Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 348 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 348 Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. LikevaviltHeÄ. Der akademische Verlag für Kunst und Wissenschaft in Wien beginnt demnächst die Herausgabe eines großen Quellenwerks: „Monumenta Jndaiea“. Der Plan zur Herausgabe des Werks ging, wie die „91. F. Pr." vernimmt, von den Orientalisten Wünsche und Delitzsch ans, das Programm mit seiner Gliederung von Dr. Holilscher, dem Direktor des akademischen Verlags. Das Werk erscheint in zwei Hauptabteilungen: Bibliotheca Ta^amica, die sämtliche Primärübersetzungen des alten Testaments in sich faßt, und „Monumenta Talmudica", die jene historischen Stellen und Quellen des Talmud, die zu dem Weltbild des Altertums sowie zu dessen Geschichte in irgend welcher Beziehung stehen, vereinigt. Herausgeber der „Monumenta Judaica" sind die Professoren und Doktoren August Wünsche, Lanz-Liebenfels und Moritz Altschüler. Die Politik. In Karlsruhe verstarb der ehemalige badische Jinanzminister Dr. Moritz Essstülter. Am 11. März 1827 in Karlsruhe geboren, hat er ein Alter von 78 Jahren erreicht. Er trat 1850 in den badisä)en Justizdienst und kam 1856 nach Berlin, um hier eine Stellung bei der Diskontogesellschaft zu übernehmen, aus der er drei Jahre später nach Baden zurückkehrte. Er ließ sich als Anwalt in Durlach nieder, siedelte von dort 1863 nach Karlsruhe über und wurde im folgenden Jahre als Assessor bei dem Kreis- und Hofgericht in Mannheim angestellt, wo er 1865 zum Rat befördert wurde. 1866 wurde Ellstätter, trotzdem er ein guter Jude war, als Ministerialrat in das Finanzministerium berufen und im Februar 1868 bereits zum Präsidenten dieses Ministeriums ernannt. Von da ab hat er das badische Finanzwesen ein Vierteljahrhundert lang geleitet und die organisatorischen Umgestaltungen, die der Eintritt Badens in das Deutsche Reich, sowie die neuen Finanz- und Steuergesetze mit sich brachten, in umsichtiger und verdienstlicher Weise durchgeführt. Seit 1881 war auch das gesamte Eisenbahnwesen ihm unterstellt. Dem Bundesrat gehörte er seit 1871 als Bevollmächtigter an und ist in diesem mehrfach, besonders als Referent in Fragen der Münzverfassung hervorgetreten. Im März 1893 war Ellstätter in den Ruhestand getreten. Seinen Amtsnachfolger Buchenberger, der im Februar v. I. starb, hat er also um mehr als ein Jahr überlebt.- * * In den Reichsfanden hat bei den offiziellen Veranstaltungen anläßlich des diesjährigen Kaiser-Wesnchs die vollständige Neliergetzung der jüdischen Gemeinde und ihres gesetzmäßigen Vertreters starke Mißstimmung hervorgerusen. In einem Metzer Briefe der Lothringer „Bürger-Zeitung" lesen wir hierüber: „Es war früher, ganz entsprechend der politischen Richtung Lothringens, in der der Antisemitismus nichts zu sagen hatte, Sitte gewesen, zu den Festessen, zu denen die Vertreter der christlichen Konfessionen eingeladen waren, auch den Oberrabbiner von Lothringen zu bitten. Man hat das dieses Mal nicht getan. Ja, man ist noch einen Schritt weiter gegangen', nicht einmal zur Einweihung der Denkhalle in Gravelotte ist der Vertreter der jüdischen Gemeinde eingeladen gewesen. Diese Denkhalle ist errichtet zum Gedenken an die Söhne des Vaterlandes, die das zweite Reich mit ihrem Tode geschaffen haben. Und um Gravelotte haben Tausende von Juden gekämpft — Niemand hat noch behauptet, daß sie sich weniger tüchtig als ihre christlichen Kameraden geschlagen hätten. — Hunderte jüdischer Soldaten sind in diesem heißen Ringen um Metz gefallen. Und die Erde um j Gravelotte und Mars-la-Tour deckt ihre Leiber mit derselben Ruhe, wie die der andersgläubigen Toten. War . es da nicht eine Ehrenpflicht gegen die lebenden Nachkommen, war es da nicht eine Dankesschuld den gefallenen Juden gegenüber, daß man zu der Feier, die die Halle zu ihrem Gedenken wechen sollte, auch den jüdischen Seelsorger rief? Nichts davon; weder zu dieser Totenfeier, noch zu den offiziellen Festessen war jemand gebeten, und hält man die entsprechenden Tatsachen von Straßburg und Metz zusammen, so scheint beinahe ein geflissentliches Uebergehen vorzuliegen, das auf einen Kurs hindeutet, der unsre Billigung in keiner Weise hat." * :fc * Jüdische Soldaten und chfsiziere. Am 17. Mai hat in Richmond (Va.) auf dem jüdischen Friedhofe eine eindruckvolle Gedächtnisfeier stattgefunden. Uns interessiert nur die Ansprache des Herrn John Eggleston, des Assistenten des Ober-Staatsanwalts. Dieser sagte u. a.: „Ich habe schon gesagt, daß die Juden im Süden in jeder Weise dem Ruf zu den Waffen gefolgt sind. Der ehrwürdige Rabbiner dieser Stadt, Herr Michelbacher, hatte den Generalinspektor der konföderierten Armee gebeten, wenn möglich den jüdischen Soldaten einen zweitägigen Urlaub zu gewähren, damit sie die Feiertage feiern könnten. Darauf hatte General Cooper erwidert, er würde gern den Urlaub gewähren, wenn das tunlich wäre. Aber nach seiner Schätzung befänden sich zehn bis zwölf tausend jüdische Soldaten im Heere der Konföderierten und die Gewährung des Urlaubs würde daher gewisse Truppenteile mehr oder weniger in Unordnung bringen. Es gilt nun auf Grund guter Schätzung als unwahrscheinlich, daß es, als die Feindseligkeiten begannen, im ganzen' Gebiet der Vereinigten Staaten mehr als 150 000 Juden gegeben hat. Danach wäre also höchst wahrscheinlich die Beteiligung der Juden verhältnismäßig größer gewesen als die der Anhänger jedes anderen Glaubensbekenntnisses. Ich habe darauf hingewiesen, daß der große Judah P. Benjamin, Kriegsminister im Kabinet der Konföderierten, ein Jude gewesen ist. Vierundzwanzig Stabsoffiziere un Heer und elf Offiziere in der Marine der Konföderierten waren Juden. General David de Leon, der erste Generalwundarzt in der Konföderierten Armee, war ein Jude. Im mexikanischen Kriege nahm er zweimal die Stelle kommandierender Offiziere, die getötet oder verwundet worden waren, ein und benahm sich dabei so tapfer und geschickt, daß er zweimal den Dank des Kongresses der Vereinigten Staaten erhielt. Im Februar 1861 trat er von seiner Stellung als Wundarzt und Major im Heer der Vereinigten Staaten zurück und wurde zum Generalwundarzt der Konföderierten Armee ernannt. Es ist behauptet worden, daß ein Jude dem fliehenden Präsidenten und Kabinet der besiegten Konföderierten ein freundliches Obdach gewährt hat. So laßt uns denn, die wir hier trauern an den Gräbern von Helden, im Sinne des unvergleichlichen Robert Lee, der alle seine Mitmenschen liebte und von allen geliebt wurde, keine trennenden Vorurteile haben, sondern in ewiger Liebe unserem wieder geeinigten Vaterlande zugetan sein. Jüdische Patrioten haben mehr als ihnen zukam zum Erfolge der amerikanischen Revolution beigetragen. Im Kampfe für die Unabhängigkeit des Landes haben sie ihr Blut in reichem Maße vergossen und ihr Gut hergegeben. Heute zählt man