Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 345 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Baku 1× ep/1000527
- Kursk 1× ep/1044963
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Nr. 25. Israelitische Wochenschrift. Seite 346. die Vorschrift übrig, die das Ministerium des Innern an die Gouverneure richtet, nämlich: „Dem einsichtigen Teil der Bevölkerung klar zu machen, daß sie (?) verpflichtet seien, im Interesse der Sicherheit der jüdischen Menge, ihren in den politischen Kampf verwickelten Glaubensgenossen die Ueberzeugung einzuschärfen, daß es durchaus notwendig sei, nicht durch ihre Haltung die Feindseligkeit der christlichen Bevölkerung auf sich zu ziehen." Also wenn es dem einsichtigen Teil der Juden nicht gelingen sollte, jenem andern das einzuschärfen, was die Behörden ihm nicht einschärfen konnten, nun, dann kann eben die Regierung nicht die Sicherheit für ihre jüdischen Untertanen übernehmen. Wer hat dem Ministerium des Innern das Recht gegeben, den Juden die Garantie zu versagen, die jede Regierung friedlichen Bürgern zu gewähren verpflichtet ist? Welch eine Regierung, wenn sie überhaupt eine Regierung ist, kann offen erklären, daß sie für die Sicherheit von Person und Besitz ihrer Untertanen keine Gewährleistet. DerstaunendeLeser der Mitteilung der Regierung hat die Wahl zwischen zwei logischen Schlüssen — entweder ist die Regierung unfähig diese Garantie zu leisten, oder cs bandelt sich nicht um die Unmöglichkeit diese Garantie zu geben und sie durch die Tat zu verwirklichen, sondern die Regierung will sie nicht geben, und nicht die Natur der Dinge „hindert, dem Zusammenstoß vorzubeugen", sondern die Administrativbehörden wollen nicht den Zusammenstößen wirklich zuvor kommen und ihnen ein Ziel setzen. Die dem einsichtigen Teil der jüdischen Bevölkerung gegebene Erklärung ist in diesem Falle eine Drohung, den Juden die Garantie ihrer Sicherheit zu verweigern. Gegen eine solche Erklärung ist das Plehwesche Zirkulär, von dem vor drei Jahren in der „Times" die Rede war, farblos. Es wiederholt sich die alte Geschichte — an den Juden demonstrieren die Regierungsbehörden die Maßnahmen, die zum System gehören. Mit Kischinew und Hömel hat man begonnen und ist in Baku angelangt, man hat aber auch Rischni-Rowgorod, Tormbow, Kursk und Pskow nicht geschont. Den Juden gegenüber ist die Drohung mit der Nichtgewährung der Garantie, wie Kischinew, Homel, Mohilew und eben noch Schitomir gezeigt haben, vollkommen verwirklicht worden. Was die Nicht-Juden anbetrifft, so wird dies System offiziell noch nicht anerkannt, die Drohung mit Gewalttätigkeit gegen die Nicht-Juden, welche in den politischen Kampf verwickelt sind, wird einstweilen in anonymen Briefen und in Proklamationen vorgebracht, die von einer „Monarchistischen Partei der Terroristen" und anderen unterzeichnet sind. Aber das System ist in der Judenfrage bereits großgezogen worden und nichts hindert seine Verbreitung. Es ist wenigstens gut, daß man jetzt mit unverhüllter Aufrichtigkeit vorgeht. Was besser sei, das Geständnis der Unfähigkeit, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten oder die Unlust, diese Sicherheit zu schützen — auf diese Frage mögen die Verfasser der Mitteilung der Regierung antworten. Wir aber können nur eins fragen: wo ist denn die Gesetzlichkeit, wo ist das, was uns zweimal so feierlich verkündet wurde, dessen wir uns für die Zukunft zu gewärtigen haben? . . Sic UrilkWichlilg CHMiiiis. Vor ungefähr zwei Jahren hielt, wie Karl Herold aus Alexandrien in einem Artikel der „Vossischen Zeitung" berichtet Sir William Willcocks, der geniale Bewässerungsingenieur, der als Schöpfer des modernen Bewässerungs-Systems von Aegypten das Land zu ungeahnter Blüte brachte und die Entwürfe für den einzigartigen Damm und das Reservoir von Assuan schuf, in Kairo einen Vortrag, womit er das Interesse seiner Zuhörer auf das alte Zweistromland Chaldäa lenkte, das, einst blühend wie kein zweites, jetzt eine Einöde ist. „Wie töricht war jener Pharao, der in seinem Stolze ausrief: Bin ich nicht Pharao, König von Aegyten! Sähe er Chaldäa, er würde es mit Demut gesagt haben." So soll Maimun, der Sohn und Nachfolger Harun al Raschids, ausgerufen haben, als er von der Höhe des Mokattam-Gebirges die Ländereien Aegyptens zu seinen Füßen liegen sah." Mit diesen Worten eröffnete damals Sir William Willcocks seinen Vortrag über die Neuschaffung der alten Bewässerungswerke am Tigris. Der Plan, eine Eisenbahn zum persischen Golf unter deutscher Leitung zu bauen, zog damals die Aufmerksamkeit aller Welt auf das geheimnisvolle Land, das einst den Stolz des chaldäischen Königreiches gebildet hatte. Mit dem tiefsten Interesse folgten die Bewässerungsingenieure der von S^r Williams unternommenen Rekonstruktion des großen Nahrwan-Kanals, der beinahe zweimal so breit war wie der größte ägyptische Kanal, und der, indem er die Wasser des Tigris bei Tura am linken Ufer aufnahm, ein ganzes großes Kanalnetz versorgte und ein ausgedehntes Land bewässerte, bevor er ein wenig unterhalb Badrai den Fluß wieder erreichte. Und er berichtete weiter von dem östlichen Kanal-System, dessen Hauptwasserader, der über hundert Kilometer lange und fünfzig Meter breite Dijail-Kanal, das Land südlich von Bagdad bewässerte. Die Ursache des Verfalls dieser herrlichen Werke lag in den Veränderungen im Laufe des Hauptstromes, des Tigris, in Chaldäas schlimmer Zeit, wodurch die Wasserversorgung für die mächtigen Kanäle abgeschnitten wurde und diese zu den schwachen Wasserläufen herabsanken, die sie heute noch sind. Ein Paradies wurde dadurch in eine Wüste verwandelt. Verlockend war es, anzuhören, was getan werden könnte, diesen verdorrten Ländereien ihre alte Fruchtbarkeit zurückzugeben. Nach Willcocks Schätzung können vom Tigris aus allein durch einen Kostenaufwand von 8 Millionen Pfund 14/4 Millionen Acker Land bewässert werden, die einen Wert von 38 Millionen Pfund hätten und ein jährliches Erträgnis von 2 Millionen Pfund, also 25 vom Hundert der Anlagesumme, versprechen. In Unter-Chaldäa harren l1^ Millionen Acker ihrer Erschließung durch einen Kostenaufwand von 13 Millionen Lstr., den Wert dieser Ländereien würde man auf 20 Millionen Lstr. schätzen können. Für das gesamte alte Chaldäa würden somit durch einen Gesamtaufwand von etwa 21 Millionen Lstr. 2 800 000 Acker im Werte von 60 Millionen Lstr. gewonnen werden. Das Interesse an der Wiederbelebung Chaldäas verschwand bei dem englischen Publikum infolge der Absage des englischen Kapitals gegenüber dem Bagdadbahn-Unternehmen, in Deutschland aber, dessen Einfluß in Kleinasien und im mittleren Orient durch diese Bahn erhöhr werden wird, müßte diese Frage auch jetzt noch die höchste Beachtung finden. Sir Willcocks welcher erklärt, in seinem neuesten Buche „Der Nil im Jahre 1904" das letzte Wort über den Nil und ägyptische Bewüsserungsverhältnisse gesprochen zu haben, sucht nun ein neues Feld für seine nimmer rastende Tätigkeit und so trat er im November v. I. eine Reise nach Chaldäa an, um sich mit eigenen Augen von den dortigen Zuständen zu überzeugen. Auf seiner vor kurzem erfolgten Rückreise wurde er in Bombay von einem Vertreter der „Times of Jndia" über die Ansichten ausgefragt, die er sich aus seiner persönlichen Kenntnis des Landes gebildet hat, und was er da sagte, ist für uns im höchsten Grade interessant.