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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 358

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
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'Seite 368. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26 lichen als das Wesen der Religion zu erkennen und zu würdigen. * * „Ich bin der Herr, dein Gott!" Ein Gott, der nicht nur über dem All und außerhalb der Menschenmelt in unnahbarer Himmelshöhe schaltet und waltet, nein, dein Gott, der in deinem Innern lebt, den du wahrgenommen, den du in der Geschichte deines Stammes wandeln und wirken schautest, tief eingreifend in deine Lebensgeschicke, als das klassische Volk der Sklaverei dir die Brust zusammengeschnürt, als das Volk des Götzendienstes und des Totenkultus dich vergewaltigt hatte. „Dein Gott, der dich geführt hat aus dem Lande Mizraim, dem Hause der Knechte!" Was folgt daraus? Fort mit allem, was dem reinen Monotheismus zuwiderläuft. „Du sollst keine andern Götter haben!" Glicht Vielgötterei, nicht Abgötter, nicht Bilder und Götzengebilde, nicht phantastische Wahn- und Spukgestalten, nicht Mysterien des Aberglaubens, keine Höllengerster, keine Dämonen der Unterwelt. Ausgeschlossen hat der Gott vom Sinai all das, was die Vernunft als Ungott hinstellen mag, verbannt ist und bleibt hier Sterndienst, Tierdienst, Menschendienst und Vergötterung von Geschöpfen, ob sie im Leben oder ob sie verschieden. — Damit erwacht der Gedanke an die Weihe und Heiligung des Ureinen in der Menschenbrust, den irdisch nur der Name (Schem) kündet, dessen Namen nicht auf das falsche Eitle übertragen werden darf. „Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes nicht nussprechen zum Falschen oder Vergeblichen!" Es erwacht das strafende Gewissen, die Stimme des Herrn in unserm Herzen, rufend, mahnend: „Gott wird nicht ungestraft lassen den Lügner und Meineidigen und den, der der Heiligkeit Urbild hinabzerrt in den Staub, entehrend, entweihend. — Es folgt die Heiligung der Zeiten: „Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest!" Sei ein Mensch, dich erhebend über das Tier; weiht dich die Arbeit schon in den sechs Arbeitstagen, so weiht der Sabbat dich zum Höhenmenschen umsomehr; du wirst ein Ebenbild deines Schöpfers, fassest heilige Vorsätze, betend, horchend aus die Stimme des Himmels. Der Sabbattag entflammt in dir einen unaussprechlichen Idealismus. Gelockerte Familienfäden werden neu geknüpft; den Vorgeschmack der Seligkeit du empfindest ihn, du kostest ihn am trauten Herde deines Hauses. O heiliger Sabbat, mit deinem Licht, deiner Weihe, deinem Segen bereitest du beim Kinde den Boden vor zur Aufnahme der folgenden Gottessaat: „Ehre deinen Vater, deine Mutter!" Doch giltst du uns noch mehr. — Du bist die Mutter der sozialen Humanität. Nicht nur darum bist du uns heilig, weil Gott nach seinem Schöpfungswerke „geruht" hat, sondern auch, damit ruhe: „dein Knecht, deine Magd, dein Fremdling", und mag die eine Tochterreligion deiner gedenken am Sonntag, die andre am Freitag, unser Sabbattag wie wir ihn seit Jahrtausenden am Sonnabend von Abend bis Abend feiern, ist das Ur- und Vorbild des höchsten sozialen Segens, der ausgleichenden Humanität in der Welt. Ehre Vater und Mutter, sie sind uns die Stellvertreter Gottes auf Erden, nicht weitausschauende, weissagende Propheten, nicht himmelsüchtige Priester, nein Eltern sind es,, die wir im Leben und im Tode verehren und lieben und ehrfürchten sollen. Bei keinem Gebote ein Lohn wie hier: „damit sich mehren deine Tage" oder wie Moses kurz vor seinem Tode hinzusügt: „damit es dir wohlergehe auf Erden." Kinder, denen Vater und Mutter Wesen der Geringschätzung werden können, verdienen nicht zu leben, noch den Genuß dessen, was gut ist. Hier beginnt der Uebergang zum sittlichen Handeln innerhalb der Kämpfe um das Dasein; hier erfaßt uns das Gefühl für die Heiligkeit des Menschentums neben der höchsten Gottheit wie Schauer der Andacht: „du sollst nicht töten!" Ja, nicht einmal kalt dastehn beim Blute deines Nächsten in Stunden der Gefahr und in sonstigen Nöten. Heilig sei dir Gottes Ebenbild! Du Sinaidrommete, rufe es hinaus in Sturmtönen über die blutigen Schlachtgesilde, wo der Krieg soviele Mütter ihrer Kinder beraubt! Du Sinaiposaune, schrei es hinein in die entmenschte Seele der Tyrannen nach Nordost von Europa. „Lo tirzach — du sollst nicht morden!" Nicht vergießen das unschuldige Blut hülfloser Greise, Frauen und Kinder meines entrechteten, geknechteten Volkes Israel! Hier erhebt sich der ethische Untergrund des Staates und der Gesellschaft, die Keuschheit des Familienlebens. „Lo tinaf" — verletze nicht die Bande, die heiligsten, die reinsten, die zwischen Mann und Weib! — Hüte dich vor Verwechselung von Mein und Dein: „du sollst nicht stehlen!" Dazu gehört Lug und Trug, Bestechung und Übervorteilung, Ausbeuten und Wucher treiben gegen den Mitmenschen, jeden Mitmenschen, denn im ganzen Zehngebot handelt es sich nicht um „Volksgenosse", nne Unkenntnis oder Absicht das Wort „Rea" — Nächster deutet, denn sonst müßte ja auch: „du sollst nicht aussagen wider deinen „Nächsten" als falscher Zeuge", wo es auch „Rea" heißt, abgeändert werden in „wider deine Volksgenossen". Das ist aber bislang nirgends der Fall gewesen. Gegen jedermann verbietet die Sinailehre Verleumdung und Angeberei, Verletzung der Ehre, die uns noch höher stehn soll als das Leben. Und endlich tritt sie der lüsternen Begierde entgegen, dem bösen Triebe, aus dem die wildesten Leidenschaften hervorgehen! „Du sollst nicht begehren"! Sollst zufrieden sein mit deinem Teil und häßliche Neigungen in dir zügeln, sündige Triebe beherrschen, die Wogen der Leidenschaften eindämmen. So hat die zweite Sinaitafel einen Protest erhoben gegen rohe Willkür, gesetzeslose Gewalt, gegen Anarchie und tierische Wollust und gegen die fessellosen Instinkte tierischer Seelen in denen Heimtücke, List, Groll, Haß und Rache toben, so die Begierden nicht befriedigt werden. Man hat gesagt: Religion haben heißt „ein guter Mensch" sein. Gewiß, das ist auch Religion. Aber man hat vergessen, daß das „Gutsein" auf Gott zurückgeführt werden muß, daß der erste, daß der Urheber des „guten Menschentums" Gott gewesen. Wohl gab es einzelne sittliche Charaktere auch schon bei den Fetischanbetern im Heidentume, die Gesamtheit des Volkes wurde von ihrer Sittlichkeit nicht beeinflußt. Das Sittengebot vom Sinai aber ist ein Gebot an die Gesamtheit der Menschen. Es will alle zu guten Menschen erziehen, und darum kann es nicht losgelöst werden von dem Vater Aller. Das Göttliche ist hier der Keim des Menschlichen, „Anochi Adonai“ Ich bin der Ewige, ist die Wurzel von: „du sollst nicht!" Und darin erweist sich uns unser Lehrer Moses als ein edles Vorbild für die Aufnahme der Einheit des Göttlichen und des Menschlichen als der lebende Träger des Wesens unserer Religion. Moses wirst nach der Sünde des goldenen Kalbes in heiliger Entrüstung nicht nur die Tafel von sich, die den Götzendienst verbietet, sondern zugleich auch die andere mit den Geboten sittlichen Handelns, denn nie und nimmer kann es gute Menschen geben, die sich so vergessen konnten, daß sie kurz nach der Empfängnis des reinen Monotheismus und nach dem

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