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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 359

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 359 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 26 Israelitische Wochenschrift. Seite 369. i feierlichen Versprechen „naasse wenischma“ — „wir wollen tun und gehorchen", in den egyptischen Tierdienst verfallen konnten. Nicht Kant hat den kategorischen Imperativ im Gewissen entdeckt, sondern Moses am Sinai, aber nicht aus sich selbst, sondern durch Gott. Erst redete Gott und dann erwachte das Gewissen. Der Fehler liegt an der Kurzsichtigkeit der Menschen, die, wenn sie die Blume sehen, an ihren Keim vergessen, wenn sie den Baum mit seinem Stamm, seinen Aesten, Laub, Krone und Früchten gewahren, der Wurzel vergessen. Die Wurzel aller Ethik, d. h. aller praktischen Religion, der Güte, und des sittlichen Handelns, ist der unsichtbare, ewige Gott, der einst sprach: „Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich. Euer Gott!" Eine ethische Gesellschaft ohne Gott ist aber nicht nur deshalb ein Phaniom, weil ihr die Lebensbedingung fehlt, sondern auch, weil es ihr an Pflege und Obhut mangelt. Nur wer Gottes allsehendes, heiliges Auge fürchtet, schrickt zurück vor Sünde und Schuld, daher ist Gottesfurcht zugleich Tugend und „Jirat schamajim“ die Furcht des Himmels zugleich „Jirat Chet“, Furcht und Scheu vor Sünde und Verbrechen. (Schluß folgt.) ((in srniWscher Zksnsroimm. ' Besprechung von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. Eine Schauspielerin und eine Französin schreibt den Roman eines Glaubenshelden! Wir erwarten ein solches Buch kaum aus dem Lande der großen Revolution, dem Vaterlande der Enzyklopädisten; hat Frankreich schon einen Chateaubriand hervorgebracht, so war das zur Zeit des heiligen Bundes und seiner Nachwirkungen. Aber unser Tatsachenzeitalter, das jenseits des Rheins eine Trennung des Staats von der Kirche durchsetzt, erzeugt dort eine Vertreterin der Bühne, die auf den flüchtigen Erfolg eines Abends zu rechnen hat und mit den flüchtigen Tageserzeugnissen, und die nun noch die Kunst besitzt, um die dauernde Palme des Schriftstellerruhms zu ringen und einen religiösen Gegenstand von größter Tragweite zu behandeln. Wenn wir ihrer Einleitung glauben wollen, so hat sie sich jahrelang ernstlich mit allen Gegenständen befaßt, die nur zu ihrem Stoffe eine Beziehung hatten. Erwarten wir nun der ernsten Einleitung gemäß einen bloßen Gedankenroman, so enttäuscht das Buch den Leser sehr angenehm, indem der Gedanke nicht aufdringlich austritt und in die Tatsachen der Erzählung umgesetzt wird. Wir sehen den Knaben Jesus mit seinen Genossen kindlich spielend. Da sehen sie einen Mann vor sich, der seine Sklavin mißhandelt, sie fallen aus Jesu Verlangen gründlich über ihn her — ans einer Gartentür tritt der Inder Kuwiamitra, bei dessen Anblick der Mann zusammensinkt. Aus dein engen Nazareth wird Jesus bei der Wallfahrt nach Jerusalem geführt, aber all die gottesdienstlichen Eindrücke mißfallen ihm, und im Tempel belauscht er eine Unterredung des Inders mit den Sanhedristcn, deren Inhalt ihn am Glauben irre macht. Kuwcamitra nimmt ihn auf seine weiten Weltenwanderungen mit unv lehrt ihn den Geist der Völker und ihre Anschauungen kennen; auch ärztliche Geheimnisse und die Bezwingung eigenen und fremden Willens. Johannes, dem Eiferer, gegenüber will er der allgemein menschlich wirkende Völkerlehrer werden. Aber > man erkennt wohl seine Wunder an, nicht jedoch seine Lehren,! *) Jesus, ein Roman von Pierre Nahor (Emilie Lerou). Uebersetzt von Walther Bloch. Berlin, Behr, 1915, XXVI und 304 S. 1 die, dadurch bestimmt, immer seltsamer und rätselhafter werden. Als Messias wird er dem ängstlichen Synedrium verdächtig — er entzieht sich nicht dem Verhängnis, und Judas Jscharioth opfert seinen guten Ruf dem Willen Jesu — er wird wider Willen zum Werkzeug der Gefangennahme. Vorher hat Jesus schon mit seinem Jugendfreunde Josef von Arimathia Vorkehrungen getroffen, um seine Auferstehung glauben zu machen. Seine Kreuzigung ist vorüber, er ist beerdigt — aber es ist nur ein Starrkrampf den Jesus künstlich hervorgerufen. Josef holt heimlich die Leiche aus dem Grabe, und er erscheint, nachdem der Starrkrampf vorüber, den Seinen als Auferstandener. Sein weiteres Leben fließt in der Einsamkeit hin. Die Frau hat ihren Renan eifrig gelesen, wird man ausrufen! Aber noch weit mehr! Bei der Darstellung der Wallfahrt, der Annäherung nach Jerusalem hin, des Weges zum Tempel, der Opfergebräuche, hat die Verfasserin die Mischna in ausgiebiger und überraschender Weise benutzt, wie es einem Rabbiner nur Ehre machen würde. Ebenso genau ist sie den orientalischen Sitten nachgegangen, deren Darstellung ungezwungen die ganze Handlung beherrscht und ihr großen Reiz verleiht. Ihre geschichtlichen Forschungen müssen sehr weitgreifend gewesen sein. Daß sie die Bibel genau kennt, ist selbstverständlich. Wenn die Verfasserin aber glaubt, den wirklichen Jesus hier aufgegraben zu haben und ihre Erklärung der Wunder für eigenartig ansieht, so rst das eine Selbsttäuschung. Ueber die natürliche Deutung von Wundern ist man heute weit hinaus. Sie können nur gläubig angenommen oder geleugnet werden. Gerade die Art, wie diese Heilungen erklärt werden und wie die Auferstehung hier gedeutet wird, ernüchtert den Leser sehr. Daß Jesus indische Einflüsse in sich ausgenommen, glaubt heute auch Niemand mehr. Gerade die Evangelien zeigen ihn ganz aus altjüdischen Verhältnissen und Anschauungen hervorgehend, als Deuter und Erweiterer alter Lehren. Der Gegensatz gegen den Pharisäismus stammt — da doch die Verfasserin wissenschaftlich vorgehenwill —aus viel späterenZeiten. Ueber die biblischen Bücher und die Fragen ihrer Entstehung hat Jesu so wenig nachgedacht, so wenig daran gemäkelt, daß, die Geschichtlichkeit der Einzelheiten vorausgesetzt — das tut doch die Verfasserin —, die Worte des alten Testaments die Belege und Beglaubigungen seines Auftretens sind und nur sein können. Die Schürersche Anschauung vom gesetzlichen Leben Israels müssen wir schon hinnehmen — das sind wir gewöhnt. Von der Freude der alten Israeliten beim Einzug in Jerusalem und in die Tempelhallen kann die Verfasserin keine Ahnung haben, weil sie das Gefühl des frommen Juden nicht kennt. Ist der Roman in dichterischer Beziehung reizvoll, ja, bietet er auch reiche geschichtliche Belehrung, so kann er an sich als Ergebnis wissenschaftlichen Arbeitens nicht gelten. Die darin auftrctenden Anschauungen sind überwunden. Auch der Hauptgedanke, Jesus als Messias aufzufassen, ist nicht neu. Um das Ringen der glaubensbedürftigen Seele mit den Geheimnissen des Glaubens darzustellen, dazu ist der gedankltche Hintergrund nicht angetan. Wir haben in Dichtungen, welche jene Zeit behandeln, weit Stärkeres zu hören bekommen. Alle Ehre aber dem Streben der Frau, die Oberfläche zu durchdringen und das, was sie selbständig gefunden zu haben glaubt, verständlich und zugleich packend mitzuteilen. Die dichterische Seite des Buches zeigt uns eine Kraft ersten Ranges, die das Entlegenste begreiflich zu machen weiß, indein sie es mitempsindet, und die sich gewiß an Stoffen einer nicht so rätselhaften Art noch mehr bewähren würde.

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