoren Blumenfeld- Graudenz und Jungmann-Schlochau wurde die Entlastung erteilt. IV. Verbandsthema. Kollege Friedländer-Danzig hielt einen Vortrag über die „Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts". Referent führte aus: Die Kenntnis des Hebräischen ist im Interesse der Erhaltung des Judentums ein wesentlicher Teil des Religionsunterrichts. Auf allen Gebieten des Unterrichts hat die moderne Pädagogik durch verbesserte Lehrmethoden Wandel geschaffen, nur bei unserm hebräischen Unterricht hat sich wenig verändert. Die Methode ist aber dringend reformbedürftig Der hebräische Unterricht soll l) zum richtigen, geläufigen Lesen, 2) zum Verständnis der wichtigsten Gebete, 3) zur Kenntnis der Liturgie und 4) zum Uebersetzen des Pentateuchs und der Haftaroth führen. Die Lösung der schwierigen Aufgabe kann nur durch Berücksichtigung der beiden Momente erfolgen: Anpassung an die allgemeinen Gesetze der Pädagogik und an die besonderen des zu behandelnden Stoffes. Der Vortragende tadelte die bisher erschienenen Fibeln und wies nach, daß sich z. B. selbst in der in Norddeutschland stark verbreiteten Horwitzschen Fibel grobe Verstöße gegen die einfachsten Regeln der Methodik finden. Dadurch leide die Gründlichkeit. Referent forderte die Schaffung einer Fibel, in welcher die Leseregeln anschaulich gemacht werden, die Dr. Doktorschen Typen Anwendung finden und — um das Interesse der Schüler zu heben — in den ersten Uebungen die hebräischen Buchstaben zu deutschen Wörtern zusammenzustellen sind. Bei der Behandlung des Uebersetzungsunterrichts wendete sich Referent scharf gegen die alte, selbst von Prof. Dr. Maybaum empfohlene sogenannte „memoriale" Methode, die darin besteht, daß der Lehrer den Satz vorübersetzt und ihn dann so lange nachübersetzen läßt, bis er sich dem Gedächtnis der Kinder eingeprägt hat. Diese Methode kann vor dem Richterstuhl der Pädagogik nicht bestehen. Das ist kein Denkunterricht, sondern Gedächtnisunterricht. Die Folgen sind denn auch in dem immer mehr abnehmenden Verständnis für unfern Gottesdienst und in der Unlust der Kinder deutlich wahrzunehmen. Der hebräische Unterricht ist als Sprachunterricht zu betrachten und eine Sprache kann nie erlernt werden ohne Vokabeln und ohne Grammatik. Beides muß — .so weit erforderlich — eingeprägt, bezw. veranschaulicht und am Stoff geübt werden. Der Lehrer übersetze nichts vor, sondern entwickle aus Vokabeln und Grammatik heraus und leite die Schüler an, selbst tätig zu sein. Mit einem Schlage wird dadurch das Interesse geweckt, der Verstand angeregt und Lust und Liebe zur Sache herbeigeführt Allmählich schreite man vom Leichten zum Schweren fort, damit der Schüler selbst die Vergrößerung des erworbenen Sprachschatzes deutlich wahrzunehmen in der Lage ist. Bei der Auswahl und Anordnung des Stoffes herrscht jetzt erschreckende Willkür. Redner schlug vor, den Anfangsunterricht so zu gestalten, daß er eine Vorstufe, eine Grundlage für den eigentlichen späteren Uebersetzungsunterricht darstellt. Die ersten 30 Lektionen dürfen noch keine Gebete, sondern nur kurze Sätze aus den Gebeten enthalten, die nach ihrer Schwierigkeit geordnet sein müssen. Ein Leitfaden ist zu diesem Zweck auszuarbeiten Sprachliche Uebungen (vom Hebräischen ins Deutsche und umgekehrt) sind unter Benutzung der durchgenommenen Vokabeln und grammatischen Regeln unerläßlich Redner schloß seinen gut durchgeführten, markigen, mit Beifall aufgenommenen Vortrag mit dem Hinweis, daß es keine Schande sei, alte, festeingewurzelte Fehler einzusehen, daß es vielmehr Pflicht aller jüdischen Pädagogen sei, mitzuwirken, wenn es gilt, unsere Methode von dem modernen Zeitgeist bestrahlen zu lassen. Die Diskussion gestaltete sich außerordentlich lebhaft und zog sich so in die Länge, daß sie durch eine Pause unterbrochen werden mußte, in welcher ein gemeinsames Mittagsmahl eingenommen wurde. Die Versammlung war zunächst in dem Punkt einig, daß man nicht früher mit dem Uebersetzen, bezw. mit Sprachübungen beginnen solle, bis die Kinder fertig lesen können. Auch der Ansicht des Herrn Rabbiner Dr. Freudenberg, daß man die Bildung deutscher Wörter durch Zusammenstellung hebräischer Buchstaben vermeiden müsse, wurde von fast allen Seiten zugestimmt. Doch in den Hauptpunkten des Referats konnte lange keine Einigung erzielt werden. Die Kollegen Geisenberg und Schreiber verteidigten die Horwitzsche Fibel; Kollege Mannheim stimmte dagegen dem Referenten in dem Urteil über diese vollkommen bei. Die Horwitzsche Fibel sei ein Produkt der 60 er Jahre und enthalte viele pädagogische Fehler, die Fibel von Bruchsaler vermeide dagegen die Hvrwitzschen Fehler ganz, während eine ganze Reihe wertvoller Vorzüge schon dnrchgeführt ist. Um das Interesse beim Anfangsunterricht im hebräischen Lesen zu heben, empfehle er neben einer guten Fibel den Marxschen Leseapparat. Die Kollegen Schreiber, Rynarzewski und Jungmann protestierten gegen die Fassung des Themas: „Die Umgestaltung des hebräischen Unterrichts", weil darin eine unverdiente Geringschätzung der bisherigen Leistungen liege Sie konnten sich nicht für die neue Methode im Uebersetzen erwärmen, wollten vielmehr die Erfolge abwarten. Die Herren Geisenberg und Mannheim