Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 12. (1905) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 12. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492408-6582208-9735067--3404-9606688
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

47 meiner Haut und los meines Fleisches werde ich Gott schauen.“ (Job. 19, 20). Der Mensch hat in Job seine Menschenwürde, seinen sittlichen Wert trotz aller Verdächtigungen und Verleumdungen des Satans behauptet. Er hat sich an seinem bösesten Feind, der alles Edle in der Menschennatur aus eigennützigen Motiven erklärte, gerächt. Denn der Satan ist ebenso wie der moderne Pessimismus durchaus materialistisch veranlagt; daher sein Haß gegen alles jüdische; denn der Dichter Jobs, ein Jude, ist sein größter Gegner. Ja er ist ein echt jüdischer Typus, dieser Job oder sein Verfasser; hat gar nichts von dem Griechen an sich, zu dem ihn die Christelden Theologen so gern stempeln möchten. Er trägt, ׳ trägt sein Leid in Geduld, ohne sich von seinem Schmerze überwältigen zu lassen. Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, gepriesen sei sein Name in Ewigkeit. Er kämpft gegen den Satan, gegen seine Neider, Hasser, uud Verächter, indem er gegen sich kämpft. Er gibt sich nicht auf, wird sich nicht untreu. Wo aber sein Schmerz am höchsten, da ist ihm Gotteshilfe am nächsten. Durch Zweifel ringt er sich zur Gewißheit dessen, durch was sein Herz am tiefsten bewegt ist. Gott allein kann doch nur Zeuge seiner Unschuld sein, die Menschen, und seien es die besten, werden ihn verurteilen. Der Pessimismus konnte hier also nicht in eine antireligiöse, antisittliche Stimmung ausarten, weil ihm an dem Gottesglauben, der im Herzen eines jeden Israeliten so tief wurzelte, eine feste, unverrückbare Grenze gesetzt war. Das Buch Job läßt sich aus der nationalen Stimmung Israels in jener Zeit erklären, wenn auch Job Israel nicht personifiziert. Jenes Gottvertrauen an den endlichen Sieg Israels findet jetzt seinen Widerhall auch in dem Herzen des einzelnen, der angesichts des Nationalunglücks mit der Hoffnung der Wiederherstellung und Wiederverjüngung seines Volkes die Besserung seines Geschickes verbindet. Denn ebenso wie Job ist Israel dem Gespött der Völker, ihrem Hohne, ihrer Verachtung ausgesetzt; wie gegen sein Volk sich die Heerscharen in wilder Flut ergossen, so ist auch er von den Geschickesmächten umringt. Aber der Gottestag kommt, in dem sich alles entwirrt und jeder zu seinem Rechte kommt. Mit dem Sieg seines Volkes, des יעבד ה׳ des Gottesknechtes, ist auch der des einzelnen, des Job, gegeben, der עבד genannt wird. Denn in beiden lebt der unerschütterliche Glaube an den Sieg der Tugend, der Gerechtigkeit, der in dem Satze des II. Jes. Ausdruck gefunden: Mögen Berge wanken und Hügel weichen, mein Friedensbund, den ich Israel und somit der Menschheit im Glauben gegeben, er weicht nie und nimmer. Litteraturbericht. Recensionen. L. Landau. Epitre historique du R. Scherira G&ou, traduite de l’hebreu moderne arameen et comrnentee, avec une introduction. Anvers. 1904. XLII und 90 S. Selbstverlag. 5 francs 50 cent. (Schluß.) Wir machen daraus dem Verfasser keinen Vorwurf; er hat in dieser Einleitung getan, was tausend Andere getan und noch tun werden und was er ebenso gut tun kann, wie sie. Wir haben nur die Tatsache festhalten 'wollen, daß von einem Fortschritt in der Erkenntnis des Talmuds nach wissenschaftlicher Seite hin ein Fortschritt weder vorhanden ist, noch erstrebt wird. Und dabei kennt Verfasser die talmudischen Quellen, ist nur bei den üblichen Gemeinplätzen stehen geblieben. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Verfasser sich auf die Darlegungen bezüglich der Amoräerzeiten, Saburäer und Gaonen beschränkt hätte, da diese nicht so allgemein 'bekannt sind. Aber er wollte etwas Vollständiges bieten. Sollen wir nach berühmten Mustern nun abgehen, nachdem wir uns mit dem beschäftigt haben, was nicht zur Hauptarbeit gehört? Wo käme da der Verfasser hin? Sollen wir seine unterrichtenden Ausführungen über Scherira und seine Zeit nicht lesen? Ueber die Abnahme des wissenschaftlichen Geistes, über den Mangel an geeigneten Männern für das Garonat? Ueber seine Schicksale unter Alkadir? Besonders aber, wTas über den vorliegenden Brief Scheriras gesagt ist. Bekanntlich wird auf eine Anfrage von Jakob ben Nissim aus Kairuan über Abfassung und Ueberlieferungsart des Talmuds und seiner Begleitwerke, der Tosefta und der Baraithoth und über die geschichtliche Reihenfolge der Lehrer von Scherira eine eingehende Antwort gegeben. Wir besitzen den Brief Scheriras in der Fassung der französischen u־nd der spanischen Schule. Ein Gleiches ist mit den Halachot Gedoloth und mit Aboth de R. Nathan der Fall. Welches von beiden ist nun die richtige, welches die von der Urschrift mehr abweichende Fassung? Nach Neubauers Ansicht kamen die gaonäischen Er- Zeugnisse auf ihrem Wege von Osten her zuerst nach Spanien und Italien, und erst dann nach Deutschland und Frankreich. Das würde der spanischen Fassung schon einen gewissen Vorrang vor ihrer französischen Sclrwester sichern. Raschi führt die Ansichten, daß außer Megillath Thaanith in den Tagen der Amoräer noch kein Wort der Ueberlieferung geschrieben. Wir lesen in Scherira das Gleiche. Hätte Raschi nach seiner Art nicht die gaonäische Quelle angeführt, wenn er dasselbe darin gelesen hätte? Es leiten uns noch andere Spuren darauf, daß das gaonäische Schrifttum von Seiten der Franzosen eine vielfach veränderte Fassung erhalten habe. Manche Wendungen, die beim Spanier aber, undeutlich sind, geben beim Franzosen durch Schriftverderbnisse gar keinen Sinn. Wenn nun Scherira in einem Rechtsgutachten die sechs Ordnungen der Mischna seit Hillel und Schammais Sagen als feststehendes Gut anführt, wie kann er der Ansicht sein, daß nichts davon schriftlich aufgezeichnet war? Diese Frage des Verfassers kann als schwerwiegend nicht bezeichnet werden. Die Vertreter der mündlichen Aufbewahrung haben die Mischna mit ihren sechs Ordnungen ja auch von Rabbi herleiten müssen, und die Ordnungen (nach dem Vorgang des Talmuds) von Hillel und Schammai her. Allerdings war Scherira der Ansicht, daß eine schriftliehe Aufzeichnung stattgefunden habe (siehe den B/ief Scheriras selbst S. 10, Frankel Hodegetik S. 217 und a.) Außer den genannten Ausgaben ist noch ein kürzerer Abriß davon handschriftlich im britischen Museum vorhanden, zuerst von Filirowsky, dann von Neubauer veröffentlicht. Gerade diese Abschrift hält Neubauer für die älteste vom Scherirabrief vorhandene; die umfassenden der Urschrift mehr entsprechenden Fassungen haben wir demnach nur in jüngeren Handschriften. Gerade in diesem Abriß fehlen manche Stellen, die R. Hai Gaon, Scheriras Sohn, selbst aus dem Briefe seines Vaters angeführt hat. Das Wörtchen ובן׳ begegnet dem Leser an so vielen Stellen, daß man darin nur eine verkürzte Wiedergäbe des Ganzen sehen kann. Der Schlußsatz über R. Hai schließt sich hier nicht an das vorhergehende an, während er in den größeren Ausgaben sich sehr gut anfügt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.