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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 357

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 357 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Israelitische Wochenschrift. Seite 357. kein Ich; er ist weder Liebe, noch Gerechtigkeit, noch Heiligkeit; denn dies alles setzt eine Persönlichkeit voraus. Den lebendigen und heiligen, allmächtigen Gott, der die Liebe ist, hat nur das Volk Israel erkannt, weil es mit ihm in Gemeinschaft gestanden hat. Die Hebräer haben nicht in gemeinschaftlichem Suchen nach Lösung der Rätsel zu forschen und darüber zu philosophieren angefangen, sondern die Furcht Gottes ist bei ihnen Anfang und Ende, Prinzip und Zweck aller Weisheit. Die Schilderungen von Tieren und Naturvorgängen, die das Buch Hiob enthält, haben durchaus keinen wissenschaftlichen Zweck, sie dienen nur dem Beweis der Erhabenheit und der Macht Gottes; und diese Eigenschaften Gottes werden gerade durch die Unbegreiflichkeit jener Dinge, die ein Erkennen unmöglich macht, für das Gefühl der Menschen gesteigert. Die Frage, wie das Uebel, das den Menschen trifft, zu seiner Rechtschaffenheit und wiederum, zu Gottes Gerechtigkeit sich verhalte, ist der Inhalt des Buches Hiob, das den Gipfel hebräischer Philosophie enthält. Aber es wäre sehr übel getan, dieses Buch ein philosophisches Buch zu nennen. Das Buch enthält nicht Spekulationen, sondern Erfahrungen; es enthält nicht Theorie, sondern Leben, nicht Philosophie, sondern Religion. Die Gedankenbewegungen darin sind den Herzens- und Gemütsbewegungen untergeordnet; so sind auch die Rätsel der Natur, die darin auftreten, den Rätseln des religiösen Lebens untergeordnet und da sie in ein unmittelbares Verhältnis zur Allmacht Gottes gesetzt werden, so liegt für Hiob, wie für den Hebräer überhaupt, in ihnen keine Schwierigkeit, also auch keine Aufforderung zur wissenschaftlichen Erforschung. Die Hebräer sind ein Volksstamm ohne Philosophien und Wissenschaft, und dennoch kommt von ihnen die Erkenntnis der höchsten aller Wahrheiten, des Prinzips der vollkommenen Philosophie. Denn die höchste Wahrheit kann nur auf eine ethische Weise erkannt werden, durch Glauben und Liebe, weil sie Gott selbst ist. vas Kiesen des Judentums. Eine Zeitstimme zum Offenbarungsfest 5666 von Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. Text: „Achat dibber Elohim schetajim su schamatj ki os I elohim.“ „Eines hat Gott geredet, zwei haben wir vernommen: wahrlich, des ewigen Gottes ist die Majestät." Psalm 62, 12. Versammelt zur gemeinsamen Erinnrung der höchsten Offenbarung in der Geschichte der Menschheit vernehmen wir nach Jahrtausenden alljährlich an diesem Tage die Stimme der Majestät aller Majestäten, die einst der Sohn Amrams von Sinais geweihter Höhe herab in Stein gemeißelt gebracht hatte. Die eine Gottesstimme, wie sie aus den beiden Mosestafeln zu uns redet, weiset hin auf die Majestät der ewigen Gottheit, vor der sich die gesamte Kulturwelt beugt, und die ihr die Macht verleiht, sich in allen Lebenslagen aus dem Staub der Erde zur Himmelshöhe sittlicher Ideale zu erheben. Auch die moderne Zeit und deren Schule lauscht dieser Stimme, denn sie forscht in der Flucht der Erscheinungen und der Fülle der Erinnerungen nach den Kernpunkten, den Urprinzipien, nach dem, was als wesenhaft dem Welt- und Geistesleben eignet. Es haben in letzter Zeit gelehrte Größen in und außerhalb des Judentums nach dem von allen Schalen losgelösten Kern ihrer Religion auszuschauen versucht, Studien und Bücher veröffentlicht über das Wesen der verschiedenen Bekenntnisse. An welchem Tage läge es uns näher, uns mit der Frage nach dem Wesen des Judentums zu beschäftigen, wie heute, wie jetzt in der Geburtsstunde jener Offenbarung, die uns die ewige Grundlage unserer Konfession und damit der ganzen geistigen Kulturwelt als das kostbarste Vermächtnis unseres Vaters im Himmel gespendet hat. — Was ist das Wesen des Judentums? Es gibt keine Frage, die öfter aufgeworfen und verschiedenartiger beantwortet worden ist. Zwei Stimmen sind es besonders, die am meisten Anklang gefunden. Die eine rief: „Das Wesen des Judentums ist der ungetrübte Monotheismus! Es gibt nur einen Gott und außer und neben ihm ist nichts, was göttliche Verehrung beanspruchen dürfte". Ohne Zweifel ist der reine, lautere Ein-Gottglaube, wie er aus dem I. und 2. Sinaiwort in seiner vollen Erhabenheit hervorstrahlt, die Basis, die wichtigste Grundlehre des Judentums. Allein, wenn dem so wäre, wie ist es möglich, daß eine Stimme laut werden konnte, wie die eines Hillel und nach ihm eines Rabbi Akiba, die auf die Frage: Was ist das „Wesen" des Judentums? geantwortet hatten: „Die Nächstenliebe!" „Ich will das Judentum kennen lernen in seinem Kern und Umriß in der Spanne Zeit, während ich auf einem Fuß stehe", so sprach der Heidenjünger einst zu Hillel, und dieser erwiderte ihm: „Was du nicht willst, daß dir geschehe, füge auch andern nicht zu! Dies fft das Wesen unsrer Lehre. Das Uebrige ist Erläuterung, du wirst es später lernen". Und Hillels Schüler, der größte aller Rabbinen, Akiba, meint: Was Moses im III. seiner Bücher, im 18. Kapitel Vers 19 geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst, das ist der höchste Grundsatz, das Wesen des Judentums". Wo ist die Wahrheit? Ich antworte: In beiden Stimmen, so sie nicht getrennt, sondern vereint erfaßt und betätigt werden. Der reine Monotheismus und die allumfassende Menschenliebe. Jener als Keim der religiösen Erkenntnis und der geistigen Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer, diese als Wurzel und Ziel des gesitteten Zusammenlebens der Menschen, sie sind eine Zweiheit, aus der die große Einheit uns entgegenleuchtet, von der der Psalmist in unserm Text redet: Eines hat Gott gesprochen, zwei haben wir vernommen. Hat einst der deutsche Philosoph Hegel von seiner Konfession mit stolzer Begeisterung ausgerufen: „Hier liegt die Einheit des Göttlichen und Menschlichen," mit mehr Fug und Recht konnte der Bekenner des Judentums von dem Wesen seiner Lehre solches künden. Denn wir haben den Beweis am heutigen Denktage der Geburt dieser Lehre in Händen. Was der Mensch als Bürger zweier Welten, einer geistigen und irdischen, denkt, empfindet, denken und empfinden soll, es ist mit unauslöschlichen Zügen, mit göttlichem Griffel eingemeißelt in den einen Zweitafelstein von Sinai. — Auf der einen Seite das Wesen des Judentums in Beziehung auf das seelische Band, das den Erdensohn mit dem Himmelsvater verbindet, auf der andern die Grundgebote des sittlichen Handelns der Ethik für den realen Boden irdischen Zusammenlebens mit den göttlichen Gebilden von Fleisch und Blut, die Ebenbilder des himmlischen Urbildes sein sollen. Das eine ohne das andere wäre undenkbar, träfe den Menschen als solchen, als den sichtbaren Träger des flüchtigen Weltreiches und des ewigen Gottesreiches nie und nimmer. Deshalb sind die Sinaitafeln die unverbrüchlichen Zeugnisse der Offenbarung der höchsten Majestät, nicht nur für uns Israeliten, sondern für die gesamte gebildete Menschheit, Stern und Kern, Halt und Gehalt aller Religionen. Und der heutige Feiertag, an dem sie die Moseshand von der Höhe zur Tiefe gebracht, ist am geeignetsten, die Einheit des Göttlichen und Mensch-

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