Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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kl Zeitschrift siir dir Ktslimtiiltrrrjsr» des Indrntnnis. Hebst dem Meibl'cstt: Jüdisches Liltercrturbl'crtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Merlin Moß-Straße 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mt. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Jhtutmcr 26. Kerlin. 30. Juni 1905. 14. Jahrgang. XX)ir bitten die geehrten Uast - Abonnenten das Abonnement auf das Hl. Quartal bei ihrem Postamt gefl. sofort zu erneuern. Die Abonnenten, die die Zeitschrift dirrlrt beziehen, erhalten sie fortlaufend zugesandt. Kerlin. Lnde Juni {$05. Verlag der Israelitischen lüochen$chrift. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rosz-Ltraste 3. Inhalt. Artikel: Das hebräische Volk in seinem Verhältnis zur bildenden Kunst und zur Wissenschaft Von Dr. B. Seligkomitz- Köthen. — Das Wesendes Judentums. Von Dr. D. Le im dürfer- Hamburg — Ein französischer Jesusroman. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. — Die Judenhetze in Schitomir. — Verein jüdischer Religionslebrer Preußens — Politik: Dr. Max Hirsch. — Die unrichtige Adresse. — Wochenchrvnik. — Vakanzen. — Feuilleton: Trauer im Himmel. Von Albert Katz. — Inserate. Dm. Iii'lirmlilir Holl; in friitfin Unluiltim. :nr bll-kudkn Kimß und Mir Wlsrnschnst. Von Dr. B. SeligkoMilz-Köthen. Die edelsten Geister aller Zeiten haben in der einmal in Kunst und Wissenschaft erreichten Kulturstufe ein wichtigstes Moment der Veredlung aller daran beteiligten Menschen erkannt. Von dem poetischen Philosophen Griechenlands angefangen bis auf den philosophischen Poeten Deutschlands, von Plato bis auf Schiller, gibt es eine unabsehbare Reihe begeisterter Schriftsteller und Gelehrter, die jeden Fortschritt in Kunst und Wissenschaft nur als eine Entfaltungsphase und als die sprechendste Kundgebung einer immer fortschreitenden Veredlung des menschlichen Geschlechts begrüßen und zugleich die schönsten Hoffnungen für die Hebung des Sittlichkeitsgefühls daran knüpfen. Was das Judentum betrifft, so ist es ein erhebender Gedanke für uns, daß die Lehre des Judentums die Kunst und das Wissen so hoch zu stellen weiß, daß sie in dem begabten Künstler und in dem befähigten Menschen einen Liebling Gottes erkennt. So zeugt es auch von der tiefen Verehrung für den Geist und seine Macht, daß unsere Lehrer noch in späteren Jahrhunderten eine Segensformel festgesetzt haben zu Ehre und zu Dank dem, „der von seiner Weisheit dem Sterblichen mitgetei.lt hat". Deshalb konnte es von dem Erbauer des Heiligtums heißen: „Er hat ihn erfüllt mit dem Geist Gottes an Kunst, Erfindung, Einsicht. . ." Es finden sich außerdem zahlrei^e Stellen in den biblischen Schriften, in denen Dichterfrommen Sinnes Propheten genannt werden. Dieses läßt sich nur daraus erklären, daß dichterische Konzeptionen an sich für etwas Prophetisches gelten. Und doch sehen wir sehr oft selbst hochbegabte Menschen, die den Höhepunkt in Kunst und Wissenschaft erreicht haben, in moralische Versunkenheit verfallen, während Biedersinn und Edelmut, Anspruchslosigkeit und Selbsivergessenheit, ja Offenherzigkeit und Wahrheitsliebe nicht zu den als wesentlich erkannten Attributen der Künstler und Gelehrten. gehören. Noch mehr, mir sehen ganze Völker auf dem Schauplatz der Weltgeschichte austreten, die in Besiegung aller äußern Hindernisse eine unwiderstehliche Kraft entwickeln, auch in Kunst und Wissenschaft zu einer für ihre Zeit außerordentlichen Höhe sich erhoben, erst moralisch und zuletzt auch politisch völlig verkommen. Auffallend fürwahr ist dieser Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit auf dem Gebiet kulturhistorischer Betrachtung. Allein, wir dürfen nicht vergessen, während wir den wahren Stützpunkt für Veredlung der Menschheit suchen und in Kunst und Wissenschaft zwei solche gefunden zu haben meinen, wieviel dabei auf den Ausgangs- und Vereinigungspunkt der geisteserquickenden Strahlen ankommt. Es können Kunst und Wissenschaft wie zwei von geschickter Hand aufgestellte Hohlspiegel, die aus einem Brennpunkt ausgehenden Lichtstrahlen ausfangen und wohltuendes Licht verbreiten, von vielen andern Punkten aus dagegen uns arge Zerrbilder hervorbringen. Darum bringen Kunst und Wissenschaft unter verschiedenen Dispositionen bei einzelnen Menschen und bei ganzen Völkerschaften oft entgegengesetzte Wirkungen in bezug auf moralische Veredlung hervor, weil bei dem Einen bloß die Kraft, bei dem Andern dagegen auch die Weihe der Kraft vorhanden war. i