Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 347 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606679--9377-9606690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oran 1× ep/1048048
OCR text
Nr. 25. Israelitische Wochenschrift. Seite 347. Elementarschulen. Es erübrigt sich also und verbietet sich aus verschiedenen Gründen, in diesem Lande besondere jüdische Elementarschulen zu errichten. Da der Religionsunterricht jedoch in den öffentlichen Schulen fehlt, und, wie bei einer Enquete in den Jahren 1898 und 1899 festgestellt wurde, der wirtschaftliche Fortschritt sehr unbefriedigend war, so sah man sich der doppelten Aufgabe gegenüber, die junge Generation durch besondere Religionskurse dem Judentum zu erhalten und ihr durch Förderung des bereits bestehenden Lehrlingswerks neue Erwerbswege zu erschließen. Die Mittel zu diesen Unternehmungen, die zunächst in Algier und Constantine in Angriff genommen wurden, werden ausschließlich von den französischen Juden aufgebracht. Die Aufwendungen überschreiten bereits 40 0O0 Frs. jährlich, doch wären wenigstens 100 000 Frs. jährlich nötig, um die Existenz der Institute zu sichern, deren hohe Nützlichkeit auch von der Regierung anerkannt wird. Der Antisemitismus, der in Algerien bekanntlich vor einigen Jahren zu einem heftigen Ausbruch gekommen ist, kann auf keine bessere und wirksamere Weise bekämpft werden. Herr Nahon, der Direktor der im Jahre 1900 gegründeten Schule in Algier, die über 600 Kinder, Knaben und Mädchen, zählt, gibt über das letzte Schuljahr einen Bericht, aus dem einige Stellen von allgemeinerem Interesse hervorgehoben seien. „Der hebräische Unterricht wurde in diesem Jahr durch die Einführung der direkten Methode vervollkommnet. Man gewöhnt die Schüler, soweit wie nur irgend möglich, an schnelle Erfassung und Anwendung der heiligen Sprache. Die Befehle der Lehrer, ihre Anordnungen inbetreff der häuslichen Arbeiten, die Datierung, die Stundenpläne werden in den oberen Klassen und zum Teil selbst in den untersten Abteilungen hebräisch gegeben. Durch planmäßig fortschreitende Konversationsübungen, die sich um Fragen des täglichen Lebens drehen, gelangen die Kinder allmählich dazu, sich hebräisch auszudrücken, ohne erst aus ihrer Muttersprache übersetzen zu müssen. Zunächst erfassen sie unmittelbar die Bezeichnungen und zugehörigen Ausdrücke für all die Bewegungen und Handlungen, die man vor ihren Augen vollzieht oder sie selbst vollziehen läßt. Zwar lernen sie auf diese Weise viele Worte, die sie in den religiösen Texten nicht finden und die sie niemals Gelegenheit haben werden, anzuwenden, aber ihr Ohr wird dadurch gebildet und gewöhnt sich an die Besonderheiten des hebräischen Sprachbaus. Gerade deswegen, weil das Hebräische keine lebende Sprache ist und in Nord-Afrika am allerwenigsten Aussicht hat, es zu werden, sehen die Kinder darin leicht einen unnützen, aus stereotypen Formeln zusammengesetzten Lehrstoff, an dem ihre Neugierde, ihr Beobachtungssinn keine Nahrung finden könnten. Die direkte Methode erweckte bei ihnen lebhafte Ueberraschung. Es erschien ihnen wirklich als eine Unterhaltung, sich hebräisch, und sei es in noch so geringem Maße, zu unterhalten, und sie wurden stolz daraus, die allehrwürdigen, fremdartigen Worte auch im gewöhnlichen Umgang anwenden und nach eigener Wahl kombinieren zu können. Je leichter sie nun die Texte verstehen und sich aneignen konnten, desto größer wurde ihr Interesse am Studium der Bibel und des Gebetbuchs. Wir können uns zu dem im ersten Jahre durch diese Methode erreichten Resultat nur beglückwünschen. Im eigentlichen Religionsunterricht halte ich sehr auf die Vertiefung der Lektion, auf längeres Verweilen bei besonders wichtigen Punkten, wie z. B. die menschliche und die jüdische Solidarität, die Vaterlandsliebe bei den Juden, Laiengeist im Judentum, die Anklagen oer Antisemiten, die Alliance, die von Israel der Menschheit geleisteten Dienste usw. Wenn es ein Land gibt, in dem der Unterricht in der jüdischen Geschichte nicht zu entbehren ist, so ist es Algerien. Die große Masse unserer Glaubensgenossen weiß nichts von der großen Vergangenheit Israels. Diejenigen unter unfern jungen Freunden, die auf unfern Rat Reinach oder Grätz gelesen haben, erklären uns unumwunden, daß sich ihnen eine ungeahnte Welt eröffnet habe. Hätten die Juden dieses Landes bereits früher ein stärkeres Bewußtsein von der Würde ihres Stammes gehabt, so hätten sie längst ihre Kräfte zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Ehre vereinigt und hätten fremden Beistandes zur Bekämpfung des Antisemitismus nicht bedurft. Die Krise wäre nicht vermieden worden — weil sie größtenteils aus äußeren Ursachen hervorging, aber doch abgeschwächt worden. Jedenfalls hatte die schreckliche Lektion des Jahres 1898 Früchte getragen und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gezeitigt gegenüber dem erniedrigenden Ostracismus, der auf die Gewalttätigkeiten der Straße folgte. Wir jedoch haben nur auf die Jugend Einfluß, wir setzen unsere Hoffnung auf die Zukunft. Auch die öffentlichen Schulen versuchen, allen ihren Schülern ohne Unterschied ihres Ursprungs Liebe zur Gerechtigkeit und zur Freiheit einzuimpfen. Aber sollte nicht die jüdische Jugend dieses Bedürfnis nach Gleichheit und sozialem Fortschritt inniger empfinden, wenn sie die Geschichte ihrer Ahnen durchgegangen ist, wenn die Opfer der Intoleranz als die besten Prediger liebevoller Duldsamkeit vor ihren Augen vorübergezogen sind? Die Logik der „Menschenrechte" hat man ihnen wohl entwickelt und man hat ihnen auf die gleiche Weise wie allen ihren Kameraden von den Eroberungen der Revolution erzählt. Aber werden sie nicht von dem heiligen Charakter dieser Rechte desto tiefer durchdrungen sein und nicht hundertmal glühender die Prinzipien von 1785 verteidigen, wenn ihnen gezeigt wird, daß sie noch heute vom Gesetz geächtet, von der Menschheit ausgestoßen wären, wenn das alte Regime noch fortdauerte? Und prägt sich nicht der Respekt vor dem Recht, die Pflicht der Gerechtigkeit, der Kultus der Vernunft den jungen Gemütern in desto schärferen Zügen ein, wenn sie sich überzeugen, daß die gegenwärtige Zivilisation nur auf die Verwirklichung unserer historischen Ideale hinzielt, daß man sich ihr aber auch ohne Rückhalt hingeben müsse, wenn man das Werk der Ahnen fortsetzen und ein guter Israelit sein will? Im Geschichtsunterricht begrüßen wir eine neue Quelle moralischer Energie innerhalb der Gemeinde. Auf dem Gebiet der Lehrlingsausbildung arbeitet in Algier seit langem der Verein „Le Travail". Die Alliance widmet ihm eine beträchtliche Subvention. Die Ausbildung von weiblichen Lehrlingen wurde jedoch erst von der Alliance begonnen. Werkstätten für Wäschenähen, Strickerei und Schneiderei wurden geschaffen und haben glückliche Erfolge gezeitigt. In Constantine war überhaupt noch alles zu tun. Im Jahre 1904 hatte die Alliance daselbst 27 Lehrlinge unter ihrem Schutz: 13 Tischler, 11 Schmiede, 1 Sattler, 1 Photograph, 1 Steinmetz. Für die Mädchen wurden 2 Werkstätten für Schneiderei und für Wäschenähen eröffnet. Ein Zeichen des neuen Geistes ist die im Jahre 1903 zu Algier gegründete „Vereinigung für gegenseitige Unterstützung" (La Lraternelle). Sie bekämpft auf mehr direktem Wege das alteingewuzelte Bettlerunwesen. Es ist zu wünschen, daß die Opferwilligkeit der französischen Juden die Alliance bald in die Lage bringe, ihr Werk auch auf andre größere Gemeinden, wie Oran (mit über 10 000 Seelen) und Ttemcen (mit 5000 Seelen) auszudehnen. (Nach dem neuen Jahresbericht der A. I. U)