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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 360

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 360 (sequence 8)
Language
German
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rrg^yf, j..,*-; *y.~w Seite 360. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. Dir Iiidkilhetzr in Sdjitomir. > Die erste Woche seit dem Massakre ist vergangen. Das Leben der Stadt tritt allmählich in das gewohnte Geleise, obgleich auf allen Gesichtern noch die Spuren des Durchlebten sichtbar sind. Eine Judenhetze wird hier schon lange erwartet; die ganze Stadt sprach davon und die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung bereitete sich darauf vor. Auch wir trafen unsre Maßnahmen, organisierten die „Selbstverteidigung"*) **), und doch wurden wir von den Ereignissen überrascht. Wir hatten keine bestimmten Anhaltspunkte, welche uns auf das Entstehen einer gewöhnlichen Judenhetze hätten schließen lassen können. Die christliche Bevölkerung lebte hier friedlich mit der jüdischen, und sogar während der Zeit der Judenhetze machte sich keine besondere Feindseligkeit seitens derselben bemerkbar. Wir wußten zwar, daß eine „schwarze Bande"***) organisiert wird, daß Proklamationen verbreitet werden, die zur Tötung der Juden auffordern, daß einige Leute Drohbriefe erhalten hätten, aber alles das war in der letzten Zeit eine so alltägliche Erscheinung geworden, daß wir ihr keine besondere Bedeutung beimaßen. Wir erwarteten die Gefahr nicht von der Seite, von der sie kam; wir erwarteten hauptsächlich einen Ueberfall der unorganisierten Massen der umliegenden bäuerlichen und städtischen Kleinbürgerbevölkerung und dachten, gegen sie aufzutreten. Unsere „Selbstverteidigung" war eben auf Grund der alten Taktik der Regierung organisiert. Doch die Regierung ging bei dieser Judenhetze nach einem ganz neuen Plane vor, und es ist sehr möglich, daß sie ihn auch fernerhin anwenden wird. Die Regierung beteiligt sich nun nicht direkt durch ihre Agenten an der Hetze, sondern sie sucht — wenn es ihr auch schlecht gelingt — sich hinter dem Rücken ihrer „schwarzen Banden" zu verstecken. Die Regierung ist vorkommenden Falls nicht abgeneigt, sogar die Rolle des Retters der Stadt zu spielen und die Waffen gegen ihre eigenen Söldner zu kehren. Die hiesige „schwarze Bande" wurde von speziell aus Moskau hergereisten Polizeibeamten organisiert. Es steht jetzt völlig fest, daß der Revieraufseher Kujarow, der von einem Mitglied der Kampfesorganisation der „Sozialisten-Revolutionäre" erschlagen wurde, der Gehilfe des Revieraufsehers Jarotzki, der älteste Schutzmann Alexandrow und einige verkleidete Gendarmen die Hauptorganisatoren des Massakres waren. Auch am Massakre selbst nahmen einzelne Polizeibeamte teil. So z. B. zeigte ein Polizist in der Kiewer Straüe den Plünderern, welches die jüdischen Häuser wären; ein andrer Polizist schritt der Menge voraus und schlug mit emem langen Stock die Fenster in den jüdischen Häusern ein. Dasselbe gilt auch von den Soldaten. Einzelne Soldaten nahmen offensichtlich teil am Massakre, sie stachen nach den Juden und halfen sie prügeln. Doch sind alle diese völlig erwiesenen Fakta für diese Judenhetze nicht charakteristisch. Charakteristisch für sie ist die „Passivität" der Polizei. Die Polizei mußte es wissen, daß wir uns bewaffnen. Sie sah, wie wir bewaffnet auf die Straße hinaustraten und die Plünderer überfielen; sie hätte uns entwaffnen und unsre Aktion stören können. Doch sie tat es nicht, im Gegenteil, *) Aus den „Letzten Nachrichten" des „Jüdischen Allgemeinen Arbeiterbundes" in Litauen, Polen und Rußland. **) „Selbstverteidigung" ist die Benennung der freiwilligen jüdischen Bürgerwehr zwecks Verteidigung gegen eventl. Judenmetzeleien. ***) „Schwarze Banden" oder „Hoolegans" nennt man das von der russischen Regierung organisierte Gesindel. sie ließ uns vier Stunden lang mit den „Hoolegans" kämpfen. Es war eine förmliche Schlacht, überall hörte man Schüsse, Dutzende von Opfern fielen, ein herzzerreißendes Gestöhn durchzog die Stadt; doch das Militär und die Polizei waren wie ausgestorben. Die Polizei verließ sich augenscheinlich gänzlich auf ihre Armee: „die schwarze Bande", und die Gerechtigkeit wollen wir ihr widerfahren lassen: „Die schwarze Bande" war vorzüglich organisiert. In Schitomir gab „die schwarze Bande" die erste Schlacht den revolutionären Kräften, insbesondere des jüdischen Proletariats; weitere Schlachten werden wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen. In Schitomir kam es nicht zu den gewöhnlichen Plündereien, wie sonst bei Judenhetzen. Natürlich kamen vereinzelte Fälle von Raub auch hier vor, es kam aber nicht zu den grausenerregenden Bildern von Kischinew und Homel. Es ist möglich, daß, wenn die Selbstverteidigung nicht funktioniert .hätte, die Judenhetze einen größeren Umfang angenommen hätte, und wir vielleicht dann ein zweites Kischinew hätten verzeichnen können. In diesem Falle begnügten sich jedenfalls die Hoolegans hauptsächlich mit dem Fenstereinschlagen und der Zerstörung des Hausgeräts. Der Angriff geschah gleichzeitig auf zwei, drei Punkten: aus dem Marktplatz, in dem „Podol", dem ärmsten, von Juden bewohnten Stadtteil Schitomirs, und in den diese Plätze umgebenden Straßen. Von den letzten durch die „Selbstverteidigung" verdrängt, konzentrierten sich die Hoolegans auf dem Marktplatz; dort formierte sich auch unsre „Selbstverteidigung", doch bald stellte sich zwischen ihr und den Hoolegans Militär auf. Hier wurde in Gegenwart eines Offiziers der russische Student Blinow, der die Unterhandlungen zwischen der „Selbstverteidigung" und der Polizei führte, von den Gehilfen des Revieraufsehers und den „Hoolegans" erschlagen. Die Schlacht, welche in dem „Podol" vor sich ging, begann ohne jeden ersichtlichen Grund. 'Die Hoolegans stürzten sich auf die jüdischen Häuser, bewarfen sie mit Steinen, brachen in die Wohnungen ein und zerstörten alles, was sie vorfanden. Die Mitglieder der „Selbstverteidigung" eilten hinzu und verjagten mit einigen Schüssen die Menge. Doch bereits nach wenigen Minuten stürzten die Hoolegans zu einer förmlichen Attacke gegen die Selbstverteidigungskolonne vor; der Angriff wurde zurückgeschlagen. Plötzlich stürzte aus der Bierbrauerei des Böhmen Mechaczel eine weitere Bande von Hoolegans vor und umringte unsre Kolonne von allen Seiten. Alle Mitglieder dieser Kolonne wurden verwundet oder mißhandelt. — Vier Stunden stand das Häuflein unsrer Genossen unter einem förmlichen Kugelregen. Einer nach dem andern fiel verwundet zu Boden, doch unsre Genossen legten eine bewundernswerte Festigkeit und Mut an den Tag. Der jüdische Arbeiter ist nicht mehr zu erkennen: der frühere verschüchterte und ängstliche Sklave hat sich in einen ruhigen und opferfreudigen Kämpfer verwandelt. Die Arbeiter übernahmen die Verteidigung der Stadt gegen die dunklen Mächte des Zarismus und erfüllten mutig die auf sie entfallende Aufgabe, überall in den ersten Reihen kämpfend. Die Rolle des organisierten jüdischen Proletariats, des „Jüdischen Arbeiterbundes", ist hier besonders klar hervorgetreten. Gewohnt an Parteidisziplin, gehorchen unsere Arbeiter auch jetzt ihren Anführern, welche die Masse gut kennen und welche ihrerseits von der Masse geachtet werden. Alle unsre. Genossen waren sich bewußt, daß diese Schlacht mit den „Hoolegans" eine revolutionäre Aktion war, ein Kampf gegen die Regierung; es war ihnen vom ersten Augenbl,ck an klar, daß

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