Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606696--9387-9606700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 356. Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. Die edlen Naturen aller Zeiten haben das heilige Gebiet des Schönen nur in weihevoller Stimmung betreten; während sie das Ideal der Vollkommenheit in sich trugen, sehen sie es auch vor ihren Augen schweben. Sie wandelten im verklärten Licht und rufen uns aus aller Zeiten Ferne jetzt noch zu: „Lasset uns wandeln im Lichte des Herrn". Kaum chatle Mose die Religion des Geistes vom Sinai verkündet, so geht er ans Werk, ein Heiligtum zu errichten, damit das Schöne, das im Heiligtum obwaltete, zugleich das Heilige werde. Schon ist der Künstler von dem göttlichen Geist beseelt und dem Propheten ebenbürtig betrachtet er den Meister, der den rohen Stoff durch die schöne Form adelt. Andere wiederum, auch hochbegabte Geister, für die aber das Ideal der sittlich vollkommenen Menschheit aus dem Leben geschwunden war, haben ohne die eigentliche Weihe das Gebiet der Kunst und Wissenschaft betreten, und je höher der Standpunkt war, den sie darin eingenommen haben, desto mehr haben sie sich selbst mit dem Gedanken vertraut gemacht, „es könne ein gedeihlicher Fortschritt des Menschengeschlechts durch die bloße Vervollkommnung seiner ästhetischen und intellektuellen Anlagen außer Verbindung mit seiner moralischen und religiösen Natur geschehen". Dieses ist der sogenannte philosophische Materialismus, der theoretisch wie praktisch sich weithin über das Gesamtgebiet menschlicher Tätigkeit gelagert hat, und in dem bloß die Kraft, aber nicht die Weihe der Kraft vorhanden ist. So hat z. B. die Kunst der Griechen nur so lange in Blüte gestanden, als diese ideale Verklärung ehrwürdig dastand. Sobald diese ideale Verklärung zu Grunde ging, sank auch die Kunst, diente bloß zur Lust der Menschen und konnte nicht mehr aus dem Born idealer Schönheit, sondern nur noch aus der prosaischen Wirklichkeit schöpfen. Betrachten wir nun nach dieser Auseinandersetzung das positive Verhältnis der Hebräer zur bildenden Kunst und systematischen Wissenschaft. Auf den ersten Anblick scheint es, als ob die Hebräer des Sinns und der Befähigung für diese Gebiete ermangelten. In der Plastik und Malerei haben die Hebräer nichts geleistet. Wenn nun auch bei ihnen das religiöse Gesetz die bildende Kunst entweder beschränkte oder gänzlich verbot, so fand dadurch keineswegs eine widernatürliche Verkümmerung vorhandener Anlagen statt, sondern das göttliche Verbot stimmt durchaus mit dem eigentümlichen We^en des Volksstammes, dem es gegeben war. Indem den Hebräern verboten wurde, das göttliche Wesen im Bild darzustellen, wie es die umwohnenden Völker gewohnt waren, wurde ihnen und der bildenden Kunst nichts entzogen, sondern die Welt vor einer Vermehrung mißgestalteter Götzenbilder bewahrt. In der Poesie, die eine geistige Zusammenfassung und Wiederholung der Plastik und Malerei ist, bemerken wir dasselbe Verhältnis der Hebräer. Für Epos und Drama, die Wurzel und höchste Blüte der Poesie, scheint ihnen Sinn und Anlage zu fehlen. Nur da, wo im Innersten des menschlichen Geistes die Kunst mit der höchsten Lebensmacht, mit der Religion und den ihr verwandten sittlichen Mächten sich unmittelbar berührt, da zeigt sich auch der hebräische Volksstamm ihrer fähig. Hierher gehören die Psalmen, nach ihrer poetischen und musikalischen Seite, das Hohe Lied und das Buch Hiob. In gleicher Weise fehlt den Hebräern Philosophie und Naturwissenschaft. Der systematisch-wissenschaftliche Sinndas Streben nach objektiver Erkenntnis der Welt und ihrer Erscheinungen fehlt den Hebräern ganz. Der Hebräer führt alle Erscheinungen der Natur sogleich auf den letzten Grund alles Seienden, auf Gott zurück. Er nennt den Donner die Stimme Gottes; Gott führt die Sterne hervor und bestimmt ihre Bahnen; er schüttet im Regen die Schläuche des Himmels aus. Die Schilderungen von Tieren und Naturvorgängen, die das Buch Hiob enthält, haben durchaus keinen wissenschaftlichen Zweck; sie dienen nur dem Beweis der Erhabenheit und der Macht Gottes. Sind wir aber von dem völkerpsychologischen Standpunkt berechtigt, diese Erscheinung als einen Mangel des hebräischen Stammes zu betrachten? Allerdings ermangelten die Hebräer der bildenden Künste; und ebenso fehlen ihnen die vornehmsten Gattungen der Dichtkunst: das Epos und das Drama. Allein, das Volk der Offenbarung konnte und sollte auch kein Epos haben. Denn seine ursprüngliche heilige Geschichte durfte nicht willkürlich von dem epischen Dichter nach Kunstgesetzen umgestaltet werden; sie war heilige, unantastbare Geschichte. Noch weniger durfte seine Vergangenheit in ein gegenwärtiges Drama umgewaudelt werden. Das hebräische Volk bedurfte auch weder eines Epos — denn vielmehr als das, was der Grieche an seiner dichterisch verklärten Vergangenheit hatte, besaß der Hebräer an seiner Heilsgeschichte — noch eines Dramas, denn es stand in seinem gegenwärtigen Verhältnis zu Gott, der ihm durch seine Propheten eine herrliche Zukunft verhieß. Die hebräische Propheüe erfaßt die dramatische Poesie, wie die heilige Geschichte das Epos. Der Prophet erhebt sich über den Jammer und das Elend der Wirklichkeit nicht wie die dramatische Poesie in eine scheinbar ideale Welt, sondern in einen vollkommenen Zustand der Zukunft. Mit der Verklärung der Welt schließen die Propheten. Das ist die Welt, die Gott schaffen will und die Propheten schildern sie als die Sprecher Gottes voraus. Ein gleiches Verhältnis ergibt sich, wenn wir die Parallele ziehen in bezug auf systematische Wissenschaft und Philosophie bei den Hebräern. Das Volk der Hebräer, so unfähig zu philosophieren, hat dennoch ein tieferes Prinzip der Philosophie, als selbst Plato. Ohne Methode der Erkenntnis, ohne Dialektik und ohne alle philosophische und wissenschaftliche Anlage, wie sie den Griechen und Römern eignete, hat dieses Volk einen offenen Sinn gehabt für die überirdische Welt, den Urgrund alles Seins, ein offenes Herz für den allmächtigen Gott, in dem allein die Gründe und Zwecke alles Seins und Werdens, darum auch aller Erkenntnis ruhen. Und warum mußte dies so sein? Warum mußte das unphilosophische Volk das letzte Prinzip aller wahren Philosophie der Welt mitteilen? Weil das höchste Leben und die höchste Wahrheit nicht zuerst intellektueller, sondern ethischer Natur ist, weil die tiefste Wahrheitseikenntnis des Menschen nicht in seinem Verstand und in seiner Vernunft, sondern in dem sittlichen und religiösen Mittelpunkt seines Wesens, in dein Herzen liegt, das gut und böse unterscheidet. Mit Recht sagt Steinthal (Zeitschrift für Völkerpsychologie, I, 6, 343): „Dächten wir uns die Griechen noch begabter, als sie waren, so hätten wir vielleicht zehn Sophokles und zehn Phidias statt des einen, oder vielleicht noch schönere Tragödien und vollendetere Bildsäulen, aber — keinen Monotheismus" Denn der Monotheismus besteht nicht in der philosophischen Ansicht, daß die Gottheit, als das Absolute, die Einheit des Idealen und Realen, die höchste Idee und zugleich die unendliche Ursache alles Endlichen sei; zu dieser phantastischen Spekulation und Abstraktion bringen es freilich die andren Völker. Indem aber so ein abstrakter Gott gefunden wird, verliert man ihn zugleich. Denn dieser Gott ist wohl ein philosophisches Absolutes, aber im Sinne des Volkes der Offenbarung nur ein Gedankenring und ein Götze. Er ist weniger als ein Mensch, denn er ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.